Paul Vogt, Facharzt für Gefäss- und Herzchirurgie in Zürich, Osteuropa und Asien

«Wir können nicht einfach nichts machen»

Horizonte
Ausgabe
2019/3132
DOI:
https://doi.org/10.4414/saez.2019.17984
Schweiz Ärzteztg. 2019;100(3132):1046-1048

Affiliations
Freier Journalist und Fotograf, Medientrainer, Bern

Publiziert am 31.07.2019

Herzchirurgie sei nichts für Weichspüler, sagt Paul Vogt. «To be or not to be ist hier die Frage.» Aber auch, wenn er sich zum Schweizer Gesundheitswesen äus­sert, zu den Kosten, den Fachverbänden, den Politikern, die da mitreden, nimmt er kein Blatt vor den Mund. Was er tut und worüber er spricht, sind Herzensangelegenheiten für ihn. Halbe Sachen scheint es da keine zu geben.

Sprungkraft

Beginnen wir mal dort, wo ein solches Gespräch in der Regel endet: bei dem, was sonst noch so wichtig ist in einem Arztleben, ausser Medizin und Arbeit. Lesen sagt er, und Sport. Bis etwa 1989 habe er Volleyball gespielt, wettkampfmässig – das versteht sich fast von selbst. Mit Voléro Zürich sei er 1976 Schweizer Meister geworden, mit den Nachtdiensten im Spital sei das dann alles schwieriger geworden. Es ist kein Hüne, der da erzählt, kein grossgewachsener Mann, dem man den Volleyballer auf Anhieb zutrauen würde, der den Ball wie selbstverständlich übers Netz schlägt. «Ich war immer der Kleinste», bestätigt er. «Aber ich hatte meistens am meisten Sprungkraft.»
Sie scheint typisch zu sein für Paul Vogt: die Sprungkraft. Genährt durch Talent und Training, Willen, Überzeugung und Engagement. Heute noch trainiert er bis viermal die Woche Fitness, Kondition, Ausdauer und Kraft. Wann bloss? «Am Abend und an Wochen­enden.»
Daneben lese er viel – alles zum Beispiel, was er als ­geschichtlichen, politischen, sozialen oder religiösen Hintergrund für seine Reisen ins Ausland benötige, für seine Gespräche mit den Entscheidungsträgern, den Präsidenten, Regierungschefs und Parlamentariern in Osteuropa und Asien. Hier ist er als Stiftungsratspräsident und Aushängeschild von «EurAsia Heart»1 tätig, hier operiert er und bildet Kollegen aus und weiter, ­dafür schlägt das Herz von Paul Vogt.

Zur Person

Prof. Dr. med. Dr. h.c. Paul Vogt wurde 1957 in Lachen SZ geboren. Nach dem Gymnasium an der Stiftsschule Ein­siedeln studierte er an der Universität Zürich Medizin, 1983 machte er sein Staatsexamen. 1997 bis 2000 war er Leitender Arzt für Herz- und Gefäss­chirurgie am UniversitätsSpital Zürich, 2000 bis 2006 Chefarzt der Univer­sitätsklinik für Herz-, Kinderherz- und Gefässchirurgie in Giessen, Deutschland. Gastprofessuren führten ihn wiederholt nach China. Seit 2006 ist er Stiftungsratspräsident der EurAsia Heart Foundation. In ihrem Namen operiert er mit internationalen Teams regelmäs­sig u.a. in China, Myanmar, Usbekistan, Russland und der Ukraine. Im Namen der Stiftung sind bis heute mehr als 3900 Patienten operiert und mehr als 14 600 behandelt worden. Seit 2006 arbeitet er auch in der Hirslanden Klinik «Im Park» in Zürich und seit 2017 wiederum auch am USZ. 2010 wurde er Ehrendoktor der Medizinischen Universität St. Petersburg, Russland. Paul Vogt ist Vater einer erwachsenen Tochter. Er lebt mit seiner Partnerin in Feusisberg SZ.

Etwas tun!

Es begann, eher zufällig, 1998 am Unispital Zürich mit einem chinesischen Berufskollegen. Dieser ging zurück nach China und lud Vogt später zum 75-Jahr-Jubiläum seines Spitals in Wuhan ein. «Bei dieser Gelegenheit habe ich operiert, und sie haben alles gefilmt.» Westliches Know-how wurde auf diese Weise nachvollziehbar gemacht, Paul Vogt wurde bei diesem erinnerungswürdigen Einsatz in Asien das grosse Bedürfnis nach Weiterbildung vor Augen geführt. Dann kam der Ruf nach Vietnam: «In Ho-Chi-Minh-Stadt, dem ehemaligen Saigon, waren 800 herzkranke Leute auf der Warteliste. Das Spital war überfüllt wie die Zürcher Seebrücke am Züri-Fest, in einem Bett lagen zum Teil drei Leute.»
Es folgte Myanmar: «60 Millionen Einwohner, 1 aus­gebildeter Herzchirurg, 4 IPS-Betten.» Was also tun? ­Etwas tun, war Vogt sofort überzeugt: «Wir können nicht einfach nichts machen.» Ein Satz, der zum Lebensmotto von Paul Vogt wurde. Und für ihn überall gilt, nicht nur in Entwicklungsländern. Sondern auch in der verwöhnten Schweiz.

Qualitätskontrolle?!

Vogt arbeitet heutzutage oft im Ausland, aber nach wie vor auch in Zürich. Eines ist für ihn klar: «Wer als Arzt viel reist, hat eher einen Kulturschock, wenn er zurückkommt, als wenn er geht.» Da ist zum Beispiel die überraschende und erschütternde Feststellung mit der Mortalität – Vogt hat sie in einem Zeitungsinterview bereits öffentlich gemacht, und er wiederholt sie mit Nachdruck: «In Kiew, der Hauptstadt der kriegsgeschüttelten Ukraine, ist die Mortalität bei Kinderherz-Operationen halb so gross wie etwa im Kinderspital Zürich.» Natürlich sei das Risikoprofil bei Patienten in einem Unispital anders, relativiert er, in Zürich würden zum Teil sehr schwierige Fälle operiert, die man in Kiew oder Taschkent gar nicht aufnehmen würde.
Aber, und das sei entscheidend: «Die Qualitätskon­trolle ist besser als bei uns. Bei jedem Patienten werden die Risiken und die möglichen und tatsächlichen Kom­plikationen genau erfasst, und jeder Arzt hat via Laptop jederzeit Zugriff auf alle relevanten Daten. In der Schweiz gibt es ein Register mit der Anzahl durchgeführter Operationen – wozu?» Viele Patienten hätten womöglich gar keine Operation gebraucht, ergänzt er.

Land der Lobbyisten

Jetzt geht Vogt zum Generalangriff über: «In der Schweiz bestimmen die Lobbyisten, die Ökonomen und Politiker. Wir Ärzte haben nichts mehr zu sagen. Unsere Fachgesellschaften, die FMH inklusive, sind ­politisch leider unmündig und wehren sich nicht, sie wollen sich nicht in die Karten schauen lassen.»
Ähnlich vernichtend ist Vogts Bilanz auf kantonaler Ebene: «Das Spitalplanungsgesetz, das der ehemalige Gesundheitsdirektor Heiniger in die Vernehmlassung geschickt hat, bedeutet den Tod des freien Arztes. Wir werden Staatsangestellte mit fixem Lohn.» Dies aber sei eine Entwicklung, von der sich die ehemaligen ­Sowjetstaaten, in denen er oft arbeitet, langsam, aber sicher verabschieden würden. «Absurd, oder?», fragt er, lehnt sich auf seinem Stuhl nach hinten und fixiert das Gegenüber mit seinen wasserklaren blauen Augen so lange, bis Zustimmung zumindest in der Luft liegt.
Paul Vogt ist Arzt, und deshalb lässt er es bei Ana­mnese und Diagnose nicht bewenden. Er macht auch Therapievorschläge: «Ein Anreiz, Komplikationen zu vermeiden, könnte – wie in Österreich – sein, dass die Behandlung von Komplikationen einfach nicht mehr vergütet wird.» Und weiter: «Es braucht mehr Kontrollen durch unabhängige Experten, knallharte Audits. Nur schon eine entsprechende Ankündigung würde zu massiven Verbesserungen führen. Das weiss man vom ‘National Surgical Quality Improvement Program’ der USA.»

Kosten sparen

Auch beim Thema Kostensparen hat Vogt konkrete Vorschläge. 20 Milliarden könnten pro Jahr in der Schweiz problemlos eingespart werden, sagt er, «wenn wir mal eine Analyse machen würden, welche Anteile unserer Krankenkassenprämien wohin fliessen. Zum Beispiel: wie viel die Verwaltungen und die Direktoren der Kassen und der Spitäler absorbieren, die IT, die ­Administration, die medizinische Technologie». Un­erklärlich sei für ihn beispielsweise auch, warum das BAG weiterhin eine E-Health-Strategie verfolge, mit der andere Staaten (wie Deutschland) bereits Schiffbruch erlitten hätten.
«Machen Sie’s wie in Myanmar oder wie in Usbeki­stan», habe er den BAG-Verantwortlichen gesagt, «dort ist jeder Patient für sein Dossier selber verantwortlich. Er nimmt es zu jeder Konsultation mit, zum Beispiel als Datensatz auf seinem Smartphone.» Und wer überfordert sei, könne sich ja einen Gesundheits-Treuhänder zur Seite nehmen oder ein Second-Opinion-Zen­trum konsultieren. Zwei Stellen übrigens, die erst noch zu schaffen wären.

Der Bogenschütze

Einige grundsätzliche Fragen auf einer anderen Ebene drängen sich nach all dem auf: Ob er sich als Winkelried fühle, ob er sich aus einer Frustration heraus so exponiere und ob er sich mit seinen provokativen ­Äusserungen und Thesen nicht rundherum unbeliebt mache. Wie immer in einem solchen Moment überlegt Paul Vogt kurz. Er macht ein freundliches Gesicht, ist nicht beleidigt. Und scherzt ein wenig: «Sie meinen Ekelzwerg? Nun ja: Viele sehen mich vielleicht schon als rotes Tuch.» Trotzdem betont er: «Ich kann in Zürich in beiden privaten und öffentlichen Kliniken auf beiden Seeseiten operieren.»
Als Missionar sehe er sich keineswegs. «Aber ich lasse mir nicht alles gefallen. Viele pflichten mir bei, bleiben selber aber ruhig – weil sie immer noch gut verdienen und weil sie resigniert haben.»
In seiner E-Mail-Adresse hat Vogt einer für ihn mass­gebenden Figur aus dem Hinduismus ein Denkmal gesetzt: Arjuna. Es ist eine der wichtigen Heldengestalten im indischen Epos Mahabharata, Krishnas Dialogpartner in der heiligen Schrift Bhagavad Gita, in der es um die wichtigen Fragen des Lebens geht. Arjuna begleitet Paul schon seit seiner Jugend. Und wird wohl auch künftig an seiner Seite stehen.

Die Zukunft

Zurück aus dem Ausland, bleibt er jetzt mal eine Woche in Zürich, zum Operieren. Dann drei Vorträge in Wien zum Thema «Blutmanagement aus chirurgischer Sicht». Dann 20 Operationen in Taschkent. Anschliessend St. Petersburg, Treffen mit potentiellen Sponsoren. Und dann Wuhan, China – dorthin, wo vor 20 Jahren Entscheidendes in seinem Leben begann.
Aber was soll die Zukunft längerfristig bringen? Das ist noch unklar. «Aufhören und nur noch Ski fahren – das wäre eine Möglichkeit.» Die Augen verraten den Scherz.
Die andere Möglichkeit scheint realistischer: «ein neuer Versuch, etwas erfolgversprechendes Gutes auf die Beine zu stellen.» Konkret: Vom usbekischen Prä­sidenten liegt eine Anfrage vor, in Taschkent ein ­Zentrum für Herzchirurgie vor allem für Kinder auf­zubauen. Paul Vogt zeigt auf dem Computerbildschirm die Karte mit dem Aktionsradius seiner Stiftung EurAsia Heart. Taschkent liegt ziemlich genau in der Mitte. «Es gibt dort 6000 Kinder mit einem Herzfehler, aber keine adäquate Herzchirurgie.» Paul Vogt ist ­daran, die Fremde gegen das abzuwägen, was er wie selbstverständlich «Heimat» nennt. Er meint die Schweiz, genauer: den Bezirk Höfe, wo er geboren wurde und heute noch lebt. «Das ist Heimat: verstehen und verstanden werden.» Sicher sei, fügt Vogt hinzu: «Ich werde mich entscheiden. Ein langsames Absterben gibt es bei mir nicht.»
Wie gesagt: keine halben Sachen.
dl[at]dlkommunikation.ch

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