Rufen Sie einfach an!

Horizonte
Ausgabe
2018/38
DOI:
https://doi.org/10.4414/saez.2018.17072
Schweiz Ärzteztg. 2018;99(38):1296

Affiliations
Dr. med., Facharzt für Allgemeine Innere Medizin, Mitglied FMH

Publiziert am 19.09.2018

Natürlich, es geht schliesslich nur um einen einzigen Wert, deswegen soll ich «einfach anrufen»; je nach ­Resultat werde über das Weitere entschieden. Das Nachgeschobene «das können Sie doch!» lässt mich ­einen Moment zögern. Sieht man mir an, was mich bei der Vorstellung, anrufen zu müssen, heimsucht? Natürlich kann ich anrufen; und doch nagen Zweifel an mir. «In zwei Tagen.» Morgens um 9 Uhr ist ungünstig, ausser einem unablässigen Piepsen ist nichts zu hören. Diese zermürbenden Anrufe, ich gebe es zu, haben es in sich: In solchen Situationen überfällt mich ein Gefühl der Hilflosigkeit: es gibt keine Möglichkeit zu entfliehen, ich fühle mich ausgesetzt, mein Gegenüber ist nicht fassbar, ich schäme mich zu scheitern. Heutzutage, da alle nichts anderes tun, als zu kommunizieren. Beim zweiten Versuch schwitze ich, ich lege mir zurecht, was ich zu fragen habe. Mich nur nicht verheddern, keine Schwäche zeigen. Das Alibi-Phon – heisst das so? Alibi für wen oder was? – antwortet. «Hausarztpraxis. Alle unsere Leitungen sind besetzt, versuchen Sie es später, vielen Dank für Ihren Anruf!» Das ist ­einer jener vielen Momente, in welchem meine Welt zerfällt. Alles will mir zwecklos, sinnentleert erscheinen. Und meine im Innern nagende Frage: Sehen die, wer anruft? Will man mich nicht? Nein, ich mache mich lächerlich. Telefonieren: das können kleine Kinder! Ich muss, ich muss anrufen, es ist meine Pflicht. Auch die vielen besetzten Leitungen wollen mir nicht aus dem Kopf. Gibt es in einer kleineren Praxis viele Leitungen? Ich verstehe das nicht. Viertel vor zwei Uhr ein neuer Versuch. Eine prägnante Formulierung hilft mir, meine Verunsicherung zu kaschieren, um am ­Telefon nicht aufzufallen. Ausserhalb der Praxiszeiten, Mitteilung der Öffnungszeiten, man dankt für den Anruf. Ich bin froh, dass die Praxis am früheren Nachmittag geschlossen ist, noch einmal bin ich davongekommen. Selbstverständlich ist das Problem nicht gelöst, doch ich habe meine Verzweiflung vor der Öffentlichkeit geheim gehalten. Um 16 Uhr, eine halbe Stunde vor Schluss, funktioniert die Verbindung, endlich! «Bitte bleiben Sie am Apparat, wir stehen gleich zu Ihrer Verfügung!» Doch da steht niemand, um das Telefon zu bedienen, es wird wohl, wie jeweils stolz verkündet wird, pumpenvoll sein. Ich bin ein wenig gleichgültig geworden, ich weiss, dass ich nicht erhört werde, ich habe Grundlegendes der Kommunikation nicht verstanden. So verscheuche ich meine Gefühle des Scheiterns auf den morgigen Anruf. 10 Uhr 45: Jetzt: es klappt. Ich erkläre den Grund meines Anrufs, auswendig gelernt. Ein wenig schwankt meine Stimme. Ist meine Formulierung auffällig? Der gesuchte Wert lässt sich in meinen Daten nicht finden. «Einen Moment, ich muss auf die andere Seite.» Seite? Seltsam. Die Linie ist leer, die Person am Apparat verschwunden, kein Rauschen. Stumm. Stille. Nichts. Uferlos. Andere Seite? ­Erleide ich erneut Schiffbruch? Aber Schiffbruch ist kein Begriff aus meinem Wortschatz. Und diese enorme Stille. Das Nichts? Meeres Stille. Diese ist es, ­genau diese, ich segle auf dem Meer. Im Zeitalter der Segelschiffe bedeutete Meeres Stille Todes Stille. Ohne Regung ruht das Meer. Glatte Fläche ringsumher. Ich suche Beethovens Meeres Stille. Das Chorwerk. Sostenuto. Haltenoten der Streicher ohne Ende. Ich suche, suche Melodie und Text in der Stille der anderen Seite, in den stillstehenden Wellen: In der ungeheuren Weite reget keine Welle sich. «Ja», meldet sich die Stimme nach einer Ewigkeit, «sind Sie noch da?» Bin ich noch da? Nein. Obwohl sich das Schiff nicht bewegt, schwankt der Boden. «Ihr Wert ist untergegangen!» «Im Meer?» Stille. Nun von der anderen Seite. Ja: Todes Stille fürchterlich. Ich setze Goethes Gedicht zusammen. Nach einer langen Pause spricht es wieder, sie würden notfallmässig nach meinem Wert suchen. «Können Sie mich denn noch finden?» In drei Tagen solle ich einfach wieder anrufen. Ich bleibe stumm, was gibt es zu sagen? Meine grosse Mühe mit dem Anrufen: alles umsonst. Da ist er wieder, der Moment 
des Aufgebens, des Nicht-mehr-Wollens. «Sind Sie noch da?» Ich nicke, nicke stumm. Das ist ungeschickt, wer sieht mich denn? Ich kann nicht sprechen. Ich hänge auf ohne Verabschiedung. Schmach und Ungemach liegen vor mir oder hinter mir. Ich will nicht mehr ­anrufen. Wenn da nur nicht das Meer wäre, es, ich gebe es zu, die Überlegung ist gewöhnungsbedürftig, könnte mir helfen, es nochmals zu versuchen. Denn der Meeres Stille folgt etwas, von dem ich oft träume: von einer sanft anflutenden Welle, die, allegro vivace, des Meeres Stille zur Glücklichen Fahrt werden lässt.
Dr. med. Enrico Danieli
Via ai Colli 22
CH-6648 Minusio
e.b.danieli[at]bluewin.ch

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