Auf den Punkt

Global denken, lokal handeln

News
Ausgabe
2023/10
DOI:
https://doi.org/10.4414/saez.2023.21622
Schweiz Ärzteztg. 2023;104(10):8-9

Publiziert am 08.03.2023

Patientensicherheit Hunderte Expertinnen und Experten aus der ganzen Welt trafen sich in Montreux zum Global Ministerial Patient Safety Summit. Ihr Ziel: Die Patientensicherheit zu verbessern. Sie formulierten eine Warnbotschaft an die politischen Entscheidungsträger.
Die Lehren aus der COVID-19-Pandemie ziehen: Das stand im Mittelpunkt des fünften Global Ministerial Patient Safety Summit, der am 23. und 24. Februar 2023 in Montreux stattfand. Über 600 Expertinnen und Experten sowie Delegationen aus 85 Staaten nahmen teil. Nach 15 Diskussionsrunden wurden kurze Kernbotschaften formuliert. Diese richteten die Teilnehmenden an rund 30 Gesundheitsministerinnen und -minister. Was verbindet die Empfehlungen an die politischen Entscheidungsträger? Zunächst einmal der von Bescheidenheit geprägte Ton: Die verheerenden Auswirkungen der Coronaviruskrise – mindestens sieben Millionen Tote in drei Jahren – haben alle Gewissheiten erschüttert. Alle Redner betonten die Herausforderungen, die nun bewältigt werden müssen.

Unterschiedliche Gegebenheiten

In ihrer Eröffnungsrede erinnerte Prof. Lauren Clack vom Institute for Implementation Science in Health Care der Universität Zürich daran, wie wichtig es ist, Gesundheitsstrategien an die unterschiedlichen lokalen Gegebenheiten anzupassen. Das Misstrauen einiger Bevölkerungsgruppen gegenüber Gesundheits- und Schutzmassnahmen sowie Impfkampagnen sei bekannt: «Manchmal scheitert die Umsetzung, weil sie nicht den örtlichen Gegebenheiten entspricht und unzureichend vermittelt wird.» Lauren Clack erwähnte in diesem Zusammenhang das Programm «Matching Michigan» zur Reduzierung von Infektionen auf Intensivstationen. Es wurde in den USA erfolgreich durchgeführt, in Europa jedoch mit teilweise enttäuschenden Ergebnissen repliziert. Egal wie vielversprechend ein Programm sein mag, «es kann erfolgreich sein oder scheitern». Letzteres, wenn es nicht genügend Raum für die Interaktion zwischen den Fachkräften und die Beziehung zu den Patientinnen und Patienten gibt – und wenn notwendige Anpassungen nicht vorgenommen werden.
Klimawandel, Migrationsphänomene, Ausbreitung neuer Viren, Antibiotikaresistenzen: Angesichts all dieser rasanten Entwicklungen, die derzeit stattfinden, waren sich die rund 15 Vertreterinnen und Vertreter der Diskussionsrunden einig, dass es wichtig sei, «global zu denken», mit einer ganzheitlichen, inklusiven Vision. Es gehe darum, diese Veränderungen nicht dem Zufall zu überlassen, sondern sie in die Planung von Gesundheitsstrategien einzubeziehen. Dies, um die Menschen zu motivieren, die nötigen Einstellungen zu entwickeln, wie Charles Vincent betonte, Professor für klinische Psychologie an der Universität Oxford und Spezialist auf dem Gebiet der Patientensicherheit.
Ein Programm zur Reduzierung von Infektionen in der Intensivpflege aus den USA wurde in Europa mit enttäuschenden Ergebnissen repliziert.
© Piron Guillaume / Unsplash

Besorgniserregende Mängel

Unter den Vortragenden war auch Niek Klazinga, Professor für Sozialmedizin am Medizinischen Zentrum der Universität Amsterdam und ehemaliger Leiter der Programme Health Care Quality and Outcomes bei der OECD. Sein Statement: «Was haben wir von COVID gelernt? Resilienz, aber auch die Notwendigkeit, Vertrauen wieder aufzubauen, Daten zu haben – und Finanzierung.» Die Gesundheit der Bevölkerung könne nur sichergestellt werden, wenn die Menschen Vertrauen in ihre Regierung haben, sagte er und verwies auf Brasilien unter Ex-Präsident Bolsonaro. «Und wir müssen mehr Geld in die Gesundheitssysteme investieren.» COVID-19 habe auch im Westen Mängel aufgedeckt: Spitäler seien überlastet, es fehle an Personal und Betten. Auch andere Expertinnen und Experten wiesen auf die schwierigen Bedingungen des Pflegepersonals hin, das während der Pandemie an vorderster Front stand, sowie auf das Nachwuchsproblem in diesem Berufsfeld.
Anthony Staines, der beim Waadtländer Spitalverband für das Programm «Patientensicherheit» zuständig ist, fasste die Empfehlungen zusammen, indem er der autoritären Position, die in medizinischen Kreisen noch häufig anzutreffen sei, eine offene, altruistische Herangehensweise gegenüberstellte, die auf die Sicherheit der Patientinnen und Patienten, aber auch des gesamten Personals, bedacht sein sollte. Es bleibt abzuwarten, ob seine Worte und die der anderen gehört und umgesetzt werden. Die Herausforderungen werden jedenfalls nicht weniger, und nicht nur das Coronavirus gibt Anlass zu Diskussionen. Weltweit sterben jedes Jahr fast drei Millionen Menschen an den Folgen einer unsicheren Behandlung in Spitälern, warnte Anne Lévy, Leiterin des Bundesamts für Gesundheit (BAG).
Mehrere Teilnehmende wiesen die Expertinnen und Experten darüber hinaus auf weitere Herausforderungen hin: die wachsende Bedeutung von Technologien, die zwar leistungsfähig, aber teuer und in wirtschaftlich benachteiligten Ländern nur sehr schwer umzusetzen sind, die aufdringliche Lobbyarbeit multinationaler Konzerne und der Druck des Privatsektors sowie die mangelnde Früherkennung grosser Gesundheitsrisiken.