Stiftung Menschen für Menschen

Wenn Gesundheit ein Luxusgut ist

Horizonte
Ausgabe
2022/3334
DOI:
https://doi.org/10.4414/saez.2022.20918
Schweiz Ärzteztg. 2022;103(3334):1054-1055

Affiliations
a Dipl. Geograph, Projektdokumentation Menschen für Menschen; b Dipl. NPO-Manager, Geschäftsführer Menschen für Menschen

Publiziert am 17.08.2022

Bereits einfache medizinische Behandlungen sind für armutsbetroffene ­Familien in Äthiopien unerschwinglich. Die Schweizer Stiftung Menschen für Menschen hilft vor Ort und bezieht dabei die Bevölkerung eng ein. Ihr Ziel ist es, nachhaltige Lebensperspektiven zu schaffen, die nicht bloss eine gute Gesundheit fördern.
Als die Sozialarbeiterin in eine Hütte in einem der ­Armenviertel in der äthiopischen Stadt Debre Berhan trat, stand ein Knabe in dem dunklen Raum. Die Mutter erzählte, dass der 13-Jährige nicht sitzen könne, weil er Schmerzen habe. Er litt an Krätze und hatte sich ­wegen des Juckreizes gekratzt, weshalb er nun Hautentzündungen hatte. Seine Geschwister fütterten ihn, weil die Haut an seinen Fingern stark angegriffen war. Nachts fand er nur wenig Schlaf. Schon neun Monate dauerte das Leiden an. Zum körperlichen Schmerz kam seelische Pein: Er war isoliert, die Gleichaltrigen hatten Angst vor Ansteckung und zogen sich zurück.
Hoffnung auf Besserung gab es nicht. Geld für eine ­Behandlung war nicht im Haus: Die alleinerziehende Mutter von acht Kindern verdiente als Tagelöhnerin einen Franken am Tag. Die Familie lebte von Resten, die eines der Kinder täglich in der Kantine der Universität holte. Die Sozialarbeiterin von Menschen für Menschen sorgte dafür, dass der Knabe in Behandlung kam. Nach einem Monat ging es ihm besser. Die Kosten für Konsultation, Labortest und Salbe beliefen sich umgerechnet lediglich auf 31 Franken.

Wenn das Geld für den Arztbesuch fehlt

In der Schweiz betragen die Gesundheitsausgaben laut Weltbank 9666 US-Dollar pro Person und Jahr. In Äthiopien sind es 27 US-Dollar [1]. In der Schweiz kommt eine Ärztin respektive ein Arzt auf 232 Einwohner, in Äthiopien auf 12 500 Einwohner [2]. Armut in Afrika bedeutet deshalb: Wer krank wird, bleibt es häufig.
Zwar werden in Äthiopien die ärmsten Familien in den staatlichen Gesundheitszentren laut Gesetz gratis behandelt. Aber sehr oft fehlen dort Medikamente, auch gegen gängige Krankheiten. Diese müssen dann von den Patientinnen und Patienten selbst in Apotheken gekauft werden – weil sie praktisch ihr ­gesamtes Einkommen für Lebensmittel ausgeben müssen, sind Medikamente damit für sie unerreichbar. Das erklärt, weshalb immer noch eines von 15 ­Kindern in Äthiopien vor seinem fünften Geburtstag stirbt – am häufigsten an Lungenentzündung, Malaria, Masern oder Diarrhö [3].

Alleinerziehende Mütter unterstützen

In den Armenvierteln von Debre Berhan, einer Stadt mit 140 000 Einwohnern, hat das Schweizer Hilfswerk Menschen für Menschen mithilfe der Zivilgesellschaft und lokaler Behörden 1200 Kinder aus den ärmsten ­Familien der Stadt erfasst. Sie sollen umfassende ­Lebensperspektiven erhalten. Die Kinder erhalten ­Lebensmittel und Schulmaterial. Die meist allein­erziehenden Mütter organisieren sich in Selbsthilfegruppen. Dort werden sie geschult und können mit ­Mikrokrediten ein Kleingewerbe beginnen.
Weil jeder Krankheitsfall die Entwicklung der Familien gefährdet, hat das Projekt eine starke Gesundheitskomponente. Alle Kinder erhalten eine jährliche Rou­tineuntersuchung. Bei akuter Erkrankung sorgen die Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter dafür, dass die Kinder in den staatlichen Gesundheitszentren untersucht werden und die benötigten Medikamente er­halten.
Im Jahr 2021 wurden insgesamt 154 Kinder behandelt, unter anderem gegen das Augenleiden Trachom, das in den unhygienischen Verhältnissen in den ärmeren Wohngebieten in Äthiopien häufig vorkommt. Krätze, Typhus, Fleckfieber und Diarrhö sind weitere häufige Erkrankungen (siehe Kasten).

Die Projekte von Menschen für Menschen

Die Stiftung Menschen für Menschen unterstützt von Armut betroffene Personen in Äthiopien. Ihr Fokus liegt darauf, Armutskrankheiten mithilfe von Prävention und Gesundheitsförderung zu verhindern. Eine der häufigsten Krankheitsursachen sind unhygienische Verhältnisse. Bei Hausbesuchen klären Projektmitarbeitende über die Bedeutung von Hygiene auf und verteilen Seife und Plastiktonnen. Ein weiteres Gesundheitsrisiko stellen Genitalverstümmelungen dar, die trotz offiziellem Verbot durchgeführt werden. Die Stiftung bietet den Opfern von Genitalverstümmelungen medizinische Hilfe an.

Bessere Ernährung dank Schulungen

In den Landbezirken Abaya und Gelana mit insgesamt 230 000 Einwohnern begann Menschen für Menschen vor sechs Jahren ein Projekt zur Ernährungssicherung. Es geht vor allem um die Diversifizierung und Effizienzsteigerung der kleinbäuerlichen Landwirtschaft.
Eine durchschnittliche Familie hat rund die Hälfte des Jahres nicht ausreichend zu essen. Das liegt auch ­daran, dass in den Dörfern der Bezirke pro Frau bislang im Schnitt 5,5 Kinder geboren werden. Im traditionellen Denken gelten Kinder weiterhin als Lebensversicherung im Alter: Wenn nur schon ein Kind von vielen beruflich Erfolg hat, sind die Eltern abgesichert.
Aus der Mangelernährung der Kinder folgt die An­fälligkeit für Krankheiten. Die Eltern müssen sich verschulden, um Medikamente zu kaufen, die Armut droht, sich in die nächste Generation zu übertragen.
Deshalb würde die Konzentration des Projekts auf die Landwirtschaft zu kurz greifen. Um Erfolg zu haben, muss die reproductive health gefördert werden. In den Schulungen zu Landwirtschaft bauen die Projektmitarbeitenden Lektionen über Gesundheit und Familienplanung ein. Sie machen deutlich, dass der Bildungserfolg der Kinder steigt, wenn sie besser genährt und gesund sind – sich die zu knappen Ressourcen also nicht mit ­einer grossen Schar von Geschwistern teilen müssen.

Über Familienplanung sprechen

Teenage-Ehen sind in Äthiopien weit verbreitet. Frühe und zahlreiche Schwangerschaften stellen für die jungen Frauen ein grosses Gesundheitsrisiko dar. ­Menschen für Menschen setzt auf einen peer-educator-Ansatz, um die Frauen in den Dörfern zu erreichen.
Deshalb werden ausgewählte Frauen in Familienplanung unterrichtet, die ihr Wissen in ihre Nachbarschaften tragen. Bislang wurden 464 peer educators ausgebildet, die rund 7500 Frauen und 6500 Männer bei nachbarschaftlichen und öffentlichen Treffen erreicht haben. Rund 2000 Frauen fragten im Anschluss in den ­Gesundheitsstationen Verhütungsmittel nach. In den Schulen werden Arbeitsgemeinschaften orga­nisiert, deren Mitglieder die Mitschülerinnen und ­Mitschüler mit Theater, Musik und Vorträgen für die Gefahren gewisser Traditionen sensibilisieren.
MfM CH Aethiopien Oktober 2017
Viele Häuser in Äthiopien haben keinen Wasseranschluss. Die Projektmitarbeitenden verteilen bei ihren Hausbesuchen Seife und Wassertonnen (Rainer Kwiotek/ MfM).

Junge Paare planen bewusster

Zur Wirksamkeit der Arbeit liegen auf Gemeindeebene keine repräsentative Statistiken vor, aber es gibt Indizien. Als Menschen für Menschen das Projekt vor sechs Jahren begann, heirateten beispielsweise im Dorf Odomike laut Beobachtung der Entwicklungsmitarbeitenden auf Gemeindeebene («Community Development Workers») acht von zehn Mädchen vor ihrem 18. Geburtstag. Nun heiraten noch 30 bis 40 Prozent der Mädchen vor ihrer Volljährigkeit. Acht von zehn frischgebackenen Ehepaaren sagen heute, sie wollten die Zahl ihrer Kinder planen.
In den Gesundheitsstationen können die Frauen ­zwischen Drei-Monats-Injektionen und Hormonstäbchen (Implanon) wählen, die drei Jahre lang vor Schwangerschaft schützen. Junge Paare wünschten sich laut unseren Gemeindemitarbeitenden nun meist maximal vier Kinder – nach traditionellen Vorstellungen ist das eine eher kleine Familie.
Ein wesentlicher Erfolgsfaktor für diesen Bewusstseinswandel ist, dass ein Top-Down-Ansatz vermieden wird: Die Bauern werden von ihresgleichen und von einheimischen Fachkräften unterrichtet. Zudem ist das Design des Projekts entscheidend: Hauptsächlich geht es um die Steigerung von Einkommen und Ernten für die kleinbäuerliche Gesellschaft. Die Erkenntnisse zu schädlichen Traditionen und Reproductive Health werden integriert und gleichzeitig vermittelt.
Die Stiftung Menschen für Menschen wurde von dem Schauspieler Karlheinz Böhm (1928–2014) gegründet. Im Geiste des Gründers schafft das Schweizer Hilfswerk Lebensperspektiven für die ärmsten Familien in Äthiopien. Ziel der Arbeit ist es, dass diese in ihrer Heimat menschenwürdig leben können (www.mfm.ch).

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