Die Notaufnahme steht vor dem Kollaps

Forum
Ausgabe
2023/1415
DOI:
https://doi.org/10.4414/saez.2023.21552
Schweiz Ärzteztg. 2023;104(1415):20

Publiziert am 05.04.2023

Reformbedarf Die nächtliche Schliessung der Notaufnahme in Martigny ist ein Alarmzeichen. Unser Gesundheitssystem steht kurz vor dem Kollaps. Die Ursachen: eine alternde Gesellschaft, eine veränderte Arbeitseinstellung, eine schrumpfende Ärztezahl. Die Lösung? Eine Aufwertung der Allgemeinmedizin.
Die Notärzte sind beunruhigt: Die Notaufnahme steht kurz vor dem Kollaps. Der Autor hat dies bereits vor 40 Jahren erlebt, als er in einem peripheren Spital mit Betten in den Bädern und auf den Fluren arbeitete und später dann als Oberarzt in der Notaufnahme des Universitätsspitals Lausanne (CHUV). «Herr Direktor, wie viele Kranke betreuen Sie gegenwärtig in Ihrem Spital?», fragt Victor Hugo in «Die Elenden». «Sechsundzwanzig, gnädiger Herr. Epidemisch hatten wir es in diesem Jahr mit Typhus und vor zwei Jahren mit der Suette Miliaire («Englischer Schweiss») zu tun, betreuten dabei bis zu einhundert Kranke und wussten nicht mehr, was wir tun sollten.» Epidemien und winterliche Überbelastungen hat es schon immer gegeben. Ist die Angst vor dem Kollaps berechtigt?
Volle Wartezimmer sind in Notaufnahmen keine Seltenheit mehr.
© Parinya Khunjarin / Dreamstime
Ja. Die Zeiten haben sich geändert und wir uns mit ihnen. Tempora mutantur, nos et mutamur in illis. Veränderung in drei Stufen.
Erste Veränderung: Alterung der Bevölkerung. Als Victor Hugo «Die Elenden» im Jahr 1862 veröffentlichte, lag die Lebenserwartung bei 37 Jahren, heute liegt sie bei 84. Eine alternde Bevölkerung ist anfälliger für Infektionserkrankungen, Stürze und Frakturen.
Zweite Veränderung: Verhältnis zur Arbeit. Die Zeit, in der «die Arbeit das Leben» war, ist vorbei und die Zeit der grossen Resignation angebrochen. Die neue Ärztegeneration ist nicht mehr bereit, ihre Gesundheit für die Karriere zu opfern. Und die, die aus dem Beruf aussteigen, sagen sich: «Ich bin nicht bereit, mein Leben meinem Beruf als Arzt unterzuordnen.» Die jungen Kollegen wollen weniger arbeiten, in Teilzeit, wollen einen «Papa-Tag» in der Woche einführen – das spricht für sie.
Dritte Veränderung: Anzahl der Hausärzte. Sie geht seit 2013 zurück. Für ein funktionierendes Gesundheitssystem braucht es aber 50% Allgemeinmediziner. Davon sind wir weit entfernt. Das Problem liegt nicht in der Anzahl der ausgebildeten Ärzte, sondern in deren fachspezifischen Verteilung. Warum mangelt es an Allgemeinmedizinern?
«Eine Aufwertung der Allgemeinmedizin ist wichtig, da sie das beste Bollwerk gegen eine Überlastung der Notdienste bildet», sagt Pierre-Yves Rodondi, Direktor des Instituts für Hausarztmedizin der Universität Freiburg [1]. Und er fügt hinzu: «In meiner Praxis behandle ich die meisten Notfälle in fünfzehn Minuten.» Die Allgemeinmedizin als hocheffizienter Qualitätsansatz.
Die Allgemeinmedizin aufzuwerten bedeutet, diesen schönen Beruf der Diagnose, der Behandlung und der Beziehung ins Rampenlicht zu rücken. An den Fakultäten wurden Abteilungen für Hausarztmedizin geschaffen und Praktika bei Hausärzten eingeführt. Kantonale Kurse für Hausarztmedizin bieten einen Rahmen für die Weiterbildung. Gemeinschaftspraxen kommen dem Wunsch der jungen Leute nach optimierten Arbeitszeiten und dem Zusammenwirken von Althergebrachtem und Neuem entgegen und unterstützen die Forderung nach einer hochwertigen Hausarztmedizin. All diese Anstrengungen reichen jedoch nicht aus. Warum?
Bei einer Aufwertung der Allgemeinmedizin geht es auch um ein offenes Ohr für die finanziellen Anliegen der jungen Ärzte und Ärztinnen und um eine Reduzierung der zwischen Facharzt und Allgemeinmediziner klaffenden Vergütungslücke. Die mit der Umwandlung von TARMED in TARDOC befassten Parteien müssen auf eine bessere Verteilung des Kuchens achten und gleichzeitig die erforderliche Kostenneutralität im Blick behalten.
Dazu sagte der SP-Nationalrat Pierre-Yves Maillard im Radio: «Die Rahmenbedingungen in der Schweiz sind dergestalt, dass die Arbeit des Allgemeinmediziners am schlechtesten bezahlt wird und seine Arbeitsbedingungen die härtesten sind. Dies gilt es zu ändern, wenn wir wollen, dass die von uns ausgebildeten Mediziner dort arbeiten, wo der Mangel herrscht.» [2] In diesem Kontext ist zu unterstreichen, dass hier ein Linker als Fürsprecher für eine bessere Vergütung von manchen Medizinern auftritt! Eine bemerkenswerte Anpassung der Mittel und Wege zur Linderung der Not in der Medizin und der Überlastung in den Notaufnahmen.
Durch die Gleichbehandlung der Allgemeinmedizin lassen sich auch mehr Allgemeinmediziner finden und indirekt damit in der Folge auch die Notaufnahmen entlasten.
Jacques Aubert, Facharzt für Allgemeine Innere Medizin, ehemaliger Dozent an der Universität Lausanne
1 Le Temps, Ausgabe vom 20. Januar 2023, Seite 8.
2 Gesendet auf RTS in der Matinale vom 30. Januar 2023.

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