Gute interne Vernetzung, um mit klarer Stimme gehört zu werden

Gute interne Vernetzung, um mit klarer Stimme gehört zu werden

Leitartikel
Ausgabe
2023/5152
DOI:
https://doi.org/10.4414/saez.2023.1301059632
Schweiz Ärzteztg. 2023;104(51–52):26-27

Publiziert am 20.12.2023

Jahresrückblick und -ausblick
Die Altjahrswoche ist auch mit Blick auf das Gesundheitswesen eine Zeit zwischen den Jahren: Sie ist genau die richtige Zeit, um etwas inne zu halten und die vielen Eindrücke zu verarbeiten und einzuordnen: Auch im Jahr 2023 ist im Gesundheitswesen viel gelaufen – und vieles davon wird auch 2024 noch prägen.
Stefan Kaufmann Generalsekretär der FMH
Das Jahr 2023 begann mit tiefgreifenden politischen Reformvorhaben: Bereits im Januar lud das Bundesamt für Gesundheit zum ersten von drei runden Tischen, an denen der im Kostendämpfungspaket 2 vorgeschlagene neue Leistungserbringer «Netzwerke zur koordinierten Versorgung» diskutiert wurde. Dies war nur eines von vielen Themen, welche die Ärzteschaft und andere Stakeholder des Gesundheitswesens das ganze Jahr hindurch beschäftigen sollten. Ein umfassender Rückblick über alle Themen des Jahres 2023 würde den mir zur Verfügung stehenden Rahmen sprengen. Darum möchte ich mich auf drei Bereiche und deren Entwicklung fokussieren: Die Ebene der Gesundheitspolitik, die Ebene der Tarifstrukturen und unsere interne Zusammenarbeit unter dem Dach der FMH.

Verhinderte Kostendämpfung

Auch 2023 hat sich die Gesundheitspolitik mit Detailfragen eines hochkomplexen Systems auseinandergesetzt. Sie beschäftigte sich mit diversen Gesetzesvorlagen, welche primär auf Kosten und Einsparungen fokussieren. Damit akzentuiert sich ein Kostenröhrenblick mit immer mehr Mikroregulierungen, was wiederum die längst sichtbaren Versorgungsprobleme verschärft und die Arbeit im Gesundheitswesen zunehmend unattraktiver macht. Die Hauptaufgabe der Gesetzgebung ist es jedoch, gute Rahmenbedingungen zu schaffen, die eine gute Versorgung zu tragbaren Preisen ermöglicht. So ist es breiter politischer Konsens, dass man mehr «ambulant vor stationär» behandeln möchte. Dennoch gelingt es seit Jahren nicht, die dafür notwendigen Rahmenbedingungen festzulegen, obwohl wir inmitten eines wichtigen Strukturwandels stehen:

Die einheitliche Finanzierung ambulanter und stationärer Leistungen ist ein zentraler Reformschritt, der Kostendämpfung ermöglicht.

Angestossen durch die Revision der Spitalfinanzierung im Jahr 2012 und beschleunigt durch die Pandemie werden in den kommenden Jahren viele Spitäler schliessen. Die Patientinnen und Patienten werden darum eine effiziente und leistungsfähige ambulante Versorgungsstruktur benötigen: Wo der stationäre Sektor schrumpft, wird der kostengünstigere ambulante Sektor wachsen.
Da der ambulante Bereich heute aber ausschliesslich über Kopfprämien finanziert wird, steigen die Prämien schon seit längerer Zeit stärker als die gesamten Gesundheitskosten. Ein starker ambulanter Sektor könnte die Kosten zwar deutlich und nachhaltig dämpfen, ist aber auch nicht gratis zu haben: Es braucht Investitionen in eine digital vernetzende Infrastruktur für eine gute integrierte Versorgung. Es braucht auch konkurrenzfähige Arbeitsbedingungen für Gesundheitsfachpersonen und es braucht ausreichend Ressourcen, damit der medizinische Fortschritt auch im ambulanten Bereich für alle Grundversicherten zugänglich ist. In unserem Finanzierungssystem bewirken alle Schritte hin zu einer guten kostendämpfenden ambulanten Versorgung eine Erhöhung der persönlichen Krankenkassenprämie. Darum ist die längst überfällige «einheitliche Finanzierung ambulanter und stationärer Leistungen (EFAS)» ein ganz wichtiger Reformschritt, der echte Kostendämpfung ermöglichen wird. Ob dieser wichtige Schritt zum Publikationstermin dieses Artikels, nach über 14 Jahren parlamentarischer Reifezeit, endlich gemacht sein wird? Ich hoffe es sehr.

Fortschritte beim ambulanten Tarif

Im Bereich der ambulanten ärztlichen Tarifstrukturen wurden im auslaufenden Jahr wichtige Schritte gemacht, um den Weg aus einer über Jahre festgefahrenen Situation zu ebnen. Die Ende 2022 gegründete Organisation Ambulanter Arzttarife (OAAT AG) konnte im ersten Jahr ihres Bestehens Rémi Guidon als CEO verpflichten und mit der konkreten Aufbauarbeit beginnen. Unter der Leitung des neuen CEO wurden die Tarifierungsgrundsätze vereinbart und die übergeordnete «Koordinationsvereinbarung» für das Zusammenspiel von ambulanten Pauschalen und der Einzelleistungstarifstruktur TARDOC abgeschlossen. Dank der erfolgreichen Arbeiten konnten diese beiden Vereinbarungen im Dezember in zwei separaten Tarifgesuchen beim Bundesrat eingereicht werden [1].

Die FMH wird sich in enger Zusammenarbeit mit unseren Fachgesellschaften für die stete Weiterentwicklung der Tarifstrukturen einsetzen.

Unabhängig davon, wie der Bundesratsentscheid ausfällt, wird sich die FMH in enger Zusammenarbeit mit unseren Fachgesellschaften in der OAAT AG für die ständige Weiterentwicklung dieser Tarifstrukturen einsetzen. Dabei werden wir insbesondere der Etablierung homogener Pauschalen, die eine zeitgemässe Versorgung sicherstellen, unsere vollste Aufmerksamkeit widmen. Hier gebührt vor allem den medizinischen Fachgesellschaften grosse Anerkennung für ihre engagierte Mitarbeit an diesem grossen Projekt! Ihr Einsatz sowie das Engagement aller weiteren Akteure zeigt, dass unter dem gemeinsamen Dach der OAAT AG mit allen Tarifpartnern eine kontinuierliche, versorgungsorientierte Weiterentwicklung dieses so wichtigen Gesamttarifwerks möglich ist. Damit eine rasche Ablösung des veralteten TARMEDs gelingt, hoffen wir auf einen positiven Bundesratsentscheid im kommenden Jahr.

Zusammenarbeit der Ärzteschaft

Die erwähnte Zusammenarbeit zwischen den Fachgesellschaften und der FMH im Bereich der Tarife ist ein sehr gutes Beispiel dafür, wie wertvoll die Zusammenarbeit der ärztlichen Organisationen unter dem Dach der FMH ist. Die Ärzteschaft wird die Entwicklung unseres Gesundheitssystems nur dann aktiv mitgestalten können, wenn sie sich intern vertikal mit den kantonalen Ärztegesellschaften und horizontal mit den Fachgesellschaften gut koordiniert. Denn so können wir uns abstimmen und der Politik auf nationaler Ebene konsolidierte Lösungsvorschläge präsentieren. So hat es mich ganz besonders gefreut, dass Vertreter und Vertreterinnen der FMH im September von den drei Dachverbänden – Verband Deutschschweizer Ärztegesellschaften (VEDAG), Société médicale de la Suisse Romande (SMSR) und Ordine dei Medici Cantone Ticino (OMCT) – zu deren Retraite nach Glion eingeladen wurden. In diesem Rahmen konnten die aktuellen Herausforderungen zur Gewährleistung einer qualitativ guten und für alle zugänglichen Patientenversorgung besprochen und gemeinsame Leitlinien für unserere Zusammenarbeit festgelegt werden. Ein wichtiges Instrument auf diesem Weg wird die neue Vernetzung der Kommunikationsverantwortlichen unserer Mitgliedergesellschaften sein. Das neue Austauschgefäss wird uns helfen, Synergien zu nutzen und eine gute Abstimmung bei den gemeinsamen Themen sicherzustellen, damit wir mit einer klaren Stimme sprechen und gehört werden. Diese Zusammenarbeit wird auch unsere bevorstehende Kommunikationskampagne unterstützen, die im neuen Jahr startet. Die Kommunikationskampagne wird mit Bildern die Vielseitigkeit und Vielschichtigkeit des Arztberufs aufzeigen und auf diese Weise den im Januar 2023 lancierten Podcast der FMH ideal ergänzen. Gerade mit Blick auf den politischen Kostenröhrenblick ist es wichtig, dass wir aufzeigen, welchen Mehrwert die engagierte Arbeit von Ärzten und Ärztinnen gemeinsam mit anderen Gesundheitsberufen der Bevölkerung bringt. Unser Gesundheitssystem erbringt jeden Tag so viele, so wichtige Leistungen für so viele Menschen – diesen Leistungen, die unsere volle Wertschätzung verdienen, wird der Kostendruck auf die Krankenkassenprämien nicht gerecht. Wir werden darum aktiv aufzeigen müssen, welch grosses Engagement die Gesundheitsfachpersonen tagtäglich erbringen, um unser Versorgungssystem am Laufen zu halten.

Wir danken Ihnen herzlich und freuen uns auf die weitere erfolgreiche Zusammenarbeit im 2024!

Was bleibt?

Auch das Jahr 2023 wurde wieder stark vom Thema der Prämienerhöhungen dominiert, was kurzfristigen Aktivismus begünstigte während die wirklichen Herausforderungen in den Hintergrund traten. Die FMH zeigt darum nachdrücklich die Leistungen unserer Versorgung, aber auch echte Lösungen auf. Dazu gehört neben EFAS auch eine zeitgemässe Tarifstuktur für eine kostengünstige ambulante Versorgung. Für 2024 hoffe ich, dass die Politik diese Lösungen der Ärzteschaft und anderer Akteure anerkennt und umsetzt. Dies wäre auch eine Anerkennung des beeindruckenden Engagements aller Ärztevertreterinnen und Ärztevertreter, die sich in vielen Arbeitsgruppen und Gremien Tag für Tag für eine leistungsfähige und moderne Gesundheitsversorgung einsetzen – all dies neben ihrer ärztlichen Haupttätigkeit. Wir danken Ihnen herzlich für diesen Einsatz und freuen uns auf die weitere erfolgreiche Zusammenarbeit im 2024!
1 Stoffel U. TARDOC V1.3.2 ist bereit! Schweiz Ärzteztg. 2023;104(49):26-27 https://doi.org/10.4414/saez.2023.1282919851