Wo steht die Forschung der Komplementärmedizin?

Wissen
Ausgabe
2023/24
DOI:
https://doi.org/10.4414/saez.2023.21928
Schweiz Ärzteztg. 2023;104(24):86-87

Publiziert am 14.06.2023

Wissenschaft Wie in anderen medizinischen Forschungsbereichen wendet man in der Komplementärmedizin anerkannte wissenschaftliche Methoden an. Zwei Experten geben Auskunft über ihre Berufserfahrung und den aktuellen Stand evidenzbasierter Forschung in der Komplementärmedizin mit dem Schwerpunkt anthroposophische Medizin.
Dr. med. Matthias Kröz, Leiter Forschungsabteilung und Leitender Arzt Schlafmedizin an der Anthroposophischen Klinik Arlesheim, weiss: «In den letzten zehn Jahren hat die Forschung im Bereich der Integrativen Medizin deutlich zugenommen. Der Begriff Integrative Medizin beschreibt die kombinierte Anwendung von Schul- und Komplementärmedizin.» Die anthroposophische Medizin setzt auf diese ganzheitliche Ausrichtung. Dr. Kröz ergänzt: «So stehen für nicht pharmakologische Therapien, die man beispielsweise in der anthroposophischen Medizin häufig einsetzt, leider nur begrenzte finanzielle Fördermittel zur Verfügung.» Zum Vergleich: Zur Akupunktur werde eher viel geforscht, so zum Beispiel bei der Behandlung allergischer Erkrankungen, bei der Schmerztherapie oder zur Symptomkontrolle von Übelkeit und Erbrechen unter Chemotherapie.
Als Beispiel für Forschung an Medikamenten aus der anthroposophischen Medizin nennt er die Misteltherapie zur Behandlung von Patientinnen und Patienten mit einem Pankreaskarzinom. Bei Personen mit Angstsymptomen forsche man aktuell zum pflanzlichen Wirkstoff Bryophyllum pinnatum und bei funktionellen Magen-Darmstörungen zu pflanzlichen Bitterstoffen.
Translationale Medizin bezeichnet die Wandlung der grundlegenden Forschungserkenntnisse der medizinischen Biologie in praktische Technologien und Methoden für die klinische Praxis. Sie stellt sicher, dass bewährte Strategien letztendlich innerhalb einer Patientenpopulation Anwendung finden. Das Wissen, welches durch Forschung im Labor erzeugt wird, hat also einen Einfluss auf die Therapiepraxis – umgekehrt dienen die wissenschaftlich erzielten Erkenntnisse zur Wirksamkeit am Patienten für neue Forschungsansätze im Labor. Integrative Medizin basiert häufig auf Erfahrungsheilkunde, welche durch translationale Forschungsansätze beforscht und weiterentwickelt wird.
Auch Prof. Dr. Carsten Gründemann, Inhaber des Lehrstuhls für Translationale Komplementärmedizin an der Universität Basel, untersucht traditionelle medizinische Therapiekonzepte mit klassischen naturwissenschaftlichen Methoden: «Die Datenlage wird hier immer besser und das Netzwerk der Forschenden im Bereich der Komplementärmedizin und insbesondere in der Anthroposophischen Medizin wird immer grösser, interdisziplinärer und lebendiger.»
Der pflanzliche Wirkstoff Bryophyllum pinnatum aus der anthroposophischen Medizin wird derzeit erforscht.
© Sippakorn Yamkasikorn / Dreamstime

Angewandte Grundlagenforschung

Die evidenzbasierte konventionelle Medizin oder Schulmedizin bemisst die Wirkung und Wirksamkeit einer Behandlung anhand der Ergebnisse von präklinischen und randomisiert-kontrollierten Studien. Genauso gehen Forschende im Bereich translationale Komplementärmedizin vor, betont Prof. Gründemann: «Im Rahmen unserer Forschung untersuchen wir therapeutische Konzepte – insbesondere aus der Phytotherapie und der anthroposophischen Medizin – und erforschen die Wirkungsweise von pflanzlichen Heilmitteln. Weiter befassen wir uns auch mit verschiedenen pharmazeutischen Extraktions- und Produktionstechniken und versuchen, diese gesamten Erkenntnisse in die klinische Praxis zu übertragen.»
In den vergangenen Jahren habe sich die Forschung in der anthroposophischen Medizin sehr dynamisch entwickelt. Carsten Gründemann betont: «Herauszuheben sind hier die Forschungen zur Mistel im Bereich der Onkologie, Analysen zur Pflanze Bryophyllum im Bereich der Geburtshilfe und psychischen Leiden oder Untersuchungen zu einem Präparat aus Zitrone und Quitte zur Behandlung allergischer Rhinitis.» Prof. Dr. med. Philip Tarr, Co-Chefarzt der Medizinischen Universitätsklinik und Leiter Infektiologie am Kantonsspital Baselland, bestätigt: «Forschung im Bereich der Komplementärmedizin ist heute mehr denn je essenziell. Einerseits weil die Menschen Komplementärmedizin nachfragen – 25 bis 50% der Befragten geben in Umfragen hierzulande an, Komplementärmedizin in Anspruch zu nehmen –, andererseits weil schulmedizinische Behandlungsmöglichkeiten bei zahlreichen häufigen Beschwerden beschränkt wirksam sind oder Nebenwirkungen haben. Denken Sie an Verdauungsbeschwerden, Schlafstörungen, chronische Schmerzen oder starken Heuschnupfen.»

Überzeugungskraft hängt von vielen Faktoren ab

Individuelle Überzeugungen, die eigene Persönlichkeit, die Art der Komplementärmedizin und der Beschwerden sowie die Erwartungen des Empfängers bestimmen unter anderem, ob jemand von der Komplementärmedizin überzeugt ist. «Wenn es um die Überzeugungskraft geht, so kann man unter anderem auf komplementäre Therapieverfahren verweisen, die man in Leitlinien berücksichtigt», sagt Matthias Kröz. «In diesem Sinne zeigt die Aufnahme von komplementären Therapieverfahren in internationalen Behandlungsleitlinien, wie zum Beispiel achtsamkeitsbasierten Therapien wie Yoga und andere im Bereich der Onkologie bei der Behandlung von tumorassoziierter Fatigue oder die Akupunktur in der Schmerzbehandlung bei chronischen Rückenschmerzen auf, dass Komplementärmedizin wissenschaftlich überzeugen kann und auch international an Bedeutung gewinnt.»
Neben der Grundlagenforschung ist Carsten Gründemann auch an der Anwendung und Kommerzialisierung von Forschungsergebnissen beteiligt. Dazu betont er: «Gewisse Errungenschaften und Technologien sollte man bei Bedarf erst einmal durch Patente schützen, um weiter forschen zu können mit genügend finanziellen Ressourcen. Wir möchten uns aber hiervon lösen, da die Erkenntnisse meines Erachtens allen Menschen offenstehen sollen.» Sein Forschungsziel ist es, die Ergebnisse in wissenschaftlich angesehenen Zeitschriften der unterschiedlichen Fachdisziplinen zu publizieren – die Selektion läuft hier nach dem Peer-Review-Verfahren. Genau wie in allen anderen medizinischen Disziplinen auch.
1 Leefmann J. Was ist Translationale Medizin? Zu Begriff, Geschichte und Epistemologie eines Forschungsparadigmas. In: Markus Wübbeler, Kristina Lippmann, Désirée Wünsch, Dominic Docter (Hrsg.): Lost in Translation? Translationsforschung in den Lebenswissenschaften. 1. Auflage. Schriftenreihe der Jungen Akademie der Wissenschaften und der Literatur – Mainz, Nr. 3. Frank Steiner Verlag, Stuttgart 2019.
3 Koordinationsstelle Forschung am Menschen. BASEC-Studie. https://www.kofam.ch/de/studienportal/nach-klinischen-versuchen-suchen/studie/47080 (abgerufen am 05.05.2023).
4 Klein SD, Torchetti L, Frei-Erb M, Wolf U. Usage of Complementary Medicine in Switzerland: Results of the Swiss Health Survey 2012 and Development Since 2007. Lafrenie RM, editor. PLoS One. 2015 Oct;10(10).
5 Wolf U, Maxion-Bergemann S, Bornh G, Matthiessen PF, Wolf M. Use of Complementary Medicine in Switzerland. Forsch Komplementärmedizin. 2006;13(Suppl 2):4–6.
6 Ana Paula Simões-Wüst, Lukas Rist, Marcel Dettling. Self-reported health characteristics and medication consumption by CAM users and nonusers: a Swiss cross-sectional survey. J Altern Complement Med 2014 Jan;20(1):40-7. doi: 10.1089/acm.2012.0762.
7 Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e. V. S3-Leitlinie Komplementärmedizin in der Behandlung von onkologischen PatientInnen. Kurzversion 1.1, September 2021. https://register.awmf.org/assets/guidelines/032-055OLk_Komplementaermedizin-in-der-Behandlung-von-onkologischen-PatientInnen-2021-11.pdf (abgerufen am 05.05.2023).