Auf den Punkt

Gesundes Gehirn

News
Ausgabe
2023/49
DOI:
https://doi.org/10.4414/saez.2023.1323832268
Schweiz Ärzteztg. 2023;104(49):8-9

Publiziert am 06.12.2023

Swiss Brain Health Plan
Mit einem Aktionsplan soll bis 2033 die Gesundheit des Hirns gefördert werden. Die Schweiz ist damit eines der ersten Länder, das den neuen Schwerpunkt der WHO aufnimmt.
Swiss Brain Health Plan verfolgt laut eigener Aussage einen ganzheitlichen Ansatz: «Hirngesundheit und mentale Gesundheit sind zwei Seiten derselben Münze.»
© Angelo Cordeschi / Dreamstime
Ein dunkler Raum zum Liegen zwischendurch, ein möglichst ruhiger Arbeitsplatz und flexible Arbeitszeiten: Für Betroffene von Migräne können solche Massnahmen entscheidend sein, um arbeitsfähig zu bleiben. Mit der Initiative «migränefreundlicher Arbeitsplatz» [1] will die Schweizerische Kopfwehgesellschaft deshalb Unternehmen zu entsprechenden Anpassungen motivieren.
Die Initiative ist gleichzeitig das erste Projekt im Rahmen des «Swiss Brain Health Plan 2023–2033» [2]. Ein Plan, um die Hirngesundheit in der Schweiz zu fördern: Ende November gab die Swiss Federation of Clinical Neuro-Societies (SFCNS) den Startschuss für dieses ambitionierte Vorhaben. Geleitet wird es von Professor Dr. med. Claudio L. A. Bassetti, Vizepräsident des European Brain Council (EAN), und Professor Dr. med. Luca Remonda, Präsident der SFCNS. Hinter ihnen steht eine breit aufgestellte Gruppe von rund 50 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus zahlreichen Fachbereichen, die zum Auftakt in der Zeitschrift Clinical and Translational Neuroscience [3] die Ziele des «Swiss Brain Health Plan 2023–2033» dargelegt haben:
  1. Sensibilisierung für Hirngesundheit
  2. Mehr Bildung zu Hirngesundheit in den Gesundheitsberufen
  3. Mehr Forschung zu Prävention und Hirnerkrankungen
  4. Prävention und Public Health stärken
  5. Unterstützung und Einbezug von Patientinnen und Patienten, Patientenorganisationen und Betreuenden
Dass es einen solchen Plan braucht, ergibt sich für Bassetti aus der Bedeutung des Gehirns für alle Lebensaspekte, aber auch aufgrund der Zunahme von Hirnkrankheiten [3] – unter anderem aufgrund von Lebensstil und steigender Lebenserwartung. Eine Studie der Washington University in Seattle zeige, dass jede zweite Person weltweit an einer Hirnkrankheit leide [4]. Das reicht von Kopfschmerzen und Schlafstörungen über psychische Erkrankungen bis zu Hirnschlag, Demenz und Hirntumor.

Die Dynamik nutzen

«Noch wird der Hirngesundheit zu wenig Beachtung geschenkt», ist Bassetti überzeugt. Das ändere sich allerdings gerade. Die WHO hat 2022 erstmals eine Definition von Hirngesundheit und ein entsprechendes Positionspapier vorgelegt [5] und zum ersten Mal Hirnerkrankungen zu einer Priorität erklärt. Damit ging die Aufforderung an die Mitgliedstaaten einher, nationale Massnahmenpläne zu entwickeln. «Diese Dynamik wollen wir nutzen», so Bassetti: «Mit dem Plan gehören wir neben Norwegen und Deutschland weltweit zu den ersten Ländern, die einen nationalen Aktionsplan vorlegen.» Besonders erfreulich sei an der Schweizer Lösung, dass es gelungen sei, alle relevanten Stakeholder an einen Tisch zu bringen – von der akademischen Forschung über Patientenorganisationen bis zu den Behörden und Unternehmen.
Der jetzt in Grundzügen vorgelegte Swiss Brain Health Plan 2023–2033 wird laufend weiterentwickelt. Als erste Aktivitäten sind neben dem Migräne-Projekt ab Anfang 2024 Veranstaltungen in verschiedenen Schweizer Städten geplant [6]. Im Herbst 2024 startet zudem an der Universität Bern die europaweit erste CAS-Weiterbildung in Brain Health. Und in Zusammenarbeit mit der Washington University in Seattle soll in einer Studie die Krankheitsbelastung durch Hirnkrankheiten in der Schweiz im Detail analysiert werden.

Blick auf das ganze Leben

Dies soll mithelfen, die Bedeutung der Hirngesundheit und die Last von Hirnkrankheiten noch besser aufzuzeigen. Denn Bassetti hofft, dass der Swiss Brain Health Plan in Zukunft zu einer offiziellen Initiative der Schweiz wird – ähnlich etwa der nationalen Strategie zur Prävention nichtübertragbarer Krankheiten. Auch bei der Hirngesundheit soll ein starker Schwerpunkt bei der Prävention liegen. Denn gemäss Studien könnte ein beachtlicher Teil aller Hirnschläge, Demenzen und Epilepsien verhindert werden [7, 8]. «Gleichzeitig sind bei vielen Hirnkrankheiten die Risikofaktoren noch unbekannt, weshalb mehr Forschung nötig ist», so Bassetti.
Wichtig sei der ganzheitliche Ansatz [9], den der Swiss Brain Health Plan verfolge. «Hirngesundheit und mentale Gesundheit sind zwei Seiten derselben Münze. Gehirn und Psyche müssen in Fragen von Gesundheit und Krankheit gemeinsam betrachtet werden. Zudem soll der Fokus nicht primär auf einzelnen Krankheiten liegen. Unser Anliegen muss es sein, das Gehirn als Ganzes und über die ganze Lebensspanne zu betrachten und zu schützen», so Bassetti.