Versorgungsimplosion statt Kostenexplosion

Versorgungsimplosion statt Kostenexplosion

Leitartikel
Ausgabe
2023/48
DOI:
https://doi.org/10.4414/saez.2023.1282913782
Schweiz Ärzteztg. 2023;104(48):28-29

Affiliations
Dr. med., Präsidentin FMH

Publiziert am 07.12.2023

Schwarzmalerei mit Folgen
Beständig vermitteln Schlagzeilen den Eindruck, das Schweizer Gesundheitswesen weise schwere Systemfehler auf. Tatsächlich gehört es immer noch zu den erfolgreichsten der Welt. Die ständigen Warnungen vor einem Kostenkollaps ebnen jedoch den Weg zum Versorgungskollaps.
Wer sich an Fakten orientiert, stellt schnell fest: Das Schweizer Gesundheitswesen ist ein Erfolgsmodell. So weisen die jüngst publizierten OECD-Daten aus, dass 94% der Bevölkerung mit der Zugänglichkeit und Qualität der Gesundheitsversorgung zufrieden sind – ein Wert, den kein anderes OECD-Land erreicht. Und diese subjektive Wahrnehmung wird durch objektive Zahlen gestützt: Unter den 45 untersuchten Ländern weist die Schweiz die geringste Mortalität bei behandelbaren Krankheiten auf [1].

Kostenexplosion ist abgesagt

Auch die Fakten zu den Kosten zeigen sehr positive Entwicklungen. So flacht nicht nur das Kostenwachstum in fast allen westlichen Industrieländern seit 15 Jahren ab und verläuft immer langsamer [2-4]. Die Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich vermeldete diesen November noch eine weitere gute Nachricht: Das Wachstum der Gesundheitskosten gemessen am BIP wird sich gemäss der KOF-Prognose nicht weiter fortsetzen, die Kosten bleiben in den kommenden Jahren konstant [5]. Im internationalen Vergleich liegen diese Kosten mit 11,3% des BIP im Rahmen: Sie sind etwas geringer als in Grossbritannien (11,3%) und niedriger als in Österreich (11,4%), Japan (11,5%), Frankreich (12,1%), Deutschland (12,7%) und den USA (16,6%) [1].

Untergangspropheten dominieren

Positive Fakten stehen jedoch meist im medialen Schatten ständiger Katastrophenmeldungen. In den letzten Jahren behauptete der Preisüberwacher, es sei «2 vor 12» [6], ein SAMW-Präsident sah das Gesundheitswesen «vor dem Grounding» [7], ein Gesundheitsökonom forderte eine «Revolution» [8], ein Direktor des BAG und die Direktorin von santésuisse sahen das «Gesundheitssystem an die Wand fahren» [9,10]. Sogar der zuständige Bundesrat warnte vor «ungebremstem Kostenwachstum» «bis das System irgendwann kollabiert» [11]. All diese Autoritäten prophezeiten einen Kostenkollaps – einen Versorgungskollaps befürchtete niemand. In diesem Jahr sorgte der Prämiensprung mitten im Wahlkampf für eine neue Fülle von Negativschlagzeilen [12] – trotz nachweislich abflachender Kostenentwicklung.

Der Hausärztemangel ist eine Folge politischer Fehlkalkulationen und politischer Blindheit für Versorgungsengpässe.

Statt eines Kostenkollaps…

Nun könnte man die Schwarzmaler einfach ignorieren, wäre der Alarmismus nicht eine ernste Gefahr für die Patientenversorgung. Denn wo eines der leistungsfähigsten Gesundheitswesen der Welt für schwer krank erklärt wird, folgt die politische Überbehandlung. Seit Jahren treiben die Untergangspropheten mit ihrem Kostenröhrenblick eine Politik an, die das Fundament unserer Patientenversorgung bereits stark geschwächt hat. Weil man ausschliesslich Ärzteflut und Überbehandlungen fürchtete, setzte man auf knappe Kalkulationen, enge gesetzliche Vorgaben und erhöhten Kostendruck für mehr Effizienz. Politiker präsentierten sich als Vorkämpfer der Prämienzahlenden und verabschiedeten unzählige Gesetze. Damit förderten sie eine Überregulierung, die keine Kostendämpfung gebracht hat, sondern steigende Administrationskosten und lähmende Bürokratie [13]. Echte Gefahren wie der Fachkräfte- und Medikamentenmangel gerieten dabei vollständig aus dem Blick.

… droht der Versorgungskollaps

Der Fachkräftemangel zeigt sich in den Praxen und Spitälern jedoch immer deutlicher, mit Folgen wie Wartezeiten und Bettenschliessungen [14,15]. Die Zahl der Praxen, die keine neuen Patientinnen und Patienten mehr aufnehmen, hat sich seit 2012 von 14% auf 32% mehr als verdoppelt [16]. 25% der Grundversorger möchten sich in den nächsten drei Jahren aus der Patientenversorgung zurückziehen. Gleichzeitig haben 75% der über 60-Jährigen keinen Praxisnachfolger. In unserer alternden Gesellschaft verabschiedet sich also jeder vierte Grund-versorger bald aus dem Beruf und jede dritte Praxis nimmt bereits heute keine neuen Patienten und Patientinnen mehr auf: Wo werden die Leute hingehen, die keinen Hausarzt mehr finden?

Weniger Zeit für mehr Patienten

Unser ärztlicher Nachwuchs wird die Lücken kaum füllen können. Zum einen sind die Zeiten vorbei, in denen Ärzte rund um die Uhr arbeiteten, während sich daheim ihre Frau um den Rest des Lebens kümmerte. Vor zehn Jahren arbeiteten noch knapp 80% der älteren Grundversorgerinnen und Grundversorger mehr als 45 Wochenstunden – heute sind es von den älteren noch 63% und von der jungen Generation nur noch 40% [16]. Auch in den Spitälern protestieren Ärztinnen und Ärzte zunehmend gegen die extrem langen Arbeitszeiten – und verlassen notfalls den Beruf [17]. Gleichzeitig fordern administrative Arbeiten immer mehr Zeit in den Spitälern [14,18], aber auch 68% der Grundversorgenden sehen darin ein grosses Problem. Dies ist der höchste Wert seit Messung – und ein internationaler Spitzenplatz [16].

Wer den Untergangspropheten folgt, reguliert eines der leistungsfähigsten Systeme der Welt zu Tode.

Mangel durch Auslandsabhängigkeit

Für die gleiche Zeit am Patienten braucht es also immer mehr Ärztinnen und Ärzte. Trotz aller Daten, Berichte und Experten hat der Bund den Ausbildungsbedarf an Ärztinnen und Ärzten in der Hoffnung auf «Effizienzsteigerungen» aber deutlich zu niedrig kalkuliert [19,20]. Dadurch sind wir heute so stark auf ausländische Kollegen und Kolleginnen angewiesen wie noch nie [21]. In den letzten zehn Jahren kam fast jeder zweite neue Facharzt, jede zweite neue Fachärztin aus dem Ausland [21,22]. Diese sind aber nur zu 30% auf Grundversorgerdisziplinen spezialisiert – und damit deutlich seltener als die in der Schweiz weitergebildeten Ärzte und Ärztinnen (46%) [22]. Der Hausärztemangel ist also eine direkte Folge unserer Auslandsabhängigkeit und damit auch von zu knappen behördlichen Kalkulationen des Ausbildungsbedarfs und politischer Blindheit für drohende Versorgungsengpässe. Wer wegen des Hausärztemangels eine staatliche Steuerung der Weiterbildung fordert, verkennt, dass dieser Mangel erst wegen staatlicher Fehlkalkulationen entstanden ist.

Dumme Vergleiche, falsche Vorbilder

Bis heute werden diese Probleme immer wieder mit unsinnigen Vergleichen relativiert: Unsere Ärztedichte liege mit 4,4 Ärztinnen und Ärzten auf 1000 Einwohner über dem OECD-Schnitt und sei folglich eher zu hoch. Doch in welchem OECD-Land möchten Sie sich gerne behandeln lassen? In Chile, Kolumbien, Costa Rica oder Mexiko? Vermutlich eher nicht. All diese Länder fliessen aber in den OECD-Durchschnitt ein. In Deutschland, Österreich oder Norwegen? Vermutlich schon eher. Diese Länder haben allerdings eine höhere Ärztedichte als wir. Wer einen Schweizer Versorgungsstandard anstrebt, sollte sich nicht an Ländern orientieren, die diesen nicht bieten. Entsprechend sollten andere Länder auch nicht undifferenziert als Vorbilder präsentiert werden, wie es der Bundesrat tat, als er für seinen Expertenbericht Deutschland und Frankreich heranzog: Diese weisen höhere Kosten, eine grössere vermeidbare Mortalität und eine geringere Zufriedenheit auf [1].

Weiter so? Zeit, auf die Fakten zu hören

Die kommende Wintersession wird die politische Realitätsfremdheit erneut illustrieren. Ein neuer Vorstoss fordert die erst jüngst eingeführten untauglichen Höchstzahlen um ein weiteres dysfunktionales Zulassungssystem zu ergänzen: Die Lockerung des Kontrahierungszwangs. Als Begründungen werden «Mengen- und Kostenexplosion» sowie der Schutz vor «Überversorgung» angeführt [23]. Dies wundert kaum, wenn man weiss, dass der Motionär Verwaltungsrat von santésuisse ist – also des Verbandes, der noch 2018 vor einer teuren Ärzteflut sogar in der Grundversorgung warnte [24]. Bereits damals behauptete santésuisse, nur eine Lockerung des Kontrahierungszwangs könne «eine massive Überversorgung - mit schmerzlichen Konsequenzen für den Prämienzahler» verhindern. Wir sollten endlich auf die Fakten hören statt auf die Untergangspropheten: Die Kostenexplosion ist abgesagt – die Versorgungsimplosion aber eine reale Bedrohung [25]. Wer die Schwarzmaler weitermalen lässt, wird irgendwann im Dunkeln stehen, weil er eines der leistungsfähigsten Systeme der Welt zu Tode reguliert hat.
Yvonne Gilli Dr. med., Präsidentin FMH
1 OECD (2023), Health at a Glance 2023: OECD Indicators, OECD Publishing, Paris, URL: https://www.oecd.org/health/health-at-a-glance/
2 Smith SD, Newhouse JP, Cuckler GA (2022). Health care spending growth has slowed: will the bend in the curve continue? National bureau of economic research: Working paper 30782; URL: https://www.nber.org/papers/w30782
3 Marty F, 27.1.23; Sinkende Wachstumsraten im Gesundheitswesen; URL: https://www.economiesuisse.ch/de/artikel/sinkende-wachstumsraten-im-gesundheitswesen
4 Christoph Eisenring in NZZ vom 21.11.2022, Explodierende Gesundheitskosten? Wie man mit Hysterie Politik macht; URL: https://www.nzz.ch/wirtschaft/praemienschockund-kostenexplosion-mit-hysterie-politik-machen-ld.1712510
5 Anderes M, Graff M. KOF Studien. KOF-Prognose der Gesundheitsausgaben Herbst 2023. Nr. 175, 11 / 2023
6 Blick, 15.4.2018. Preisüberwacher Stefan Meierhans (49) zu den explodierenden Gesundheitskosten: «Es ist 2 vor 12». URL : https://www.blick.ch/wirtschaft/preisueberwacher-stefan-meierhans-49-zu-den-explodierenden-gesundheitskosten-es-ist-2-vor-12-id8255516.html
7 Interview von Simon Hehli mit dem SAMW-Präsidenten Daniel Scheidegger: «Das Gesundheitswesen ist wie die Swissair vor dem Grounding», NZZ vom 27.11.2017. URL : https://www.nzz.ch/schweiz/das-gesundheitswesen-ist-wie-die-swissair-vor-dem-grounding-ld.1332256
8 Blick, 17.4.2018. Gesundheitsökonom Heinz Locher im BLICK-Interview: «Im Gesundheitswesen braucht es eine Revolution» URL: https://www.blick.ch/wirtschaft/gesundheitsoekonom-heinz-locher-im-blick-interview-im-gesundheitswesen-braucht-es-eine-revolution-id8266646.html
9 Interview von Jacqueline Büchi mit dem BAG-Direktor Pascal Strupler: «Die Gefahr besteht, dass wir das Gesundheitssystem an die Wand fahren», watson vom 18.4.2018, URL: https://www.watson.ch/schweiz/interview/626994501-bag-direktor-die-gefahr-besteht-dass-wir-das-gesundheitssystem-an-die-wand-fahren
10 Interview von Peter Aeschlimann mit Santésuisse-Direktorin Verena Nold. Krankenkassenprämien steigen weiter «Wenn wir nichts unternehmen, fahren wir das Gesundheitssystem an die Wand», Blick, 9.4.2023; URL: https://www.blick.ch/politik/krankenkassenpraemien-steigen-weiter-wenn-wir-nichts-unternehmen-fahren-wir-das-gesundheitssystem-an-die-wand-id18473475.html
11 Interview von Simon Hehli und Fabian Schäfer mit Bundesrat Alain Berset: «Bis das System irgendwann kollabiert» – Alain Berset seziert das Gesundheitswesen. NZZ vom 13.5.2022, URL: https://www.nzz.ch/schweiz/gesundheitskosten-bundesrat-alain-berset-im-interview-ld.1683538
12 Gilli Y. Prämienaufschlag im Wahlkampf: eine toxische Kombination. Schweiz Ärzteztg. 2023;104(41):28-29; URL: https://www.swisshealthweb.ch/de/article/doi/saez.2023.22237/
13 Fridolin Marty, 16.10. 2023. Das Gesundheitswesen wird schlecht reguliert. In: Heime und Spitäler, URL: https://www.heimeundspitaeler.ch/politik/das-gesundheitswesen-wird-schlecht-reguliert
14 Trezzini B et al. Hohe Versorgungsqualität trotz problematischer Trends. Schweiz Ärzteztg. 2022;103(42):34-38. URL: https://www.swisshealthweb.ch/de/article/doi/saez.2022.21133/
15 Trezzini B et al. Der Fachkräftemangel gefährdet die gute Versorgungsqualität. Schweizerische Ärztezeitung 2023;104(44):26–30; URL: https://www.swisshealthweb.ch/de/article/doi/saez.2023.1260037407/
16 Medienmitteilung BAG, 14.02.2023. Internationaler Vergleich: Ärztinnen und Ärzte der Schweizer Grundversorgung bewerten die Leistungen des Gesundheitssystems am besten. URL : https://www.bag.admin.ch/bag/de/home/das-bag/aktuell/medienmitteilungen.msg-id-93048.html
17 Tagesanzeiger, 15.5.2023. Arbeitszeiten von über 50 Stunden. Junge Spitalärzte laufen am Limit. URL: https://www.tagesanzeiger.ch/junge-spitalaerzte-laufen-am-limit-883210515253
18 Trezzini B et al. Der administrative Aufwand der Ärzteschaft nimmt weiter zu. Schweiz Ärzteztg. 2020;101(0102):4-6. URL: https://www.swisshealthweb.ch/de/article/doi/saez.2020.18482/
19 Strategie gegen Ärztemangel und zur Förderung der Hausarztmedizin. Bericht des Bundesrates in Erfüllung der Motion 08.3608 von Nationalrätin Jacqueline Fehr „Strategie gegen Ärztemangel und zur Förderung der Hausarztmedizin“ vom 2. Oktober 2008; 23.11.2011
20 Gesamtsicht Aus- und Weiterbildung Medizin im System der Gesundheitsversorgung. Gemeinsamer Bericht WBF/EDI. Eidgenössisches Departement für Wirtschaft, Bildung und Forschung (WBF), Eidgenössisches Departement des Innern (EDI); 2016.
21 Wille N, Gilli Y. Ärztemangel: Nicht nur die Energie kommt aus dem Ausland. Schweiz Ärzteztg. 2023;103(0102):30-32. URL: https://saez.swisshealthweb.ch/de/article/doi/saez.2023.21366
22 Siehe BAG-Statistiken zu Ärztinnen und Ärzten unter URL: https://www.bag.admin.ch/bag/de/home/zahlen-und-statistiken/statistiken-berufe-im-gesundheitswesen/statistiken-medizinalberufe1/statistiken-aerztinnen-aerzte.html
23 Motion 23.4088. Lockerung des Vertragszwangs im KVG. Eingereicht von: Peter Hegglin, Die Mitte, am 27.09.2023 im Ständerat; URL: https://www.parlament.ch/de/ratsbetrieb/suche-curia-vista/geschaeft?AffairId=20234088
24 NZZ, 17.9.2018. Der Schweiz droht eine teure Überversorgung mit Ärzten. URL: https://www.nzz.ch/schweiz/der-schweiz-droht-eine-teure-ueberversorgung-mit-aerzten-ld.1418897
25 Gastbeitrag von Kinderarzt Stefan Roth in Medinside, 28. Oktober 2023 «Wir machen gleich viel Medizin für mehr Menschen» URL: https://www.medinside.ch/-20231011