«Es gibt viel Potenzial»

Wissen
Ausgabe
2022/42
DOI:
https://doi.org/10.4414/saez.2022.21074
Schweiz Ärzteztg. 2022;103(42):78-79

Publiziert am 18.10.2022

WissenstransferNur ein Bruchteil der medizinischen Innovationen findet den Weg in die praktische Anwendung. Lauren Clack erforscht, warum das so ist und erklärt, wie sich die Situation mit Hilfe von Implementation Science verbessern lässt.
Lauren Clack, warum braucht es Implementation Science?
Die Geschichte der Implementation Science begann vor etwa 20 Jahren in den USA – und zwar mit einer erschreckenden Erkenntnis: Gemäss Studien wird nur ein geringer Teil der evidenzbasierten medizinischen Erkenntnisse in der Praxis auch angewandt. Je nach Studie und Medizinbereich ist von einem Anteil zwischen 14 und 50 Prozent die Rede. Ausserdem findet der Transfer solchen Wissens beunruhigend langsam statt – er dauert bis zu 15 Jahre. Mit anderen Worten: Wir investieren viel Geld in die Entwicklung neuer Behandlungen und in die klinische Forschung. Aber nur ein Bruchteil der daraus entstehenden Interventionen wird implementiert und kommt auch tatsächlich den Menschen zugute.
Eine enorme Ressourcenverschwendung?
Ja. Und gleichzeitig werden medizinische Praktiken angewandt, die nicht evidenzbasiert sind, wofür also eine De-Implementierung sinnvoll wäre. Insgesamt haben wir es mit einem enormen ungenutzten Potenzial an Versorgungsqualität, Patientensicherheit und Nachhaltigkeit im Gesundheitswesen zu tun.
Warum wird so viel Wissen nicht genutzt?
Die Implementation Science hat eine Vielzahl von Faktoren identifiziert, die dabei mitspielen können. Man kann sich das als Modell mit verschiedenen Kreisen vorstellen. Im innersten Kreis befindet sich das Individuum – das kann etwa ein Patient oder eine Gesundheitsfachperson sein. Ob diese Personen neue Erkenntnisse anwenden, hängt unter anderem von ihrem Wissen sowie ihrer Erfahrung und Motivation ab. Wobei dieses Wissen bisher eher überbewertet wurde.
Inwiefern?
Man dachte oft: Es genügt, Gesundheitsfachpersonen und Patientinnen und Patienten über eine neue Intervention zu informieren – dann findet sie ihren Weg in die Praxis. Das ist eine zu enge Sichtweise. Denn weitere Kreise spielen in unserem Modell mit. Zu oft ging in der Vergangenheit dieser oftmals ausschlaggebende Kontext vergessen. Da gibt es nach dem Individuum die Ebene der Organisation, etwa die Kultur und die Ressourcen in einem Spital oder einer ärztlichen Praxis. Und im dritten Kreis unter anderem die Ressourcen des Gesundheitswesens insgesamt sowie die Kultur und die gesetzlichen Rahmenbedingungen eines Landes. Bei jeder Intervention ist es eine ganz eigene Kombination dieser Faktoren, die entscheidend ist, ob es gelingt, etwas in der Praxis umzusetzen. Entsprechend ist es das Ziel der Implementation Science, für jede Intervention die passenden Strategien der Implementierung zu finden.
Was Forschende entwickeln, erhält nicht immer Einzug in die Praxis.
© CDC¨/ Unsplash
Was heisst das konkret, diesen Kontext zu berücksichtigen?
Es heisst vor allem, dass man eine Intervention, die in einem bestimmten Kontext erfolgreich ist, nicht einfach copy-paste in einem anderen Land, Spital oder einer anderen Arztpraxis anwenden kann. Das Risiko ist gross, dass das schiefgeht.
Können Sie ein Beispiel geben?
Ja, es gibt ein sehr eindrückliches Beispiel. Im US-Staat Michigan hatten 2013 mehr als 100 Intensivstationen ein Bündel von fünf Massnahmen umgesetzt, um Infektionen im Zusammenhang mit zentralen Venenkathetern zu verhindern. Sie hatten grossen Erfolg damit. Einige Jahre später führten Spitäler in Grossbritannien dieselben Massnahmen ebenfalls ein – und hatten weitaus weniger Erfolg.
Warum?
Implementation Science konnte zeigen, dass die Intensivstationen in Grossbritannien unter gänzlich anderen Voraussetzungen handelten – etwa mit weniger Austausch und Teamwork zwischen den einzelnen Gruppen. Zudem waren die Beteiligten weniger motiviert, weil ihnen zuvor schon mehrmals ähnliche Massnahmen top-down diktiert worden waren. Dieses Verständnis, warum es nicht funktioniert, war enorm hilfreich. Denn später gab es ein Projekt in europäischen Spitälern. Sie nahmen wiederum dieselben Massnahmen der Infektionsprävention, berücksichtigten aber mit Implementation Science den Kontext besser – und konnten die Infektionsraten massgeblich und langfristig senken.
Wie kann man bewirken, dass mehr evidenzbasiertes Wissen angewandt wird?
Wichtig ist, bei der Entwicklung medizinischer Interventionen die Implementierung nicht erst am Schluss, sondern von Anfang an mitzudenken. Goldstandard sind dabei so genannte hybride Studien. Dabei werden gleichzeitig die klinische Wirksamkeit einer Intervention wie auch die nötigen Strategien zur Implementation untersucht. Natürlich sind nicht immer hybride Studien nötig und möglich. Unser Ziel ist auch, klinisch Forschende dafür zu sensibilisieren, dass sie die Aspekte der Implementierung in ihren Studien mit berücksichtigen – und in ihren Studien auch den Kontext beschreiben, der zur Wahl bestimmter Implementierungsstrategien führte. Um sich das nötige Wissen dazu anzueignen, gibt es wertvolle Hilfsmittel und Weiterbildungsmöglichkeiten (siehe auch weiterführende Links).

Die Forscherin

Lauren Clack ist seit 2021 Assistenzprofessorin für Implementation Science in Health Care an der Universität Zürich. Die Psychologin war zuvor am Universitätsspital Zürich tätig, wo sie insbesondere untersuchte, wie evidenzbasierte Praktiken der Infektionsprävention implementiert werden können. Derzeit widmet sie sich in ihrer Forschung unter anderem Implementierungsstrategien zur Vermeidung nosokomialer Infektionen bei Neugeborenen und zur Verringerung antimikrobieller Resistenzen in Spitälern sowie der Implementierung von Screeningprogrammen zur Darmkrebsvorsorge.
© UZH / Frank Brüderli
Institut für Implementation Science in Health Care
Swiss Implementation Science Network (IMPACT)
Materialien zu Implementation Science

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