Sechsmal Wow

Sechsmal Wow

Hintergrund
Ausgabe
2023/50
DOI:
https://doi.org/10.4414/saez.2023.1187384257
Schweiz Ärzteztg. 2023;104(50):12-15

Publiziert am 13.12.2023

Bessere Arbeitsbedingungen
Fachkräftemangel, wachsende administrative Last, starre Strukturen: Herausforderungen gibt es in Schweizer Spitälern und Praxen viele. Statt zu verzweifeln, entwickeln Gesundheitsfachpersonen kreative Lösungen, um dagegen anzugehen. Etwa beim Thema Teilzeitarbeit, in der Weiterbildung oder in der interprofessionellen Zusammenarbeit. Wir stellen sechs Projekte mit Wow-Effekt vor.
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Doppelte Freude statt geteiltes Leid

Ein Drittel aller Ärztinnen und Ärzte würde gerne in Teilzeit arbeiten [1]. Gleichzeitig bieten erst wenige Spitäler Teilzeitstellen an. Hier kommt DoppelDoc ins Spiel. Gegründet von der Hausärztin Dr. med. Salome Kisker aus eigenem Bedarf, hilft die Online-Plattform seit 2018 Ärztinnen und Ärzten, eine Jobsharing-Partnerin respektive einen Jobsharing-Partner zu finden.
Kurz gesagt geht es darum, Paare zu bilden, die sich einen Arbeitsbereich teilen. So wird es etwa möglich, trotz Teilzeitpensum eine Spezialisten-Ausbildung zu absolvieren. Eine einfach umsetzbare Lösung in starren Strukturen, nennt das die Gründerin von DoppelDoc: «Jobsharing ist ein Teilzeitmodell, ohne ein Karrierekiller zu sein.» Zudem fördere es die Feedback-Kultur zwischen den Partnern, und bei Ausfällen könnten die Teilzeitarbeitenden als Springer eingesetzt werden.
Das Angebot stosse seit der Einführung auf eine grosse Nachfrage, sagt Salome Kisker. Eine gewisse Skepsis erlebt sie auf Arbeitgeberseite: «Teilweise haben sich Ärztinnen im Doppelpack beworben und konnten trotzdem keine Teilzeitstelle antreten.» Dabei sei das System gerade auch für Arbeitgeber sinnvoll, weil sich schnell herumspreche, wo Teilzeitarbeit möglich sei. Was wiederum die Attraktivität der Arbeitgeber fördere. «Und bei der Bewerbung bringen die Ärztinnen und Ärzte die Lösung gleich mit», sagt Kisker.
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hallo[at]doppeldoc.ch
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Alles eine Frage der Organisation

In der medizinischen Abteilung des Universitätsspitals Lausanne hat sich die Nachfrage nach Teilzeitarbeit in den letzten zehn Jahren von 14 auf 27 Anfragen pro Jahr fast verdoppelt. Oberärztinnen und-ärzte sowie Assistenzärztinnen und -ärzte in Weiterbildung in der Allgemeinen Inneren Medizin haben das Bedürfnis, ihre Arbeitszeit an ihr Privat- oder Berufsleben anzupassen. Um dem gerecht zu werden, wurde mit dem Projekt «TOP-SHARE: Teilzeitarbeit und Jobsharing» im Jahr 2017 eine massgeschneiderte Arbeitsplanung in Zweierteams entwickelt. Sie ermöglicht es, jedes Jahr 120 Stellen einschliesslich Rotationen von Assistenzärztinnen und -ärzten sowie die Karriere von mehr als 250 Oberärztinnen und -ärzten zu organisieren, die mit 80 Vollzeitäquivalenten die Arbeit in der Abteilung sicherstellen.
«Dies wird durch die Koordination eines House Staff (HSF) ermöglicht, basierend auf einem Patensystem mit den Kaderärzten», erklärt Dr. med. Julien Castioni, Präsident des HSF. Er fügt an: «Die klinische Organisation erfordert eine gute Abstimmung zwischen den Funktionsanforderungen der Abteilungen – der Kontinuität der Betreuung – und den individuellen Weiterbildungsplänen jedes Einzelnen.» Um dies zu erreichen, setzt die HSF mehrere Massnahmen zur Gewährleistung der Teilzeitarbeit ein. Obwohl einige befürchten würden, keinen Zugang zu bestimmten Rotationen zu erhalten, weniger engagiert zu erscheinen, oder dass ihr Job-Format nicht verlängert werde, sind die Rückmeldungen gemäss Castioni weitgehend positiv.
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Dmrh.housestaff[at]chuv.ch
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Feedback geben und fördern

Nicht nur die Medizin soll evidenzbasiert sein, sondern auch die Weiterbildung. Deshalb hat die Klinik für Allgemeine Innere Medizin am Inselspital Bern mit «MedEval» ein evidenzbasiertes Instrument für die Evaluation und das Feedback von Assistenzärztinnen und -ärzten eingeführt. Die Supervidierenden füllen wöchentlich ein kurzes Evaluationsformular aus, in dem sie die Leistung der Einzelperson im Verhältnis zum Durchschnitt bewerten.
Die Idee dahinter: Häufige, objektive Evaluationen durch verschiedene Supervisoren führen zu einem breit abgestützten und einfach annehmbaren Feedback. Die Beurteilung anhand des Durchschnitts mache die Ergebnisse nachvollziehbar – und biete eine objektive Grundlage für ein individuelles Mentoring, sagen die Initianten des Pilotprojekts Dr. med. Tobias Anliker, Dr. med. Pascal Frey und PD Dr. med. Tobias Tritschler.
Allerdings war der Anfang nicht ganz einfach. Die Inhalte mussten ohne zusätzliches Budget und ohne geeignetes Computerprogramm implementiert werden. Bald soll dieses Problem mit einer eigens dafür entwickelten Online-Plattform behoben werden. Ausserdem ist geplant, die abgefragten Inhalte wissenschaftlich zu validieren.
Die Initianten von MedEval freut, dass sie seit der Einführung Ende 2021 viele positive Rückmeldungen vom Ärztenachwuchs erhalten haben und sich die Feedback-Kultur gemäss einer internen Umfrage verbessert hat.
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tobias.anliker[at]insel.ch
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Die Kraft der narrativen Medizin

Lesen, schreiben, analysieren und teilen: Die Beschäftigung mit Geschichten aus dem Ärztealltag kann einen ungeahnten therapeutischen und pädagogischen Wert haben und wird als narrative Medizin bezeichnet. Zwischen 2021 und 2022 führten Dr. med. Melissa Dominicé Dao, Leitende Ärztin in der Abteilung für Hausarztmedizin des Universitätsspitals Genf (HUG), und Aline-Lasserre Moutet, Leiterin des Zentrums für therapeutische Erziehung am HUG, im Rahmen des Projekts «Doctors' stories» sechs Workshops durch, in denen sich Assistenzärztinnen und -ärzte der Allgemeinen Inneren Medizin während 90 Minuten über ihre Erfahrungen austauschen konnten. Das Ziel: Einen Raum für die Reflexion der eigenen beruflichen Praxis und Identität sowie einen Ort der Kreativität für die Entwicklung der Erzählkompetenz zu bieten.
In den anonymisierten Rückmeldungen der Teilnehmenden «betonten diese, dass es ihnen Spass gemacht habe, literarische Texte zu analysieren, dass es eine kathartische Wirkung habe, Geschichten über ihre beruflichen Erfahrungen zu schreiben und zu teilen und dass sie das Gefühl hätten, eine Verbundenheit mit ihren Kollegen aufgebaut zu haben und einem Team anzugehören», erklärt Melissa Dominicé Dao. «Sie beschreiben ein Gefühl der persönlichen Bereicherung nach den Workshops», fügt sie an. Die Regelmässigkeit der Teilnahme wurde jedoch durch die Wiederaufnahme von Bereitschaftsdiensten, andere Absenzen und Teilzeitarbeit erschwert. Insgesamt hätten die Workshops den Ärztinnen und Ärzten dabei geholfen, Fähigkeit beim Zuhören und neue Kommunikationsfähigkeiten zu entwickeln.
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melissa.dominice[at]hcuge.ch
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Im Tandem unterwegs

In der Südland Praxis Effinger in Bern teilen sich Hausärztinnen und Hausärzte und Nurse Practitioners die Arbeit. Die Nurse Practitioners sind vor allem in die Betreuung von älteren, chronisch erkrankten Menschen involviert. Sie sorgen für eine kontinuierliche Überwachung des physischen und psychischen Gesundheitszustandes und stellen die interdisziplinäre Zusammenarbeit sicher.
«Ein Pionierprojekt», sagt Christine Teuscher, Nurse Practitioner und Pflegeexpertin APN-CH. Allerdings ohne Abrechnungstarif und rechtliche Regelungen. Die Nurse Practitioners arbeiten in der Praxis unter Delegation, die Hauptverantwortung bleibt also bei den ärztlichen Fachpersonen. Dennoch können sie Kontrollkonsultationen oder Beratungen von chronisch kranken Personen übernehmen und greifen bei Bedarf auf den Hausarzt zurück. Das entlaste die Ärzteschaft nicht nur zeitlich, sagt Teuscher: «Indem zwei Fachpersonen in die Betreuung involviert sind, kann auch die empfundene Last der Verantwortung reduziert werden.»
Zu Beginn mussten die Rollen und Aufgaben klar definiert werden: «Die medizinischen Praxisassistentinnen waren skeptisch bezüglich unserer neuen Rolle, merkten aber schnell, das wir keineswegs ihre Aufgaben ‘wegnehmen’.» Vielmehr geht es um eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe und eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen für alle Fachpersonen in der Hausarztpraxis.
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np[at]suedland.ch
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Gelebte Interprofessionalität

In verschiedenen chirurgischen und medizinischen Abteilungen des Kantonsspitals Winterthur (KSW) arbeiten Physician Associates Hand in Hand mit ärztlichen und pflegerischen Fachpersonen. Unter ärztlicher Delegation verrichten sie klinisch-medizinische Aufgaben. Kaderärztinnen und -ärzte können sich so vermehrt auf ihr Kerngeschäft fokussieren und die Assistenzärztinnen und Assistenzärzte ihre Arbeitszeit besser für die Weiterbildung nutzen.
Zudem könnten Überzeiten gesenkt werden, sagt Markus Wepf, Bereichsmanager Chirurgie am KSW. Für ihn ist das im Jahr 2014 lancierte Projekt ein Erfolg: «Der Einsatz von Physician Associates führt zu Optimierungen in den Prozessen und zu mehr Konstanz in der klinisch-medizinischen Betreuung.» Die Physician Associates nehmen an den ärztlichen Rapporten und Weiterbildungen teil, so Markus Wepf weiter: «Sie sind vollständig in die ärztlichen Teams integriert. Es ist gelebte interprofessionelle Zusammenarbeit.»
Allerdings musste sich diese Zusammenarbeit erst etablieren. Denn obwohl Physician Associates häufig selbstständig arbeiten, muss jederzeit ein Facharzt, eine Fachärztin für Rückfragen erreichbar sein. Dafür musste eine passende Form gefunden werden. Auch habe es eine Gewöhnungsphase gebraucht, um die Kulturen der verschiedenen Berufsgruppen zusammenzubringen, sagt Wepf. Doch inzwischen sei das Berufsbild Physician Associate aus dem KSW nicht mehr wegzudenken.
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kommunikation[at]ksw.ch
1 Hess Benjamin (2016): Ein Drittel will Teilzeit arbeiten, VSAO Journal 2016(2), 12-13.