Vom Werden eines neuen Arztbildes – Umweltschutz ist Gesundheitsschutz

Vom Werden eines neuen Arztbildes – Umweltschutz ist Gesundheitsschutz

Aktuell
Ausgabe
2023/48
DOI:
https://doi.org/10.4414/saez.2023.1286014020
Schweiz Ärzteztg. 2023;104(48):32-34

Affiliations
a Dr. med., Vorstand Ärztinnen und Ärzte für Umweltschutz
b Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Abteilung Public Health FMH

Publiziert am 07.12.2023

Planetary Health
Intensive Landnutzung, schlechte Ernährungsgewohnheiten, Feinstaubemissionen – viele menschliche Aktivitäten und Verhaltensweisen sind nicht nur eine Belastung für die Umwelt, sondern auch eine Gefahr für die Gesundheit. Wir sind ein untrennbarer Teil unserer Umwelt und sollten zu dieser mehr Sorge tragen. Und damit auch zu unserer Gesundheit.
Unsere ärztlichen Aufgaben und Handlungen sind in den letzten Jahrzehnten immer spezialisierter geworden und haben sich mit den technischen Errungenschaften verstärkt auf Diagnostik und Therapie des Individuums konzentriert. Spätestens seit der Covid-Pandemie ist uns aber bewusst, dass wir als Ärztinnen und Ärzte als systemrelevante Berufsgruppe politische Entscheidungen mittragen und unseren Blick vom einzelnen Patienten auf das globale und regionale Geschehen öffnen müssen. So stellen wir zum Beispiel einen Anstieg der vektorübertragbaren Krankheiten durch stetig steigende globale Erwärmung und eine Verlagerung tropischer Infektionskrankheiten in gemässigte Klimazonen fest. Global gesehen leiden die Ärmsten dieser Welt am meisten unter diesen Enwticklungen. Hinzu kommen exponentiell steigende Bevölkerungszahlen, Wasserknappheit und Dürren, Umweltkatastrophen mit Überschwemmungen und Stürmen und bewaffnete Konflikte und Kriege, die lebenswichtige Ressourcen und Lebensräume zerstören.

Unterernährung, Fettleibigkeit und Klimawandel sind in der Schweiz und global die häufigsten Gründe schlechter Gesundheit.

In unserer durch Konsum und Wohlstand geprägten Gesellschaft ist es aber eine andere Pandemie, die sowohl die Kosten im Gesundheitswesen explodieren lässt, als auch immer mehr die Lebensqualität der stetig älter werdenden Bevölkerung beeinträchtigt: die nicht-übertragbaren Krankheiten (non-communicable diseases; NCD). Zu den fünf häufigsten NCD gehören Krebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, chronische Atemwegserkrankungen, Diabetes und Erkrankungen des Bewegungsapparates. In der Schweiz sind circa 2.7 Millionen Menschen von mindestens einer der fünf häufigsten NCD betroffen, fast ein Drittel der Bevölkerung. [1] The Lancet hat 2019 den Global Syndemic Report zu den gemeinsamen Ursachen von Fettleibigkeit, Unterernährung und Klimawandel veröffentlicht. [2] Sie sprechen dabei von einer Syndemie, einer Synergie von Pandemien, welche zur selben Zeit und Ort auftreten, sich gegenseitig beeinflussen und gemeinsame Auslöser besitzen. Unterernährung, Fettleibigkeit und Klimawandel sind in der Schweiz und global die häufigsten Gründe schlechter Gesundheit. Zusätzlich verstärkt wird dies durch infektiöse Krankheiten, beispielsweise COVID-19, bei der die nicht-infektiöse Pandemie der NCDs die Resilienz und Funktion des Immunsystems verändert und somit die betroffene Bevölkerungsgruppe besonders gefährdet ist.

NCDs als vermeidbare Belastung

80% der schweizerischen Gesundheitskosten werden durch NCD verursacht. Allein die Behandlung der fünf häufigsten NCD (Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, Krebs, Atemwegserkrankungen und Erkrankungen des Bewegungsapparates) verursachen in der Schweiz pro Jahr mit 25.6 Mrd. Franken (Stand 2011) rund 40% der direkten Gesundheitskosten. Rechnet man die indirekten Kosten, z.B. in Form von Produktivitätsverlusten dazu, so belaufen sich die volkswirtschaftlichen Kosten der NCD in der Schweiz auf 74.2 Mrd. Franken. [3] Dazu kommt, dass NCDs heute die häufigste Todesursache in der Schweiz darstellen, sie fordern mehr als 55'000 Todesfälle pro Jahr. [4]
Mit einem gesunden Lebensstil könnte mehr als die Hälfte der Erkrankungen vermieden oder zumindest verzögert werden. Besonders lohnenswert sind dabei Gesundheitsförderung und Prävention, welche in einer frühen Lebensphase ansetzen. [1] Eine gesunde und ausgewogene Ernährung könnte das Auftreten und den Verlauf von NCD positiv beeinflussen. Leider entspricht der Schweizer Durchschnitt der effektiven Essgewohnheiten bei weitem nicht den Empfehlungen der Schweizer Lebensmittelpyramide (siehe Abb. 1). [5]Bei Süssem, Salzigem und Alkoholischem werden rund 4 anstatt 1 Portion konsumiert und ein zu hoher Anteil an tierischen Fetten und Eiweissen steht einem zu niedrigen Anteil an pflanzlichen Lebensmitteln gegenüber. Die Folge ist eine Adipositas-Pandemie in den letzten 30 Jahren mit einem Drittel mehr übergewichtiger Personen und einer Verdoppelung der Zahlen der Fettleibigkeit.
Die durchschnittliche Ernährung in der Schweiz ist aktuell nicht ausgewogen und gesundheitsfördernd.
© Grafik: Schweizerische Gesellschaft für Ernährung SGE-SSN
Diese Form der Fehlernährung hält ein Ernährungssystem aufrecht, dass für einen Drittel aller Treibhausgasemissionen verantwortlich ist, mehr als ein Drittel aller Landflächen einnimmt, mehr als zwei Drittel allen Frischwassers benutzt und Oberflächengewässer und Grundwasser durch Überdüngung und mit Pestiziden belastet. [6] Zwei Drittel der Umweltbelastungen, die durch die landwirtschaftliche Produktion, die industrielle Weiterverarbeitung der Lebensmittel sowie deren Verpackung, Verteilung, Zubereitung und Konsum entstehen, wirken sich dabei ausserhalb der Schweizer Grenzen aus. Die EAT-Lancet Commission, zusammengesetzt aus 37 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern unterschiedlicher Disziplinen, hatte das Ziel, eine gesunde Ernährung zu erforschen, die bei wachsender Weltbevölkerung gleichzeitig die Ernährungssicherheit gewährleistet und die planetaren Grenzen berücksichtigt.
Dabei wurden folgende länderspezifische Analysen vorgenommen:
  • Nährstoffanalyse: basierend auf dem Global Expanded Nutrient Supply (GENuS) Model [7]
  • Vermeidbare Krankheitslast: Krankheitslastrechnung für ernährungsbedingte Erkrankungen mit Oxford Global Health Model [8]
  • Umweltanalyse: basierend auf länderspezifischen Treibhausgasemissionen, Land- und Wassernutzung, N/P- Anwendung [8]
  • Systemanalyse: in Kombination mit Änderungen von Technologien und Anbauweisen, Verschwendung und Abfällen, und Demografie [8]
Das Ergebnis ist die Planetary Health Diet, die aus circa 50% pflanzlichen Lebensmitteln besteht und einen grossen Teil der tierischen Fette und Proteine durch pflanzliche Produkte wie Nüsse, Vollkorngetreide und Hülsenfrüchte ersetzt. [9] Zur nachhaltigen Ernährung zählen aber auch die Reduktion von Foodwaste (zur Zeit noch rund ein Drittel der Nahrungsmittelproduktion) und der Konsum von saisonalen, regionalen, frischen, biologischen, unverpackten und unverarbeiteten Produkten.

Diese Form der Fehlernährung hält ein Ernährungssystem aufrecht, dass für einen Drittel aller Treibhausgasemissionen verantwortlich ist

Luftverschmutzung; ein wichtiger Faktor

Eine Vielzahl kardiovaskulärer Erkrankungen ist mit einer erhöhten Produktion reaktiver Sauerstoffspezies (z. B. Superoxidradikal) assoziiert, die sowohl kausal als auch indirekt/sekundär an der Pathogenese der Erkrankung beteiligt sind. So konnte für die Hypertonie, Hyperlipidämie, das Rauchen und Diabetes mellitus erhöhter vaskulärer oxidativer Stress in Verbindung mit einer Verschlechterung der Endothelfunktion nachgewiesen werden. Neuester wissenschaftlicher Schwerpunkt ist die so genannte Lärmwirkungsforschung, das heisst die Erforschung der Auswirkungen von insbesondere Fluglärm auf die Endothelfunktion, einem klinisch wichtigen Parameter der Frühstadien der Atherosklerose anzeigen kann und prognostische Bedeutung hat. Die wichtigste Grundlagenarbeit hierzu wurde im European Heart Journal 2013 publiziert. [10] Leicht zugängliche Übersichten zu diesen Themen bieten die englischsprachigen Arbeiten von Thomas Münzel (Endothelfunktion: Münzel Annals of Med 2007 [11]; Nitrattoleranz: Münzel Circulation 2011 [12]; Nitrattoleranz: Münzel European Heart Journal 2013 [13]). Thomas Münzel forschte auch zum Thema Luftverschmutzung und Herz-Kreislauf-Erkrankung: Die Luftverschmutzung in der Umgebung und in Haushalten ist weltweit jährlich für mittlerweile knapp 9 Mio. vermeidbare, vorzeitige Todesfälle und innerhalb Europas für knapp 800 000 solcher Todesfälle verantwortlich. Die Luftverschmutzung verkürzt somit weltweit die Lebenserwartung um knapp 3 Jahre. Das Rauchen, ein nachgewiesener Herz-Kreislauf-Risiko-Faktor, verkürzt die mittlere Lebenserwartung um 2,2 Jahre. Epidemiologische Studien zeigen, dass Luftverschmutzung durch Feinstaub mit erhöhter kardiovaskulärer Morbidität und Mortalität assoziiert ist. Hierfür verantwortlich sind hauptsächlich durch Feinstaub ausgelöste oder verschlimmerte Herz-Kreislauf-Erkrankungen, wie koronare Herzkrankheit, Herzinfarkt, Herzinsuffizienz, Schlaganfall, Hypertonie und auch Diabetes. [14] Feinstaubpartikel können nach Inhalation zum einen direkt ins Gehirn und zum anderen über einen Transitionsprozess in die Blutbahn gelangen. Dort werden sie in die Blutgefässe aufgenommen, wo sie die Bildung reaktiver Sauerstoffspezies in der Gefässwand stimulieren. Damit begünstigen sie die Entstehung atherosklerotischer Veränderungen und steigern so das kardiovaskuläre Risiko, insbesondere eine Zunahme an chronisch-ischämischer Herzerkrankung und Schlaganfall. Neuere Untersuchungen berichten, dass bei COVID-19-Patienten ein hoher Grad an Luftverschmutzung mit schweren Krankheitsverläufen mit kardiovaskulären Komplikationen und Lungenerkrankungen korreliert. Dies macht präventive Massnahmen, wie zum Beispiel eine Absenkung der Grenzwerte für Luftschadstoffe, erforderlich. Individuelle Massnahmen, um die gesundheitlichen Folgen von Feinstaub abzumildern, werden ebenfalls diskutiert.

Umweltschutz ist Gesundheitsschutz

Die Reduktion des Verbrauchs von fossilen Brennstoffen und die damit einhergehende Reduktion von Feinstaubpartikeln würde also nicht nur gegen den Klimawandel wirksam sein, sondern auch einen grossen Co-Benefit für unsere Gesundheit ergeben. In Kombination mit Aufklärung unserer Patientinnen und Patienten zu mehr gesundheitsförderlichem Verhlaten, wie Bewegung mit eigener Muskelkraft, Rauchstopp und einer nachhaltigen Ernährung, sind dies die grössten Hebel zur Gesundheitsfürsorge und Prävention in direktem Zusammenhang mit der ärztlichen Tätigkeit. Wir tragen die Verantwortung, durch aktiven Umweltschutz (und damit Gesundheitsschutz) die natürlichen Ressourcen wie Luft, Wasser und Boden auch für zukünftige Generationen zu erhalten.

Wir tragen die Verantwortung, durch aktiven Umweltschutz die natürlichen Ressourcen wie Luft, Wasser und Boden auch für zukünftige Generationen zu erhalten.

«Alles, was der Mensch tut und zu tun hat, soll er aus dem Licht der Natur tun. Denn das Licht der Natur ist nichts anderes als die Vernunft selber. Wer anders ist der Feind der Natur, als der sich klüger dünkt denn sie, obwohl sie unser aller höchster Schule ist.»
Paracelsus, Arzt, Alchemist, Astrologe, Mystiker und Philosoph

Toolkit Planetary Health

Tragen Sie zur Reduktion der Umweltbelastung des Schweizer Gesundheitssystems bei und nutzen das Toolkit Planetary Health der FMH. Sie finden alle Informationen rund um das Toolkit, die Strategie Planetary Health und die Aktivitäten der FMH im Bereich Umwelt und Gesundheit auf unserer Webseite: www.planetary-health.fmh.ch
robin.rieser[at]fmh.ch
1 B. Bundesamt für Statistik, „Schweizerische Gesundheitsbefragung“. Zugegriffen: 25. Oktober 2023. [Online]. Verfügbar unter: https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/gesundheit/erhebungen/sgb.html
2 B. A. Swinburn u. a., „The Global Syndemic of Obesity, Undernutrition, and Climate Change: The Lancet Commission report“, The Lancet, Bd. 393, Nr. 10173, S. 791–846, Feb. 2019, doi: 10.1016/S0140-6736(18)32822-8.
3 S. Wieser u. a., „Die Kosten der nichtübertragbaren Krankheiten in der Schweiz : Schlussbericht“, Juni 2014, doi: 10.5167/UZH-103453.
4 B. Bundesamt für Statistik, „Statistik der Todesursachen und Totgeburten | Steckbrief“, Bundesamt für Statistik. Zugegriffen: 25. Oktober 2023. [Online]. Verfügbar unter: https://www.bfs.admin.ch/asset/de/25565053
5 S. Rohrmann u. a., „menuCH – wie ernährt sich die Schweiz?“, Rosenfluh Publikationen AG. Zugegriffen: 25. Oktober 2023. [Online]. Verfügbar unter: https://www.rosenfluh.ch/ernaehrungsmedizin-2020-01/menuch-wie-ernaehrt-sich-die-schweiz
6 IPBES, „Global assessment report on biodiversity and ecosystem services of the Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services“, Zenodo, Mai 2019. doi: 10.5281/ZENODO.3831673.
7 M. R. Smith, R. Micha, C. D. Golden, D. Mozaffarian, und S. S. Myers, „Global Expanded Nutrient Supply (GENuS) Model: A New Method for Estimating the Global Dietary Supply of Nutrients“, PLOS ONE, Bd. 11, Nr. 1, S. e0146976, Jan. 2016, doi: 10.1371/journal.pone.0146976.
8 M. Springmann, K. Wiebe, D. Mason-D’Croz, T. B. Sulser, M. Rayner, und P. Scarborough, „Health and nutritional aspects of sustainable diet strategies and their association with environmental impacts: a global modelling analysis with country-level detail“, Lancet Planet. Health, Bd. 2, Nr. 10, S. e451–e461, Okt. 2018, doi: 10.1016/S2542-5196(18)30206-7.
9 W. Willett u. a., „Food in the Anthropocene: the EAT–Lancet Commission on healthy diets from sustainable food systems“, The Lancet, Bd. 393, Nr. 10170, S. 447–492, Feb. 2019, doi: 10.1016/S0140-6736(18)31788-4.
10 F. P. Schmidt u. a., „Effect of nighttime aircraft noise exposure on endothelial function and stress hormone release in healthy adults“, Eur. Heart J., Bd. 34, Nr. 45, S. 3508–3514, Dez. 2013, doi: 10.1093/eurheartj/eht269.
11 T. Münzel, C. Sinning, F. Post, A. Warnholtz, und E. Schulz, „Pathophysiology, diagnosis and prognostic implications of endothelial dysfunction“, Ann. Med., Bd. 40, Nr. 3, S. 180–196, Jan. 2008, doi: 10.1080/07853890701854702.
12 T. Münzel, A. Daiber, und T. Gori, „Nitrate Therapy: New Aspects Concerning Molecular Action and Tolerance“, Circulation, Bd. 123, Nr. 19, S. 2132–2144, Mai 2011, doi: 10.1161/CIRCULATIONAHA.110.981407.
13 T. Münzel, A. Daiber, und T. Gori, „More answers to the still unresolved question of nitrate tolerance“, Eur. Heart J., Bd. 34, Nr. 34, S. 2666–2673, Sep. 2013, doi: 10.1093/eurheartj/eht249.
14 T. Münzel, O. Hahad, A. Daiber, und J. Lelieveld, „Luftverschmutzung und Herz-Kreislauf-Erkrankungen“, Herz, Bd. 46, Nr. 2, S. 120–128, März 2021, doi: 10.1007/s00059-020-05016-9.