Von Ärzten – für Ärzte. Aber nur, wenn sie unter 50 sind!

Briefe / Mitteilungen
Ausgabe
2018/36
DOI:
https://doi.org/10.4414/saez.2018.17091
Schweiz Ärzteztg. 2018;99(36):1174-1175

Publiziert am 05.09.2018

Von Ärzten – für Ärzte. Aber nur, wenn sie unter 50 sind!

Nun habe ich selbst erlebt, was mir Ü-50 Pa­tienten erzählen: Hat man die ominöse Alters­grenze überschritten, hört die Solidarität auf! 56-jährig habe ich mich nach 30-jähriger ­Spitaltätigkeit als Landarzt neu orientiert. Mit dem Schritt zur Selbständigkeit gibt man Sicherheiten auf. Es gilt deshalb, das Erwerbs­ausfallsrisiko mit einer Taggeld- und Invaliditätsversicherung zu mindern. Doch das Leben hat Spuren hinterlassen. Eine akute Diskushernie, die notfallmässig operiert werden musste. Eine durchgemachte Erschöpfungsdepression, abgeheilt. Eine Foraminalstenose. Ich konnte vor Schmerzen nicht mehr aufrecht stehen. Man musste operieren.
Der Treuhänder rät mir zur Genossenschaft «Von Ärzten – für Ärzte», die in unserem Standesorgan ganzseitige Hochglanzanzeigen mit abtrennbaren Anmeldetalons publiziert. «Die klassische Form der Weiterempfehlung ... ist immer noch die persönlichste». Das erscheint mir eine gute Idee zu sein, weiss ich doch, dass psychische und Rückenprobleme ein grosses Problem für Versicherungsabschlüsse darstellen. Und wird ein erster Antrag abgelehnt, ist es faktisch vorbei! Keine Versicherung wird sich mehr auf dieses Risiko einlassen.
Akribisch fülle ich den vierseitigen Erstantrag für ein eher bescheidenes Taggeld aus (etwa die Hälfte meines bisherigen Verdiensts im Spital). Die Prämie ist exorbitant. Sogar ein Velosturz mit einer 1 mm Stufe im Radiusköpfchen und zwei ambulanten Konsultationen wird aufgeführt. Neben der detaillierten Angabe zu Krankheiten, Unfällen und Arbeitsausfällen (mehr als drei Wochen) sollen zwei Referenzärzte benannt werden. Ich habe keinen Hausarzt. Der Wirbelsäulenorthopäde, überregional bekannt, und der Psychiater, Vorstandsmitglied der kantonalen Ärztegesellschaft, dürften wohl glaubhaft sein. Der Psychiater antwortet auf die Fragen zur Pro­gnose, es dürfe «nicht nur von einer wieder konsolidierten, sondern von einer tendenziell erhöhten psychischen Belastbarkeit ausgegangen werden». Nach einigen Wochen wird mir von der Genossenschaft «von Ärzten – für Ärzte» ein wiederum vier Seiten langes Standardformular zugestellt. Die Fragen entsprechen weitgehend denjenigen im Antragsformular. Eine Untersuchung bei einem Arzt meiner Wahl wird verlangt. Gerade mal zwei Tage später trifft ein weiteres Schreiben der Genossenschaft «Ärzte für Ärzte» ein. Genauere Angaben zu Diagnosen (wurde schon im Antragsformular deklariert), Art, Dauer und Verlauf der Behandlung (dito), Prognose (von den Referenzärzten beantwortet) und der Arbeitsunfähigkeit (bereits deklariert) werden verlangt. Bitte auch für die Radiusköpfchenfraktur! Für diese Bagatelle! Beide Briefe sind «in Vertretung» unterschrieben. Es ist halt ­Ferienzeit.
Schliesslich wird es mir zu viel. Ich schreibe dem Geschäftsleiter. Man macht mir das Angebot, zu telefonieren. Mittlerweile ernüchtert, ziehe ich meinen Antrag zurück. Ich werde mein Krankheits- und Invaliditäts­risiko selbst tragen!
Ich habe es von Patienten oft gehört. Nun habe auch ich begriffen, dass es die Ü-50 Generation schwer hat. «Von Ärzten – für Ärzte», aber bitte nicht Ü-50! Man versichert lieber junge Gleitschirmflieger als ältere Kollegen! Denn «90% aller Invaliditätsfälle entstehen durch Krankheitsfälle»!

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