Über den Zaun um die Medizin

Zu guter Letzt
Ausgabe
2023/19
DOI:
https://doi.org/10.4414/saez.2023.21766
Schweiz Ärzteztg. 2023;104(19):74

Publiziert am 10.05.2023

Die Karikatur aus dem Jahr 1903 persiflierte die wirtschaftliche «Lage der deutschen Ärzte»: Ein ärmlicher, hagerer Herr Doktor fragt dort seinen begüterten und entsprechend beleibten Patienten: «Meine ärztliche Hilfe haben Sie nicht länger nötig; darf ich Sie vielleicht von jetzt an rasieren?» [1]. Ein Arzt als «Barber»? Undenkbar!
Szenenwechsel. Neulich suchte ich für ein Familienfest eine gute Übernachtungsmöglichkeit. Ein Hotel schien besonders viel für seinen Preis zu bieten. Der «Haken»: Das Hotel, so eigenständig es auch auftrat, war Teil eines Spitals.
Nein, wir haben nicht in Spitalbetten übernachtet. Doch es gab fliessende Übergänge ins «Spitalische». Patientinnen etwa mit Infusion und frisch geborenen Babys beim Frühstücksbuffet. Dazu lag meist ein leichter Hauch Spitalatmosphäre in der Luft.
Solch fliessende Übergänge zwischen einem Akutspital und einem klassischen Hotel wären vor ein paar Jahrzehnten undenkbar gewesen. Für uns heute war die Erfahrung immer noch etwas befremdend, aber gleichzeitig auch anregend.
Bevor die moderne Medizin ihren Siegeszug antrat, hatten Therapeuten durchaus auch rasiert und Spitäler waren auch Herbergen. Dann aber grenzte sie sich zunehmend vom restlichen Leben als messerscharf definierter Lebensbereich mit eigenen Regeln ab: ökonomisch, rechtlich, moralisch, hygienisch, beruflich. Ein Erfolgsrezept damals.
Mein Grossvater war Apotheker. Meinem Vater hätte er die «Hand» meiner Mutter beinahe verweigert, weil dieser von einer «Ladentür» und nicht von einer «Apothekentür» gesprochen hatte. Ich hingegen hole heute meine nicht zugestellten Einschreibebriefe und Pakete in einer Apotheke mit integrierter Post-Filiale ab.
Eberhard Wolff
Prof. Dr. rer. soc., Redaktor Kultur, Geschichte, Gesellschaft
Bei einem Krankenhaus weiss man auf den Schritt genau, wann man drinnen ist. Und welche Rolle man darin zu spielen hat. Im Altersheim setzte die Kritik an diesem Zaun schon vor Längerem an. Die Insassen waren isoliert. So wurde der Zaun um die «Anstalt» bewusst durchlässiger gemacht. Der Speisesaal etwa gibt sich heute oft als Restaurant, das allen offensteht. Die Laufkundschaft von der Strasse wird hineingeworben, ganze Kindergärten kommen zu Besuch. Das Altersheim der Berner Burger wurde sogar zum offenen «Generationenhaus» umgeplant.
Auch in der Medizin finden sich immer mehr dieser «Löcher im Zaun». Die Akademie Menschenmedizin führt ihre «Café Med»-Beratungen in Restaurants und Bars durch, um zu einem in ihrem Sinne menschengerechten Gesundheitswesen beizutragen. Das Apo-Doc in Zürich ist eine Apotheke, eine Arztpraxis – und ein Café. Das soll einer «niederschwelligen» Gesundheitsversorgung «zum Wohle der Patienten» dienen. Apo-Doc gibt sich auch als Aufwertung des Quartiers [2]. Hinter dem Berner SprechZimmer+ und seiner Öffnung des Zauns steckt ein ebenso kompliziertes Verhältnis von Humanisierung und Wirtschaftlichkeit [3].
Dass die schweizerischen Lebensmittel-Giganten im grossen Stil Apotheken oder Arztpraxen aufkaufen, löst noch immer Verwunderung aus [4]. Wir haben hier den «Zaun» noch fest im Kopf. Kritisiert wird die Entwicklung dann meist als Ökonomisierung unseres Gesundheitsbereichs. Es ist aber noch mehr als das. Es ist der Ausdruck eines sich grundsätzlich ändernden Verständnisses von Medizin. Sie büsst ihren rechtlichen, ökonomischen oder kulturellen Sonderstatus ein und vermischt sich zunehmend mit dem Rest des Lebens.
Die Löcher im Zaun verwundern uns einerseits, andererseits anerkennen wir sie – und gleichzeitig kritisieren wir sie. Sie sind nicht von vornherein gut oder schlecht.