«Biles and more»

Zu guter Letzt
Ausgabe
2023/49
DOI:
https://doi.org/10.4414/saez.2023.1196536589
Schweiz Ärzteztg. 2023;104(49):74

Affiliations
Prof. Dr. med., Chefarzt Klinik für Innere Medizin, Zollikerberg

Publiziert am 06.12.2023

Vermutlich hat der Neologismus etwas mit Greta Thunberg zu tun, denn er entstand 2017 im Schwedischen. «Flygskam» bezeichnet die ungute Empfindung, die beim Gebrauch eines Verkehrsflugzeuges entsteht. Das Wort machte rasant Karriere: Schon 2019 war «Flugscham» Deutschschweizer Wort des Jahres, seit 2020 steht es im Duden. Ja, wer etwas auf sich hält, hat heutzutage Flugscham.
Die armen Fluggesellschaften stehen vor einem echten Dilemma. Wie können sie bei ihren Kunden die unstillbare Sehnsucht nach weissem Südseestrand mit Palmen wecken und gleichzeitig das schlechte Gewissen aus dem Weg räumen? Ihre erfolgreiche Strategie hat sich seit Jahrhunderten bewährt: der Ablasshandel, in diesem Fall die CO2-Kompensation. Eine geniale Sache, sich gutes Gewissen und moralische Überlegenheit einfach zu kaufen. Man kann immer mehr, immer weiter, immer sinnloser über Weihnachten nach Bali oder auf die Malediven fliegen, schämt sich zwar, aber für ein paar Franken ist alles wieder gut. Ja noch mehr: Aus der Sehnsucht nach dem Sandstrand wird ein Anspruch, denn schliesslich hat man ja für alles bezahlt, sogar für das ungute Gefühl des sinnlosen Konsums. All inclusive.
Die Gesundheitsbranche ist seit Jahrzehnten bemüht, von der Luftfahrt zu lernen. Ein- und Ausleitung einer Narkose werden gerne mit Start und Landung verglichen. Wie Piloten kultivieren auch wir das Bild des souveränen Herrschens der Technik über die Natur, bieten Dienstleistung auf höchstem Niveau mit menschlicher Ausstrahlung. Safety first, critical incidents, Checklisten und SOPs für jeden Handgriff: Die Parallelen liessen sich beliebig erweitern.
Auch wir haben Airline-Wettbewerb gelernt. Priority Check-in, Beförderungsklasse, Business-Lounge. Statt Sehnsucht nach dem Palmenstrand suggerieren wir den Anspruch auf ein unbeschwertes gesundes Leben, bei dem höchstens einmal eine unglückliche Zerrung beim Joggen oder Golfspiel dazwischenkommt. Oder was sonst vermitteln uns die ewig lachenden top aussehenden jugendlichen Menschen, die die Hochglanzbroschüren und Webseiten aller Gesundheitseinrichtungen bevölkern? Wirkliche Krankheit ist nicht vorgesehen. Demut schon gar nicht. Das wäre auch störend, denn ähnlich wie das Fliegen, ist Gesundheit in vielen Bereichen zum Konsumgut geworden. Alles, was gut tut, wird mitgenommen. Die Preisung des Gesundheitswesens verkommt zum unhaltbaren Versprechen eines Rundum-sorglos-Paketes. Prämienprogramme allenthalben. Ab 20 000 Treuepunkten eine Gallenblase: «biles and more» ... All inclusive.
Das Einzige, was sich in unserem Gesundheitssystem bisher nicht einstellt, sind Konsumscham und Ablasshandel. Warum auch? Schliesslich ist alles, was hier angeboten wird aus Definition von moralischer Überlegenheit. Es dient immer einem nicht zu hinterfragenden guten Zweck (und sei es nur das eigene Portemonnaie). Mag der Grenznutzen für die Kunden noch so gering, irrlichternde Heilsversprechen und unrealistische Erwartungen noch so dubios, fragwürdige Therapien und überzüchtete körperliche Optimierungsangebote noch so skurril sein. Wehe, das Resultat entspricht für einmal nicht den Erwartungen. Bezahlt ist bezahlt und der Anspruch gilt – während gleichzeitig andernorts wirklich die Welt untergeht.
Das Einzige, was einem da neben der selbstkritischen Hinterfragung noch bleibt, ist Fremdschämen. Aber auch dafür ist Greta Thunberg ja mittlerweile ein lebhaftes Beispiel.
Ludwig T. Heuss Prof. Dr. med., Chefarzt Klinik für Innere Medizin, Zollikerberg