Auf den Punkt

«COVID-Tests bleiben wichtig»

News
Ausgabe
2023/48
DOI:
https://doi.org/10.4414/saez.2023.1282913425
Schweiz Ärzteztg. 2023;104(48):8-9

Publiziert am 07.12.2023

Virusinfektionen
Die COVID-19-Fallzahlen steigen rapide an. Der Infektiologe Huldrych Günthard vom Universitätsspital Zürich schätzt die aktuelle Lage ein und erklärt, worauf Hausärztinnen und Hausärzte achten sollten.
Huldrych Günthard, wie ist die momentane COVID-19-Lage?
Dagegen COVID bessere Medikamente vorliegen als gegen Influenza, ist es wichtig, Patienten zu testen.
© Samwordley / Dreamstime
Die Fallzahlen sind in den letzten Wochen stark angestiegen, das sehen wir beispielsweise an der Virenlast im Abwasser. Bei uns im Spital merken wir, dass es deutlich mehr Patientinnen und Patienten mit COVID-19 gibt. Allerdings haben wir praktisch keine schweren Fälle. Wir sehen nicht mehr die klassischen Lungenentzündungen, sondern meist COVID-Fälle als Nebendiagnosen.
Also kaum mehr gefährliche Verläufe?
Das ist die absolute Ausnahme, vielleicht einen Fall alle zwei, drei Wochen. Und wenn, dann bei Hochrisikopatientinnen oder -patienten. Also zum Beispiel bei Menschen mit einer schweren Immunsuppression. Wir haben auch Hinweise darauf, dass es seit dem Auftreten der Omikron-Variante zu weniger Fällen von Long COVID kommt.
Welche Viren-Varianten herrschen heute vor?
Momentan dominiert die Variante XBB. Allerdings ist das nicht mehr so relevant. Denn die klinischen Therapien bei schweren Fällen wirken unabhängig von der Viren-Variante. Zudem schützen vorgängige Impfungen und durchgemachte Infektionen vor schweren Verläufen.
Das BAG hat kürzlich die langfristige COVID-Strategie des Bundes vorgestellt. Es informiert über den aktuellen COVID-Stand künftig auf einem Infoportal für verschiedene übertragbare Krankheiten. Ist COVID-19 also inzwischen bezüglich Virulenz mit Influenza oder anderen respiratorischen Erkrankungen vergleichbar?
Ja, für uns auf den Spitalstationen ist dieser Zustand schon vor längerer Zeit eingetreten. Ich finde es richtig, dass der Bund nicht einen Ausnahmezustand aufrechterhält, der gar nicht mehr da ist. Trotzdem dürfen wir nun nicht zurückfallen in Zeiten, in denen man alle respiratorischen Krankheiten in einen Topf warf.
Weshalb nicht?
Schwere COVID-19-Fälle sind im Frühstadium mit Therapien wie Nirmatrelvir/Ritonavir oder Remdesivir sehr gut behandelbar. Beim Abfall der Sauerstoffsättigung auch mit Steroiden und anderen antientzündlichen Substanzen. Wir haben dank der weltweiten Forschungs- und Entwicklungsanstrengungen während der Pandemie heute bessere COVID- als Influenza-Medikamente. COVID-Tests bleiben deshalb wichtig. Ärztinnen und Ärzte sollten gerade bei Risikopatientinnen und Risikopatienten mit respiratorischen Symptomen immer abklären, ob es sich um COVID-19 handelt, damit allenfalls eine Frühtherapie gestartet werden kann.
Wie sind die Aussichten für den Winter?
Das kann man nicht genau vorhersagen. Die Grippesaison wird erst so richtig anlaufen. Wenn es gleichzeitige Influenza-, COVID-19- und RSV-Wellen gibt, wie etwa im vergangenen Winter, kann das zu einer Belastung des Systems führen. Aber ich gehe eher nicht von einer starken Überlastung aus.
Wie gut ist Ihr Spital vorbereitet?
Gut. Wir haben den Umgang mit COVID in den letzten Jahren gelernt. Wir prüfen die aktuelle Lage regelmässig. Und wenn die Belastung steigt, haben wir rasch wieder geeignete Massnahmen umgesetzt.
Wem sollten Hausärzte eine COVID-19-Impfung empfehlen?
Das BAG gibt eine Impfempfehlung ab für alle über 65-Jährigen und für Risikogruppen bei den Jüngeren – also etwa für immunsupprimierte, schwer übergewichtige oder herzkranke Menschen. Wichtig scheint mir, dass Ärztinnen und Ärzten bewusst ist, dass COVID-19-Impffragen nicht mehr im Public-Health-Fokus stehen. Es ist nun die Aufgabe der Hausärztinnen und Hausärzte, ihre Patientinnen und Patienten darauf aufmerksam zu machen – und ihnen allenfalls die Impfung ans Herz zu legen.
Gibt es andere Präventionsmassnahmen, die Ärztinnen und Ärzte beachten sollten?
Ich glaube, das sollte jede Praxis je nach Situation entscheiden. Am Universitätsspital Zürich etwa wurde für diesen Winter keine generelle COVID-19-Impfempfehlung für das Personal ausgesprochen. Die Kosten der Impfung für jene, die sich impfen lassen, werden aber vom Spital übernommen.
Prof. Dr. med. Huldrych Günthard Leitender Arzt und stellvertretender Klinikdirektor der Klinik für Infektionskrankheiten und Spitalhygiene am Universitätsspital Zürich.