Zur Beratungstätigkeit 2018 von Tox Info Suisse

Vergiftungen in der Schweiz

Weitere Organisationen und Institutionen
Ausgabe
2020/04
DOI:
https://doi.org/10.4414/saez.2020.18490
Schweiz Ärzteztg. 2020;101(04):88-92

Affiliations
a PD Dr. med., Leiter wissenschaftlicher Dienst, Tox Info Suisse; b Dr. med., eMBA-HSG, Direktor Tox Info Suisse

Publiziert am 21.01.2020

Tox Info Suisse führte 2018 insgesamt 41 156 Beratungen durch, knapp 38 200 Be­ratungen zu Giftexpositionen und knapp 3000 prophylaktischer Natur.
54% der Expositionen betrafen Kinder, mehrheitlich im Vorschulalter. Bei der Geschlechterverteilung war bei den Kindern ein leichtes Überwiegen der Knaben (50,4% vs. 48,2% Mädchen) und bei den Erwachsenen der Frauen (58,0% vs. 41,5% Männer) zu sehen. 89% der über 29 200 unbeabsichtigten (akzidentellen) Vergiftungen ereigneten sich im häuslichen Milieu, bei den gut 5700 beabsichtigten Intoxikationen trat die grösste Anzahl (68%) im Rahmen von Suizidversuchen auf.

Schwere und tödliche Vergiftungen in der Schweiz 2018

Bei den 246 schweren und tödlichen Vergiftungen überwiegt der Frauenanteil mit 59%. Kinder sind unterdurchschnittlich betroffen (4%). Die Patienten mit schweren Vergiftungen sind im Schnitt 43 Jahre alt, die mit tödlichem Ausgang 53 Jahre. Typischerweise ereignen sich die schweren und tödlichen Vergiftungen vorwiegend im Rahmen von beabsichtigten Handlungen (60% suizidal, 13% Abusus bei diesen Schweregraden). In 85% handelt es sich um eine orale Exposition. In zwei Drittel der Fälle handelt es sich um Polyintoxikationen mit mehreren Wirkstoffen.
Bei den Todesfällen waren fast zwei Drittel medika­mentenbedingt. Bei den acht Todesfällen durch Medikamente waren über die Hälfte in suizidaler Absicht ­sowie zwei bedingt durch unerwünschte Arzneimit­telwirkungen. Dabei handelte es sich um Insulin, ­Olme­sartan, Para­cetamol, Trimipramin, Amitryptylin, ­Methadon, Met­formin, Methotrexat, die in unterschiedlicher Kombination vorwiegend oral eingenommen wurden. Eine ältere Patientin entwickelte unter Methotrexat eine Panzytopenie, Hepatopathie, akut auf chronische Niereninsuffizienz mit metabolischer Entgleisung. Nachfolgend kam es zu Herzrhythmus­störungen und Exitus letalis. Die Überdosierung bei täglicher statt wöchent­licher Einnahme von Methot­rexat ist beschrieben [1]. Bei einem Diabetiker mittleren Alters mit chronischem Alkoholismus kam es unter ­Metformin zu gastrointestinalen Beschwerden mit Müdigkeit, laborchemisch zeigte sich eine schwere Laktat-Azidose (pH 6,65, Laktat 32 mmol/L) bei Anurie mit nachfolgendem fatalem Multiorganversagen. In ­einem weiteren Todesfall lag ein Abusus mit Amphetamin vor, zwei ­suizidale Handlungen mit Aluminiumphosphid bzw. Brenngas, und in zwei Fällen ist Methylbutanol bzw. Ethanol akzidentell eingenommen worden.
Tabelle 1: Häufigkeit der Vergiftungen beim Menschen nach Noxengruppen (Tox Info Suisse 2018 [2]).
Noxengruppen/Altersgruppen
Erwachsene
Kinder
Alter 
undefiniertTotal

Medikamente5 9275 6041211 54334,5%
Haushaltprodukte2 7445 841218 60625,7%
Pflanzen6962 41253 1139,3%
Körperpflegemittel und Kosmetika3191 97522 2966,9%
Technische und gewerbliche Produkte1 689451102 1506,4%
Nahrungsmittel und Getränke893717131 6234,9%
Genussmittel, Drogen und Alkohol67242731 1023,3%
Produkte in Landwirtschaft und Gartenbau41234217552,3%
Pilze 36421425801,7%
(Gift-)Tiere30214114441,3%
Tierarzneimittel664901150,3%
Andere oder unbekannte Noxen77833581 1213,4%
Total14 86218 5087833 448100%

Medikamente

Die Zahl der Vergiftungsfälle durch Medikamente in der Beratungstätigkeit von Tox Info Suisse stieg seit 2010 von 9982 auf 11 543 im Jahr 2018 an (+15,6%) [2]. Über 90% der Fälle sind beabsichtigte oder unfall­mässige Überdosierungen. Medikamentenvergiftungen verlaufen überdurchschnittlich häufig schwer: Rund ein Viertel der Medikamentenexpositionen, bei denen eine ärztliche Verlaufsrückmeldung vorliegt, führen zu mittelschweren oder schweren Symptomen. Die überwiegende Anzahl der schweren und tödlichen Intoxikationen war wie in den Vorjahren in Zusammenhang mit Medikamenten (71%).
Von 167 schweren1 Vergiftungen mit Medikamenten (davon sechs Kinder [4%]) ereigneten sich 147 (88%) mit Mitteln für das Nervensystem, im Wesentlichen Analgetika (v.a. Opioide, Paracetamol), Antiepileptika (am häufigsten Lamotrigin, Valproinsäure, Pregabalin, ­Gabapentin und Phenobarbital) und Psychopharmaka (Benzodiazepine n = 21, Antidepressiva n = 33, Anti­psychotika n = 33, davon Quetiapin n = 16, ­Z-Produkte n = 5). Bei den übrigen schweren Medikamentenintoxikationen waren Präparate für den Gas­trointestinal­trakt (Insulin n = 3, Metformin n = 2), für den Bewegungsapparat (Mefenaminsäure n = 3, Colchizin n = 1, Campher n = 1), für den Kreislauf (Propranolol n = 2, Clonidin n = 1, Lercanidipin n = 1), für den Atmungstrakt (Dextromethorphan n = 1), meist in Kombination mit weiteren Medikamenten, beteiligt. Die restlichen schweren Vergiftungen wurden durch alkoholhaltige Dermatologika (n = 2) verursacht.
In einem Fall kam es nach Einnahme eines Tierarzneimittels, welches ein Substanzgemisch aus Emburamid, Mebezonium, Tetracain und Dimethylformamid enthält, zu ZNS-Depression, Myoklonien, Leberversagen mit Koagulopathie. Der Patient erholte sich wieder, ohne dass eine Lebertransplantation notwendig war.
Tabelle 2: Häufigkeit der Noxengruppen und Vergiftungsschweregrad der auswertbaren ärztlichen Rückmeldungen (Tox Info Suisse 2018 [3]) zu Giftkontakt beim Menschen (nur hohe Kausalität), Medikamente nach ATC-Codegruppen.
 ErwachseneKinderTotal
Noxengruppen/SchweregradOLMSTOLMST 
Medikamente3661075415161833021748602626 (59,9%)
davon            
 Nervensystem221862322144410912731301823
 Atemwege1041241030211110139
 Bewegungsapparat417413303615320187
 Kreislauf31312641302000125
 Verdauung7199623920100103
 übrige564821318632200249
Haushaltprodukte4614922141961272010476 (10,9%)
Technische und gewerbliche Produkte3324750311426700381 (8,7%)
Genussmittel, Drogen und ­Alkohol101411273421210920347 (7,9%)
Pflanzen113921102922300126 (2,9%)
Produkte in Landwirtschaft und Gartenbau7225514310048 (1,1%)
Körperpflegemittel und ­Kosmetika 815300214020089 (2,0%)
Pilze 4414220133200107 (2,4%)
(Gift-)Tiere021162001030052 (1,2%)
Nahrungsmittel und Getränke21550010500037 (0,8%)
Tierarzneimittel240105100013 (0,3%)
Andere oder unbekannte ­Noxen548121041230085 (1,9%)
Total49418177182241353847698904387 (100%)
Schweregrad des Verlaufs: O = asymptomatisch, L = leicht, M = mittel, S = schwer, T = tödlich

Genussmittel, Drogen und Alkohol

Genussmittel, Drogen und Alkohol führten zu 36 schweren und zwei tödlichen Vergiftungen. In dieser Noxengruppe war insgesamt das Durchschnittsalter der Patienten mit schweren und tödlichen Vergiftungen am niedrigsten mit 34 (±15) Jahren. Zwei Drittel der Fälle passierten im Rahmen von Abusushandlungen. Eine Ethanolvergiftung führte bei einer Patientin mittleren Alters mit bestehender Leberzirrhose zum Tod. Ein Patient im mittleren Alter entwickelte nach Amphetaminkonsum schwere generalisierte Krampfanfälle bei Hirnmassenblutung und verstarb in weiterer Folge. Zehn der schweren Intoxikationen betrafen Alkohol, eine Cannabinoide, fünf Opioide, sieben Halluzinogene und Stimulantien (inkl. Ecstasy) und vier Kokain. Acht waren die Folge von Gammahydroxybutyrat (GHB) bzw. Gammabutyrolacton (GBL), auch in Kombination mit Alkohol oder anderen Drogen. In einem Fall kam es zu einer schweren Vergiftung im Rahmen von Poppersabusus. Bei den Alkoholvergiftungen wurden in 80% der Fälle auch noch Medikamente oder ­andere Drogen konsumiert. Insgesamt waren beinahe zwei Drittel (n = 23) der Patienten mit schweren Ver­giftungen männlich. Bei den fünf schweren Opiatintoxika­tionen, drei davon mit Heroin, stand das typische ­klinische Bild mit Koma und Atemdepression im ­Vordergrund, obschon in mindestens vier Fällen weitere Drogen oder Medikamente mit­konsumiert worden waren. Bei den sieben Patienten, die Halluzinogene (Lysergsäurediethylamid [LSD]) und ­Stimulantien (z.B. Amphetamin, Methamphetamin, Methoxetamin), teils zusammen mit weiteren Drogen oder Medi­kamenten konsumiert hatten, traten Agitation/Psychosen, epileptische Anfälle, aber auch Koma sowie Rhabdomyolyse und Leberzellnekrose auf. Von den vier Patienten nach Kokainintoxikation entwickelten zwei eine Rhabdomyolyse mit stark erhöhter Kreatinkinase, aber auch in je einem Fall Krampfanfälle mit schwerster Agitation sowie Blutdruck- und Troponin-Erhöhung. Alle Patienten waren unter 40 Jahren, drei Viertel waren Männer. Von den acht Patienten, die GHB bzw. GBL (eine Vorläufersubstanz von GHB) konsumierten, waren sechs männlich, fünf verloren das Bewusstsein. Sie waren tief komatös und mussten teils schutzintubiert werden. Häufig war ein Beikonsum mit anderen Drogen und Alkohol vorhanden. Alle wachten nach ­wenigen Stunden rasch wieder auf, wie dies nach GHB typischerweise beobachtet wird. Ein Patient ent­wickelte nach Einnahme von Poppers, die flüchtige ­Nitrite enthalten, eine schwere Methämoglobinämie (>55%).

Pflanzen

Expositionen mit Pflanzen führten 2018 zu einer schweren und 24 mittelschweren Vergiftungen – alle ausser in drei Fällen bei Erwachsenen. Ein älterer Mann entwickelte nach chronischer Einnahme von Dictamnus albus (Aschwurz) im Rahmen einer chinesischen Kräuterkur Symptome einer cholestatischen ­Leberschädigung mit Malaise, Sklerenikterus, Dunkelfärbung des Urins und entfärbtem Stuhl. Nach Absetzen kam es zu einer vollständigen Besserung der Symptome und der Leberfunktionsparameter. Ein Drittel der mittelschweren Vergiftungen standen im Zusammenhang mit Atropa belladonna (n = 8), gefolgt von Euphorbia sp. (n = 4), Veratrum album (n = 3) sowie jeweils Einzelfällen mit Alium ursinum, Convallaria majalis, Datura suaveolens, Nerium oleander, Phaseolus vulgaris, Pieris japonica, Ranunculus sp., Ricinus communis und Wisteria sp. Beinahe zwei Drittel (63%) traten akzidentell im häuslichen Umfeld auf und betrafen männliche Patienten (64%). Drei Viertel der Pflanzen (76%) wurden oral aufgenommen. Bei den drei mittelschweren Intoxikationen bei Kindern handelte es sich um akzidentelle orale Expositionen mit Veratrum ­album (Lauswurz) durch enthaltene ­Alkaloide, mit ­Pieris japonica (Japanische Lavendelheide) durch enthaltene Grayanotoxine bzw. mit Glycine chinensis ­(Wisterie) durch enthaltene Saponine und Lectine; es kam jeweils zu Erbrechen und teils Bradykardie.

Haushaltprodukte

Bei den Haushaltprodukten traten eine tödliche und 15 schwere Intoxikationen auf, darunter bei einem Kleinkind (<3 Jahre). Fast die Hälfte der Intoxikationen geschahen akzidentell, vorwiegend in häuslicher Umgebung. Ein Patient wies nach Exposition mit Brenngas, welches Propan und Butan enthält, eine Asystolie auf. Beim Kleinkind kam es nach Exposition mit Waschmittelkissen und Schaumaspiration mit ­Detergenzien zu einer Aspirationspneumonie und Partial­insuffizienz. Drei ältere Patienten mit Demenz erlitten ­ebenfalls nach akzidenteller Detergenzienexposition durch Reinigungsmittel eine Aspirationspneumonie und mussten teilweise intubiert werden. Drei Patienten entwickelten nach oraler Einnahme von Ethylenglykol eine schwere Azidose. Einige wurden komatös und mussten intubiert werden. In allen Fällen wurde als Antidot Fomepizol oder Ethanol verabreicht. Auch war bei allen Patienten ein Nierenersatzverfahren zur Elimination von Ethylenglykol und Korrektur der ­Azidose mittels Hämodialyse notwendig.

Kosmetika und Körperpflegemittel

Durch Kosmetika und Körperpflegemittel waren 2018 keine schweren oder tödlichen, aber fünf mittelschwere Vergiftungen (zwei davon bei Kindern) zu ­verzeichnen – alle durch akzidentelle Verabreichung im häuslichen Umfeld. Bei einem Kleinkind kam es 30 Minuten nach Einnahme von fluoridhaltiger Zahnpasta zu Erbrechen, welches symptomatisch mit Anti­emetika behandelt wurde. Durch die Reizwirkung der Flusssäure, welche im sauren Milieu des Magens zusammen mit Fluorid entsteht, kommt es typisch zu ­lokalen Symptomen des gastrointestinalen Trakts. Systemische Symptome der Hypokalzämie sind hin­gegen selten.

Nahrungsmittel und Getränke

Mit Nahrungsmitteln und Getränken kam es 2018 zu keiner tödlichen oder schweren, aber fünf mittelschweren Vergiftungen. Die mittelschweren Intoxikationen waren durch Meeresfrüchte, Chilischoten mit Capsaicin oder koffeinhaltige Nahrungsergänzungsmittel vorwiegend durch gastrointestinale Symptome geprägt. Ein älterer Patient ass über mehrere Tage ­Honig aus der Türkei. Daraufhin entwickelte er starkes Schwitzen, eine symptomatische Bradykardie mit ­einer Frequenz bis 35/Minute mit prärenalem Nierenversagen, Hyperkaliämie und metabolischer Azidose. Vergiftungen mit Honig, welchen Bienen an toxischen Rhododendron-Arten gesammelt hatten, sind beschrieben. In der Türkei und in ganz Kleinasien kommt Rhododendron ponticum sehr häufig vor, was das Vorkommen von Grayanotoxin (Diterpene) in Honig (sog. pontischer Honig) erklärt. Pathophysiologisch kommt es durch Bindung an Natriumpumpen der Zellmem­bran mit Eintritt von Kalzium in die Zelle zu einer Depolarisierung. Durch Wirkung an Muskel- und Nervenzellen mit Lähmung (ähnlich Alkaloidwirkung) sind Symptome mit Schwäche, Salivation, Schwitzen und Brechdurchfällen, Bradyarrhythmien und Bewusstseinstrübung, welche meist für 24 Stunden anhalten, beschrieben.

Technisch-gewerbliche Produkte

Zu einer tödlichen und drei schweren Vergiftungen kam es durch technisch-gewerbliche Produkte. Der Todesfall war in Zusammenhang mit einer Einnahme von Methyl­butanol, schleimhautreizenden Alkoholen, und nachfolgender Ileussymptomatik mit Darmperforation, septischem Schock und fatalem Ausgang. Von den drei schweren Vergiftungen bei Erwachsenen war eine durch dermale Ameisensäure, eine durch orales Ammoniakwasser und eine durch okuläres Toluol in Lackbitumen bedingt. Bei der Hälfte der Intoxikationen mit technisch-gewerblichen Produkten war die Exposition beruflich.

Stoffe in Landwirtschaft und Gartenbau

Mit Stoffen in Landwirtschaft und Gartenbau ereig­neten sich ein tödlicher und fünf schwere Vergiftungen. Ein Patient mittleren Alters verstarb nach oraler Aufnahme eines Pflanzenschutzmittels, welches Alu­miniumphosphid enthielt. Der Patient entwickelte Nausea und Emesis, danach Asystolie mit Kreislauf­versagen, und verstarb trotz Reanimation. Bei Kontakt mit ­Magensäure entsteht Phosphin, welches als hochtoxisches Gas bekannt ist, aber auch über den Gastrointestinaltrakt rasch resorbiert wird. Bei zwei Patienten kam es zu einer Jauchegas-, bei einem Patienten zu ­einer Silogasexposition. Jauchegase be­stehen vor allem aus Schwefelwasserstoff (H2S) und Kohlendioxid (CO2), neben Ammoniak und Methan. Hauptsymptome sind rasche Bewusstlosigkeit und Atemstillstand mit Lebensgefahr durch Hypoxämie, bedingt durch H2S, ­welches analog zu Cyaniden die mitochondriale ­Atmungskette hemmt. In Gärfuttersilos entstehen CO2 und Nitrosegase, welche zu Asphyxie, ZNS-Depression bzw. Lungenödem führen. Eine ältere Patientin erlitt Herzrhythmusstörungen und Koma nach Einnahme eines glyphosathaltigen Herbizids. Eine ältere Patientin zeigte nach oraler Exposition mit einem Insektizid, welches das Pyrethroid Deltamethrin enthält, massives Erbrechen und Somnolenz.

Giftige Tiere

Insgesamt kam es 2018 in 19 Fällen zu mittelschweren und zweimal zu schweren Symptomen nach Bissen oder Stichen durch giftige Tiere (13 Schlangen2, ein Fisch, eine Spinne, zwei Insekten, eine Echse, eine Raupe mit Brennhaaren und zwei Quallen), drei der mittelschweren Vergiftungen traten bei Kindern auf. Von den zwei schweren Fällen – beide bei Erwachsenen – war einer durch einen Biss einer einheimischen Kreuzotter und einer durch eine exotische Echse verursacht. Der Vipernbiss (Hand) führte zu ­einer Rötung und Schwellung im Bereich der Bissstelle, die sich überregional ausbreiteten, worauf die Antiveningabe ­erfolgte. Nach dem Biss der Giftechse kam es zu Anaphylaxie und systemischer Toxizität mit Dyspnoe, Herzrhythmusstörungen, Gerinnungsstörungen und schwerer Hypokaliämie. Alle zwölf mittelschweren Giftschlangenbissen erfolgten durch einheimische ­Vipern (Vipera aspis oder V. berus) in der freien Natur, alle Bisse betrafen erstaunlicherweise die obere Extremität – vorwiegend den Zeigefinger. Bei allen kam es zu ausgeprägten ­Lokalsymptomen (Schmerzen, Schwellung, Rhabdomyolyse), zum Teil mit systemischen Zeichen (Nausea, Erbrechen, Schwindel, Blutbildveränderungen, Hypotonie, Tachykardie). Vier Patienten erhielten das Antivenin, zwei davon sogar multiple Dosen. Bei allen war der weitere Verlauf günstig. Die Hospitalisationszeiten betrugen ein bis fünf Tage.

Pilze

2018 ereigneten sich zwei schwere Pilzvergiftungen – beide bei Erwachsenen – sowie 44 mittelschwere In­toxikationen. In beiden schweren Fällen wurden Fliegenpilze (Amanita muscaria) gegessen. Es kam zu gastrointestinalen Symptomen sowie Desorientiertheit, Erregungszuständen, aber auch Somnolenz mit GCS-Abfall auf 7 mit peripheren anticholinergen Symptomen (Mydriase, Tachykardie, Mundtrockenheit, warm-trockene Haut) – den typischen Sym­ptomen eines Pantherina-Syndroms. Es handelte sich in beiden Fällen um selbst gesammelte und nicht kontrollierte Pilze. Da durch Regen die weissen Flocken am Hut des Gift­pilzes abgewaschen werden können, ist eine Verwechslung mit Speisepilzen wie z.B. Stäubling oder Kaiserling möglich. Zur primären Dekontamination wird Aktivkohle 1 g/kg Körpergewicht eingesetzt, zur Sedierung Benzodiazepine.

Andere Noxen

Ein junger Patient wurde rasch komatös (GCS 6) nach vermutlicher K.-o.-Tropfen-Exposition und erholte sich auch wieder schnell.

Das Wichtigste in Kürze

• Tox Info Suisse führte 2018 insgesamt 41 156 Beratungen durch, knapp 38 200 Beratungen zu Giftexpositionen und knapp 3000 prophylaktischer Natur.
• Über 19 400 Giftexpositionen betrafen Kinder, 81% der Kinder waren jünger als fünf Jahre.
• Gut zwei Drittel (70%) aller Vergiftungen geschahen mit Medikamenten, Haushaltprodukten oder Pflanzen (Tab. 1).
• Acht der 13 (62%) Todesfälle gingen auf das Konto der Medikamentenvergiftungen, zwei auf jenes von Drogen und Alkohol und je einer auf dasjenige von technischen/gewerblichen Produkten, Haushaltprodukten bzw. Produkten in Landwirtschaft und Gartenbau (Tab. 2).
• Von den schweren Fällen waren 72% durch Medikamente, 15% durch Genussmittel und Drogen und 6% durch Haushaltprodukte verursacht.

L’essentiel en bref

• En 2018, Tox Info Suisse a assuré 41 156 consultations au ­total, dont près de 38 200 pour des expositions à des substances toxiques et près de 3000 de nature prophylactique.
• Quelque 19 400 intoxications concernaient des enfants, 81% d’entre eux étaient âgés de moins de cinq ans.
• Deux bons tiers (70%) des intoxications étaient dus à des médicaments, des produits ménagers ou des plantes (tab. 1).
• Huit des 13 cas mortels (62%) impliquaient des médicaments, deux des drogues et de l’alcool, un des produits techniques et industriels, un des produits ménagers et un des produits agricoles et horticoles (tab. 2).
• Parmi les cas graves, 72% étaient attribuables à des médicaments, 15% à des produits d’agrément et des drogues et 6% à des produits ménagers.
Dr. med. H. Kupferschmidt, eMBA-HSG
Direktor Tox Info Suisse
Freiestrasse 16
CH-8032 Zürich
Tel. 044 251 66 66
Fax 044 252 88 33
hugo.kupferschmidt[at]toxinfo.ch
1 Weiler S, Jetter A. Panzytopenie unter Methotrexat. Schweiz Med Forum. 2017;17(28–29):594–6.
2 vgl. Jahresbericht 2018 von Tox Info Suisse: www.toxinfo.ch/customer/files/743/Tox_JB-2018_DE_Website.pdf
3 Jahresbericht 2018 von Tox Info Suisse, Anhang: www.toxinfo.ch/customer/files/743/2018-Anhang-JB.pdf