Explorative Online-Umfrage der Schweizerischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie

Psychiatrisch-psychotherapeutische Versorgung in der Pandemie

Organisationen der Ärzteschaft
Ausgabe
2021/18
DOI:
https://doi.org/10.4414/saez.2021.19728
Schweiz Ärzteztg. 2021;102(18):606-609

Affiliations
a Dr. med., Präsidentin der Schweizerischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie SGPP; b Dr. med., Vizepräsident SGPP;
c Dr. med., Vorstandsmitglied SGPP; d Prof. Dr. med., Vorstandsmitglied SGPP

Publiziert am 05.05.2021

Die Schweizerische Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie hat ihre Mitglieder online befragt, wie sich die Nachfrage nach ambulanten psychiatrischen Behandlungen während der Pandemie verändert hat. Es zeigt sich, dass das Therapieangebot der Erwachsenenpsychiatrie flexibel genug ist, um die temporäre ­Zunahme zu bewältigen. Der Therapiebedarf erhöhte sich vor allem bei bestehenden und ehemaligen Patientinnen und Patienten.
Die psychischen Folgen der COVID-19-Pandemie sind in den Fokus des öffentlichen Interesses gerückt. Die Swiss Corona Stress Study der Universität Basel hat in einer Online-Umfrage einen erhöhten Level an subjektiv empfundenem Stress und Symptome von Depressivität und Angstsymptomen festgestellt, insbesondere bei Kindern und Jugendlichen [1]. Allerdings existieren in der Schweiz keine öffentlich zugänglichen belast­baren Daten, ob sich dieser erhöhte subjektiv empfundene Stress in einer Zunahme von klinisch relevanten und behandlungsbedürftigen psychischen Erkrankungen niederschlägt. Aus diesem Grund hat die Schweizerische Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie (SGPP) mittels einer explorativen Online-Umfrage bei ihren Mitgliedern evaluiert, ob und wie sich die Nachfrage nach ambulanten psychiatrisch-psychotherapeutischen Behandlungen während der Pandemie verändert hat. In diesem Artikel fassen wir die wichtigsten Befunde zusammen.
Die Online-Umfrage fand zwischen dem 19. Februar und dem 1. März 2021 statt. Von den angeschriebenen 1953 SGPP-Mitgliedern füllten 852 den Fragebogen aus, was einer Rücklaufquote von 44% entspricht. 43% der Befragten haben in ihrer Praxis delegiert arbeitende Psychologinnen und Psychologen angestellt. 58% arbeiten im städtischen Umfeld bzw. in der Agglomeration, bei 33% ist das Einzugsgebiet städtisch-ländlich gemischt. Die explorativ ausgerichteten Fragen zielten darauf ab, datenbasierte Informationen zu erhalten, wie sich im Jahr 2020 die Inanspruchnahme von psych­iatrisch-psychotherapeutischer Hilfe gegenüber 2019 verändert hat. Auch wurden die Mitglieder zu ihre­n Erfahrungen mit der Videotelefonie befragt.

Keine Zunahme der Neuanmeldungen

Es zeigt sich, dass bei einer Mehrheit der Erwachsenenpsychiaterinnen und -psychiater die Neuanmeldungen im Jahr 2020 gegenüber 2019 nicht zugenommen haben. 44% der Befragten berichten über eine un­veränderte Situation, 9% verzeichnen sogar eine Abnahme. Bei jenen, die mehr Neuanmeldungen verzeichnen, beträgt die Zunahme im Durchschnitt 23% (Abb. 1).
Abbildung 1: 341 Befragte verzeichnen im Durchschnitt 23% mehr Neuanmeldungen, 60 Befragte haben durchschnittlich 25% weniger Neuanmeldungen.
Die Zahl der durchgeführten Behandlungen war in 48% der Fälle identisch mit dem Vorjahr, 12% führten sogar weniger Behandlungen durch (Abb. 2). Bei jenen 297 Mitgliedern, die eine Zunahme verzeichneten, betrug diese im Durchschnitt 19%. Ein ähnliches Bild ­präsentiert sich in Bezug auf die Wartefristen: Bei 55% gab es keine Veränderung, und 4% verzeichneten sogar eine Abnahme. Übers Ganze gesehen berichten 248 Befragte von verlängerten Wartefristen, im Median um 21 Tage (Abb. 3 und 4).
Abbildung 2: 48% der Befragten führten gleich viele Behandlungen durch, 12% verzeichneten weniger Behandlungen.
Abbildung 3: Bei 55% der Befragten gab es keine Zunahme der Wartezeiten, 4% verzeichneten eine Abnahme.
Abbildung 4: Über die 248 Befragten betrachtet, verlängert sich die Wartefrist im Median um 21 Tage. 20 Befragte haben verkürzte Wartezeiten, im Durchschnitt um 8 Tage.

Bestehende und ehemalige Patienten: mehr Therapiebedarf

70% der Psychiaterinnen und Psychiater berichten, dass sich der Therapiebedarf bei den Patientinnen und Patienten erhöht hat, die sich bereits in Therapie befinden. Auch haben sich im Jahr 2020, häufiger als 2019, mehr ehemalige Patientinnen und Patienten für eine erneute Behandlung angemeldet, weil sich ihr ­Zustand verschlechtert hat (Abb. 5). Diese Resultate ­decken sich mit epidemiologischen Untersuchungen, welche einen bidirektionalen Zusammenhang zwischen psychischen Erkrankungen und COVID-19 ergeben ­haben [2]. Diese Untersuchungen zeigen auch auf, konsistent mit unserer Umfrage, dass Personen mit schwereren und chronisch verlaufenden psychischen Vor­erkrankungen und schwierigen sozioökonomischen Bedingungen besonders gefährdet sind [3–5].
Abbildung 5: Bei 62% der Befragten haben sich ehemalige Patientinnen und Patienten aufgrund einer Zustandsverschlechterung wieder für eine Behandlung angemeldet.

Versorgung am Limit

Die Ergebnisse der SGPP-Umfrage belegen, dass die ambulante psychiatrisch-psychotherapeutische Versorgung in der Schweiz flexibel und anpassungsfähig genug ist, um den gestiegenen Behandlungsbedarf zu gewährleisten. Selbstverständlich schliesst das nicht aus, dass sich in einzelnen Praxen und Regionen in ­unterschiedlichem Ausmass die Wartefristen erhöht haben – d ie Nachfragen haben insbesondere in der zweiten Welle zugenommen, und es bleibt zu beobachten, wie sich die Situation im Verlauf der weiteren Pandemie präsentieren wird. Anders scheint es in der Kinder- und Jugendpsychiatrie zu sein, wo die Versorgungssituation schon vor der Pandemie angespannt war und sich die Lage nun zugespitzt hat. Weil die ­niedergelassenen Kinder- und Jugendpsychiaterinnen und -psychiater mehrheitlich schon vor der Pandemie ausgebucht waren, mussten Notfälle im Jahr 2020 zu einem grösseren Teil von den institutionellen Einrichtungen aufgefangen werden. Die akute Notfallversorgung war aber sowohl in der Erwachsenen- als auch in der Kinder- und Jugendpsychiatrie immer gewährleistet. Eine detaillierte datenbasierte Situationsanalyse wäre hier allerdings ebenfalls notwendig.
Verschiedene Fachärztinnen und Fachärzte für Erwachsenenpsychiatrie und Psychotherapie berichten in der SGPP-Umfrage, dass sie bei manchen ihrer Patien­tinnen und Patienten auch eine Verbesserung des Zustandes feststellen. Menschen, die eher zurückgezogen leben oder autistische Merkmale aufweisen, er­fahren durch die einschränkenden Massnahmen, dass ihr Lebensstil für einmal nicht ausserhalb der Norm liegt. Ein Psychiater merkte an, wie Angst- und Zwangsstörungen sowie damit verbundene Zwangs­rituale und Vermeidungsverhalten während der Pandemie kollektiv salonfähiger geworden seien, weshalb sich bei Betroffenen der Leidensdruck verringert habe; sie würden sich weniger «anders» fühlen. Manche Pa­tienten seien froh, dass die sogenannten «Gesunden» jetzt auch mal Einschränkungen hinnehmen müssten. «Sie selber haben oft sehr kleine Renten oder beziehen Sozialhilfe und können weder reisen noch Museen oder Restaurants besuchen», kommentierte ein Mitglied. Verlust von Arbeit und finanzielle Existenzängste sind zwei wesentliche Auslöser und Verstärker von psychischen Erkrankungen.
Insgesamt zeigen die Umfrageergebnisse, dass das ­Therapieangebot der Erwachsenenpsychiatrie flexibel genug ist, um die temporäre Zunahme zu bewältigen. Der Therapiebedarf erhöhte sich leicht, insbesondere bei bestehenden und ehemaligen Patientinnen und Patienten.

Videotelefonie ersetzt Präsenz­behandlungen nicht

Die SGPP fragte ihre Mitglieder in der Umfrage auch, welche Erfahrungen sie mit der Videotelefonie machten. 79% der befragten Fachärztinnen und Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie nutzten im Jahr 2020 die Möglichkeit, per Videotelefonie zu behandeln. Drei Viertel davon gaben an, eher positive Erfahrungen gemacht zu haben. 52% sind überzeugt, dass die fernmündliche Behandlung auch nach der COVID-19-­Pandemie bei gewissen Indikationen die psychiatrisch-psychotherapeutische Versorgung in Ergänzung zu den Präsenzkonsultationen verbessern könnte (Abb. 6). Die fernmündliche Behandlung per Video sei je nach Krankheitsbild und spezifischer Situation der Patientinnen und Patienten eine sinnvolle Erweiterung des Behandlungssettings. Vereinzelt wurde darauf hingewiesen, dass die ambulante Tarifstruktur ­anzupassen sei, damit Videokonsultationen künftig sinnvoll in die Versorgung implementiert werden können.
Abbildung 6: 52% der Befragten sind überzeugt, dass mit einer Weiterführung der Videotelefonie-Behandlungen auch nach der Pandemie bei gewissen Indikationen die Versorgung verbessert werden kann.
Insgesamt herrscht die Meinung vor, dass sich Video­behandlungen sehr gut eignen, um in Pandemiezeiten einen Therapieunterbruch zu vermeiden, dass sie aber Präsenzbehandlungen nicht generell ersetzen können – erst recht nicht, wenn noch kein persön­licher Kontakt zur Patientin bzw. zum Patienten stattgefunden hat. Während einige Therapeutinnen und Therapeuten bemängeln, dass die eingeschränkte Wahrnehmung der nonverbalen Kommunikation die Qualität der Behandlung beeinträchtigt, heben andere hervor, dass sie die Mimik ihrer Patientinnen und Patienten besser ­erfassen können, da am Bildschirm keine Maske getragen werden muss. Auch gebe es Patienten und Patientinnen, die über Videotelefonie weniger ­gehemmt seien. Die fernmündlichen Behandlungen stellen insbesondere für Patientengruppen mit bestimmten Ängsten oder Phobien eine Erleichterung dar, unter anderem, weil sie für die Therapie in ihrem gewohnten Umfeld bleiben können und weil sie weniger Reizen ausgesetzt sind. Für Menschen, die sich sprachlich weniger gut ausdrücken können, scheint die Behandlung per Videotelefonie hingegen eine zusätzliche Hürde darzustellen.

Monitoring des Versorgungsbedarfs mit Optimierungspotenzial

Die Umfrage zeigt, dass die psychiatrisch-psychothe­rapeutische Versorgung in der Schweiz in der Krisensituation der COVID-19-Pandemie einen leicht angestie­genen Bedarf an Behandlungsleistungen bewältigen konnte. Gegebenenfalls erscheint Bedarf nach höheren Versorgungskapazitäten im Bereich der Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie zu be­ste­hen. Damit die psychiatrisch-psychotherapeutische Versorgung weiter optimiert werden kann, sind da­tenbasierte Grundlagen notwendig, um regional und fachlich ­weniger gut versorgte Gebiete besser abdecken zu ­können. Es ist insofern relevant, einen sich ändern­den Versorgungsbedarf objektiv zu monitorisieren, um ­Bedarfsänderungen datenbasiert und frühzeitig zu erkennen und Massnahmen zur Bewältigung ergreifen zu können.

Das Wichtigste in Kürze

• Die Umfrage unter Fachärztinnen und -ärzten für Erwachsenenpsychiatrie und -psychotherapie zeigt ein realistisches Bild der Versorgungssituation während der COVID-19-Pandemie im Jahr 2020. 852 SGPP-Mitglieder haben sich beteiligt, das entspricht einer Rücklaufquote von 44%.
• Bei einer Mehrheit haben im Jahr 2020 gegenüber 2019 weder die Neuanmeldungen noch die Zahl der durchgeführten Behandlungen, noch die Wartefristen zuge­nommen.
• 70% berichten von einem erhöhten Behandlungsbedarf bei ihren sich bereits in Behandlung befindenden sowie ehemaligen Patientinnen und Patienten. Auch haben sich mehr ehemalige Patientinnen und Patienten für eine erneute Behandlung angemeldet.
• Bei manchen Patientinnen und Patienten ist auch eine Verbesserung ihres psychischen Zustandes festzustellen, z.B. weil sie sich mit den für alle geltenden limitierenden Massnahmen durch ihre eigenen Einschränkungen weniger ausserhalb der Norm fühlen.
• Fast 80% der befragten Fachärztinnen und -ärzte nutzten Videotelefonie und machten mehrheitlich positive Erfahrungen. Die Videokonsultationen bedeuten für Patientengruppen mit bestimmten Ängsten oder Phobien sogar eine Erleichterung.
Schweizerische Gesellschaft für Psychiatrie und ­Psychotherapie SGPP
Altenbergstrasse 29
Postfach 686
CH-3000 Bern 8
sgpp[at]psychiatrie.ch
1 De Quervain D, Aerni A, Amini E, Bentz D, Coynel D, Gerhards C, et al. The Swiss Corona Stress Study: Second Pandemic Wave, November 2020. OSF Preprints. 2021.
2 Taquet M, Luciano S, Geddes JR, Harrison PJ. Bidirectional associations between COVID-19 and psychiatric disorder: retrospective cohort studies of 62,354 COVID-19 cases in the USA. The Lancet Psychiatry. 2020.
3 Pan K-Y, Kok AAL, Eikelenboom M, Horsfall M, Jörg F, Luteijn RA, et al. The mental health impact of the COVID-19 pandemic on people with and without depressive, anxiety, or obsessive-­compulsive disorders: a longitudinal study of three Dutch ­case-control cohorts. The Lancet Psychiatry. 2020.
4 Ettman CK, Abdalla SM, Cohen GH, Sampson L, Vivier PM, Galea S. Prevalence of Depression Symptoms in US Adults Before and During the COVID-19 Pandemic. JAMA Netw Open. 2020;3(9):e2019686.
5 Iob E, Frank P, Steptoe A, Fancourt D. Levels of Severity of Depres­sive Symptoms Among At-Risk Groups in the UK During the
COVID-19 Pandemic. JAMA Netw Open. 2020;3(10):e2026064.

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