Auf den Punkt

COVID-19: Herausforderungen für Medizin und Sozialwissenschaften

News
Ausgabe
2023/1415
DOI:
https://doi.org/10.4414/saez.2023.21713
Schweiz Ärzteztg. 2023;104(1415):6-7

Publiziert am 05.04.2023

Forschung Was haben wir aus der Coronavirus-Pandemie gelernt? Wissenschaftler der Nationalen Forschungsprogramme 78 und 80 tauschten sich kürzlich in Thun über diese Frage aus. Die Krise ist zwar weitgehend unter Kontrolle, aber es gibt noch immer Herausforderungen.
Fast auf den Tag genau vor drei Jahren rief die Schweiz angesichts der Ausbreitung des Coronavirus den Notstand aus und begab sich in eine Art Halbschlaf. COVID-19 hat in der Folge zwar das Gesundheitssystem auf die Probe gestellt, aber auch die Forschung vorangetrieben. Am 22. März dieses Jahres trafen sich rund 250 Forschende aus verschiedenen Disziplinen, die den Fortschritt ermöglicht haben, in Thun, um Bilanz zu ziehen. Die vom Schweizerischen Nationalfonds (SNF) organisierte Konferenz bot auch die Gelegenheit, das Nationale Forschungsprogramm NFP ​78 «COVID-19» abzuschliessen und das NFP ​80 «COVID-19 und Gesellschaft» zu lancieren.
«Auf wissenschaftlicher Ebene haben wir enorm viel gelernt», resümierte Marcel Salathé, der die Leitungsgruppe des NFP ​78 präsidierte. Die dänische Forscherin Lone Simonsen, Leiterin des Pandemieforschungszentrums der Universität Roskilde, zählte als Gast an der Konferenz Fakten auf, die die wissenschaftliche Gemeinschaft zum Teil überrascht hatten: Die Eindämmungsmassnahmen waren viel wirksamer als frühere Pandemien vermuten liessen; der Impfstoff erwies sich als hochwirksam gegen schwere Formen von COVID-19; die Beschränkung zufälliger Kontakte, zum Beispiel bei Massenevents, erhöhte unsere Fähigkeit, es zu kontrollieren; die erhöhte Sterblichkeit hing mit dem Misstrauen gegenüber dem Impfstoff zusammen.
Mit vereinten Kräften erforschen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Sars-CoV-2.
© Branimir Balogović / Unsplash

Vorbereitung auf eine nächste Pandemie

Diese Entdeckungen waren nur möglich, weil sich die Wissenschaft sofort und massiv für die Bekämpfung dieses noch wenig bekannten Virus einsetzte, um die grosse Gesundheitskrise unter Kontrolle zu bringen. In der Schweiz wurde das NFP ​78 im April 2020 gestartet und verfügte über ein Budget von 20 Millionen Franken. Insgesamt 28 Forschungsprojekte, die zahlreiche Felder von der Epidemiologie über die Radiologie bis hin zu den Ingenieurwissenschaften abdeckten, haben neue Erkenntnisse über COVID-19 gebracht und sollen dazu dienen, die nächste Pandemie besser zu bewältigen. «Viele der Innovationen wurden in den klinischen Alltag integriert. In drei Jahren war die Lernkurve enorm», sagte Emanuela Keller, Abteilungsleiterin Neurochirurgie am Institut für Intensivmedizin des Universitätsspitals Zürich und Mitglied der Leitungsgruppe des NFP ​78. Als Beispiel nannte die Forscherin ein auf Algorithmen basierendes Warnsystem, das SARS-CoV-2-Fälle in neurochirurgischen Intensivstationen aufspürt. Es könnte unter anderem dazu führen, dass die Übertragung des Virus innerhalb der Station zurückgeht, die Anzahl der verwendeten Tests um zwei Drittel reduziert wird und das Personal in Stresssituationen schnelle Entscheidungen treffen kann. «Daten sind eine Bereicherung für Spitäler. Aber es bedarf einer umfassenden Verwaltung dieser Daten. Die Koordination ist lückenhaft.» Die EPFL hat ihrerseits in Zusammenarbeit mit einem multidisziplinären Team eine neue Hochdurchsatz-Mikrofluidik-Technologie für serologische Massentests entwickelt. Ziel ist es, in naher Zukunft von zu Hause aus einen einzigen Blutstropfen für mehrere Testproben zu entnehmen. Die versammelten Forschenden waren sich einig, dass die Implementierung ein anspruchsvoller Schritt bleibt, der in Forschungsprojekten noch zu wenig im Fokus steht. Das Fazit der Forschenden: «Es ist wichtig, dass ein Projekt einen Nutzen hat, ohne den eine gesundheitspolitische Umsetzung nicht möglich ist.»

Die Sozialwissenschaften aufwerten

Trotz der vielen fruchtbaren Erkenntnisse war das Krisenmanagement nicht nur beispielhaft. Die Konferenzteilnehmenden sprachen immer wieder das Problem der Kommunikation an. Ein Beispiel: Die Forschenden haben festgestellt, dass COVID-19 eine Krankheit ist, die durch die Luft übertragen wird, aber diese Information ist nicht gut genug an die Öffentlichkeit gelangt. Das Fazit: «Die Wissenschaftler müssen aus ihrem Elfenbeinturm herauskommen und besser kommunizieren, was sie tun und wie sie es tun.» Das Krisenmanagement wird im Rahmen des NFP ​80 erforscht, das im Dezember 2022 startete. Mit einem Budget von 14 Millionen Franken umfasst es 25 Projekte aus den Geistes- und Sozialwissenschaften. Wissenschaften, die bei einer Pandemie früher und intensiver einbezogen werden müssen. In ihrer Rede «Gesellschaften im Spiegel von COVID-19» betonte die Professorin und Bioethikerin Samia Hurst die Bedeutung des NFP ​80, dessen Leitungsgruppe sie angehört: «Die menschlichen Aspekte sind Teil einer Pandemie. COVID-19 war ein ‘Stresstest’ für die gesamte Gesellschaft.» Die Pandemie habe Themen wie häusliche Gewalt, schlechte Arbeitsbedingungen in bestimmten Berufen und die Widerstandsfähigkeit von Jugendlichen gegenüber der Krise in den Vordergrund gerückt. Die Ergebnisse des NFP ​80 werden die Ergebnisse des NFP ​78, die bald veröffentlicht werden, ergänzen und Empfehlungen ermöglichen.

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