Parlez-vous «Züritüütsch»

Zu guter Letzt
Ausgabe
2023/13
DOI:
https://doi.org/10.4414/saez.2023.21630
Schweiz Ärzteztg. 2023;104(13):

Publiziert am 29.03.2023

Vor drei Jahren bin ich aus Genf weggezogen und in die Deutschschweiz gekommen, um an der ETH Zürich Medizin zu studieren. Zusammen mit anderen Studierenden, die nicht aus der Deutschschweiz, sondern überwiegend aus dem Tessin stammten, freute ich mich auf dieses kulturelle und sprachliche Abenteuer. Ich hoffte, persönlich und beruflich zu wachsen. Seitdem wurden meine Erwartungen mehr als erfüllt, und ich bin mir sicher, dass auch meine künftigen Patientinnen und Patienten von dieser Erfahrung profitieren werden. Ich möchte hier darüber berichten, weil die Möglichkeit, Medizin in einer anderen Sprachregion zu studieren, noch zu wenig bekannt ist und zu wenig gefördert wird.
Marc Reynaud de la Jara
Liaison Officer FMH der swimsa, Mitglied Advisory Board der Schweizerischen Ärztezeitung
Dank des Umzugs nach Zürich habe ich meine typisch westschweizerischen Vorurteile überwunden: Ich fürchtete, dass die Leute in der Deutschschweiz abweisend seien und mir ihre Sprache nie vertraut werden würde. Heute freue ich mich über meinen Deutschschweizer Freundeskreis und habe das «Züritüütsch» lieben gelernt. Durch das Eintauchen in die Sprache bin ich mittlerweile fast zweisprachig. Zudem macht es mir Freude, die Region zu erkunden. Selbst mitten in der Klausurenphase fühle ich mich manchmal noch wie ein Tourist.
Der Wechsel in eine andere Sprachregion verschafft mir auch beruflich Vorteile. Beispielsweise könnte die Reform der Zulassungssteuerung für angehende Ärztinnen und Ärzte einen Kantonswechsel erforderlich machen, wenn sie in einem bestimmten Fachgebiet tätig sein wollen. Da ist es gut, nicht auf die französischsprachigen Kantone beschränkt zu sein.
Abgesehen von diesen persönlichen Vorteilen sind die Studierenden aus der lateinischen Schweiz in den Deutschschweizer Kantonen ein Gewinn: Durch zweisprachige Ärztinnen und Ärzte ist das Schweizer Gesundheitssystem in der Lage, sich an die Sprachvielfalt der Patientinnen und Patienten anzupassen.
Während meiner klinischen Ausbildung und meiner Arbeit als Sitzwache im Spital konnte ich beobachten, wie wertvoll mehrsprachiges Personal für ein Pflegeteam ist. Nicht alle Patientinnen und Patienten verstehen Deutsch. Ich habe zum Beispiel häufig mit italienisch- oder französischsprachigen Personen zu tun. Am Universitätsspital Zürich kam es vor, dass ich zwischen einem Tessiner Patienten mit Französischkenntnissen und dem Pflegepersonal dolmetschen musste. Andere Patientinnen und Patienten wiederum sprechen gut Deutsch, schätzen es aber angesichts ihres labilen Zustands sehr, in ihrer Muttersprache kommunizieren zu können. Die Sprachbarriere darf nicht zum Versorgungshindernis werden.
Die sprachliche Vielfalt der Medizinstudierenden ist eine Chance für sie selbst, die Teams und die Patientinnen und Patienten. Sie ist eine Chance für das gesamte Gesundheitssystem. Meiner Einschätzung nach könnten die deutschsprachigen Fakultäten diese Chance besser nutzen. Ein paar simple Massnahmen kämen den Medizinstudierenden aus der lateinischen Schweiz zugute und wären auch ein Anreiz für andere, sich für ein Studium in der Deutschschweiz zu entscheiden. Die medizinischen Fakultäten könnten etwa – wie anderswo bereits üblich – fachbezogene Sprachkurse anbieten, bei schriftlichen Prüfungen eine Zeitverlängerung gewähren, bei den mündlichen Prüfungen der ersten Jahre Nachsicht walten lassen und an die Nichtmuttersprachler denken, bevor sie im Kurs Schweizerdeutsch sprechen.
Es liegt an uns, die wir nicht aus der Deutschschweiz stammen, unsere Ängste und Vorurteile zu überwinden, und es liegt an den Deutschschweizer Fakultäten, uns und unsere Bemühungen wertzuschätzen.

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