Seit wann ist weniger mehr?

Briefe / Mitteilungen
Ausgabe
2019/19
DOI:
https://doi.org/10.4414/saez.2019.17825
Schweiz Ärzteztg. 2019;100(19):649

Publiziert am 07.05.2019

Seit wann ist weniger mehr?

Hans Stalder schliesst seine Kolumne mit dem Satz: «Less is more – dies gilt auch für die Prävention!» Der Satz ist ein Oxymoron, eine rhetorische Figur also, bei der eine Formu­lierung aus zwei gegensätzlichen, einander widersprechenden oder sich gegenseitig ausschliessenden Begriffen gebildet wird. Solche Sätze haben einen verführerischen Glanz: Wir wähnen in ihnen eine höhere Wahrheit, die sich aus dem Faktischen allein nicht erschliesst. Religiöse Texte arbeiten mit solchen Sätzen. Der kritische, aufgeklärte Geist wird skeptisch, hört er sie. Und er liegt richtig: Im Kern ist die Aussage «Weniger ist mehr» ein moralisches Gesetz von der Form: Du sollst für deine Patientinnen und Patienten weniger tun, denn das ist mehr. Dies steht im Widerspruch zur ärztlichen Pflicht, alles für ihr Wohl zu tun. Wer ein moralisches Gesetz von solcher Tragweite in die Welt setzt, muss es gut begründen, und das nicht auf ideologischer Basis, sondern mit solider Evidenzgrundlage.
Hans Stalder schreibt: «Auch Screening-Massnahmen werden inzwischen in Frage gestellt», weiter: «Die Bestimmung des PSA wird nicht mehr empfohlen» und weiter «Die Mam­mographie ist umstritten» und so weiter. Von wem? Basierend auf welcher Evidenzgrundlage? Die von Herrn Stalder aufgeführten ­Zahlenbeispiele arbeiten mit einem Taschenspielertrick, der sich in unserer Versorgungs­forschung bedauerlicherweise als Standard etabliert hat: ie Verkürzung der Präventionsdauer auf 5 statt 10 oder 20 Jahre vermindert die präventive Wirkung um bis zu 75%. Als ob Prävention nach 5 Jahren erledigt wäre – dann beginnt ihre Wirkung ja oftmals erst so recht. Mit Stalders Trick, der auch der Trick von Gremien wie dem Swiss Medical Board SMB ist, lässt sich die Number Needed to Treat (NNT) verdoppeln und vervierfachen. Und schon – Hokuspokus, die Karten werden auf den Tisch gelegt! – erscheint es dem Auge des staunenden Zuschauers evident: Das bringt viel zu wenig, bedenkt man, was es kostet. Und dann sind ja noch die Nebenwirkungen, die sich im Verhältnis zur solcherart verunglimpften Wirkung doch einfach nicht verantworten lassen, gilt es ja auch, den Patientinnen und Patienten möglichst nicht zu schaden.
Der Verein Ethik und Medizin Schweiz VEMS hat zu dieser Art, Medizinerinnen und Mediziner moralisch unter Druck zu setzen, eine klare Meinung: sie ist verantwortungslos. Trauen wir unseren Kolleginnen und Kol­legen doch einfach mal zu, dass sie rechnen können und auch abschätzen, wie eine verantwortungsvolle Behandlungspraxis ausschaut. Herr Stalder hilft ihnen dabei nicht, er bevormundet sie vielmehr, und das stösst sauer auf.

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