Ein «Grounding» des Gesundheitssystems verhindern

Organisationen
Ausgabe
2023/37
DOI:
https://doi.org/10.4414/saez.2023.22120
Schweiz Ärzteztg. 2023;104(37):0-44

Affiliations
Dr. med., Executive MBA focus Healthcare, Präsidentin Walliser Ärztegesellschaft (VSÄG)

Publiziert am 13.09.2023

Petition Ein Kulturwandel im Umgang mit Daten ist bitter nötig. Damit liessen sich absehbare gesellschaftlich schwerwiegende negative Entwicklungen verhindern. Dieses auch im Gesundheitswesen dringliche Umdenken fordert die «Petition der Walliser Ärztegesellschaft für eine qualitativ hochstehende ambulante Gesundheitsversorgung».
Das «Grounding» der Credit Suisse, der aktuell besorgniserregende Ärztemangel in der Schweiz mit hoher Abhängigkeit vom Ausland wie auch die sich verschärfende globale Klimakrise – die negativen Entwicklungen dieser Probleme waren eigentlich schon seit Jahren vorhersehbar. Die dazu nötigen Hintergrundinformationen waren vorhanden und wurden in den Medien immer wieder thematisiert. Die technischen Fähigkeiten wie Lesen und Hören beherrschen wir eigentlich. Auch braucht es keine komplizierten statistischen Berechnungsmodelle, um die hohe Wahrscheinlichkeit negativer Entwicklungen bei den erwähnten Themen adäquat abschätzen zu können.
Cartoon zur Illustration der kontextuellen Abhängigkeit von Data Literacy: Die Zusatzinformation, dass sich die kranke Mutter wünscht, ein letztes Mal gemeinsam Weihnachten zu feiern, erlaubt eine ganz andere Interpretation des Cartoons und der statistischen Wahrscheinlichkeitsgewichtung der sonst im September unglaubwürdig wirkenden Aussage.
© Max Spring
Offensichtlich braucht es aber mehr als «nur» ein Nebeneinander von Hintergrundinformationen, statistischen Kenntnissen und technischen Fertigkeiten, um sinnvolle Prognosen ableiten und verständlich vermitteln zu können und damit rechtzeitig adäquate Massnahmen zur Verhinderung gesellschaftlich schwerwiegender Entwicklungen zu ermöglichen. Die Fähigkeit, Informationen sinnvoll zusammenzuführen kann man gemäss UN Data Revolution [1] als «Data Literacy» – Datenkompetenz bezeichnen. Kurz zusammengefasst umfasst «Data Literacy» die Fähigkeiten, Daten auf kritische Art und Weise in ihrem Kontext zu sammeln, zu managen, zu bewerten und anzuwenden. Dies unter Einhaltung des Datenschutzes und einer Datenethik in einer Kultur des lebenslangen Lernens und einer interprofessionellen kontinuierlichen Feedback-Kultur zwischen Datenlieferanten («Datenproduzenten») und Datennutzern («Datenkonsumenten»). Datenkompetenz impliziert, dass all diese Elemente unzertrennlich miteinander verwoben sind.

Kulturwandel bringt Lösungen

Die Einleitung eines solchen gesellschaftlich, versicherungstechnisch und politisch mitgetragenen Kulturwandels würde es ermöglichen, für viele aktuell scheinbar unlösbaren Probleme neue, zielführende gemeinsame Lösungsansätze finden und umsetzen zu können. Wir könnten uns von festgefahrenen Meinungen distanzieren, die leider oft auf falsch erhobenen und inadäquat interpretierten Daten basieren. Wir würden gemeinsam verstehen, wieso die Gesundheitskosten wirklich steigen und wo wir diesbezüglich sinnvolle Präventions- und Korrekturmassnahmen ansetzen könnten. Wir könnten verstehen, welchen Einfluss Börsenverluste der Krankenkassen auf unsere Krankenkassenprämien haben. Wir würden einsehen, dass ein konstanter administrativer Kostenanteil der Versicherer bei steigenden Kosten eine massive, schwer zu rechtfertigende Kostensteigerung bedeutet.
Was ist «Data Literacy»? (Grafik aus: UN Data Revolution/undatarevolution.org)
© Grafik Data Literacy
Umgekehrt würden wir verstehen, dass ein Anstieg von 10% der Physiotherapiekosten absolut adäquat ist. Er entspricht einem vermehrten Bedarf der Bevölkerung (teils wegen Dekonditionierung vieler Seniorinnen und Senioren aufgrund der COVID-Massnahmen) und rechtfertigt sicher nicht eine Tarifkürzung für die Physiotherapie. Leider häufen sich solche logisch kaum nachvollziehbaren, aber die Leistungserbringer des Gesundheitswesens immer stärker einengenden, willkürlichen Zwangs- und Kontrollmassnahmen:
Limitation der Ärztezulassungen, trotz bekanntem Ärztemangel und Überalterung der Ärzteschaft, nachgewiesenem steigendem Bedarf in der Bevölkerung und dem legitimen Wunsch der jungen Ärztinnen und Ärzte nach einer in anderen Sektoren üblichen «work-life-balance»
zunehmende administrative Auflagen und Schikanen für alle Leistungserbringer im Gesundheitssektor, obwohl bereits zu wenig Zeit für die Patientenbetreuung bleibt
fehlende Tarifanpassungen trotz bekannter Teuerung, Digitalisierungskosten und steigender Personalkosten.

Blockierte Tarifanpassungen

Diverse politische, tarifarische und gesellschaftliche Entscheidungen und Entwicklungen der vergangenen Jahre haben zu einer Gefährdung der medizinischen Versorgung nicht nur im Kanton Wallis geführt. Trotz wiederholter Aufrufe, Warnungen und Vorschläge der Ärzteschaft wurden bisher keine nennenswerten Kurskorrekturen eingeleitet. Im Gegenteil: Im Wallis blockieren die Walliser und Schweizer Krankenkassenverbände weiterhin unerlässliche und dringende Tarifanpassungen. Schlimmer noch: Keine einzige Krankenkasse wollte sich an der «Gemeinsam Gesund - Data Literacy»-Präventionskampagne der Walliser Ärztegesellschaft [2] beteiligen. Diese hätte mindestens 50% der infektiösen Erkrankungen und Arbeitsausfälle und der damit verbundenen Kosten und Leiden verhindern können. Stattdessen werden die nicht vermiedenen gestiegenen Krankenkassenkosten geschickt mit virtuellen Aktienverlusten kombiniert dazu genutzt, um Prämienerhöhungen zu fordern, die viele Versicherte massiv belasten. So wird geschickt Druck aufgesetzt und gehofft, dass dringend nötige Tarifanpassungen nicht mehr zeitgemässer ambulanter Tarife trotz offensichtlicher und kohärenter Daten und Fakten verhindert werden können. Leider führt eine durch Fehltarifierung mitbedingte ungenügende ambulante Grundversorgung, wie dies im Wallis für 2/3 der Fachspezialitäten der Fall ist, paradoxerweise zu einer Ankurbelung der Kostenspirale mit steigenden Spitalkosten und überfüllten Notfallstationen.
Statt das Angebot zu einem partnerschaftlich getragenen, grundlegenden Kulturwandel mit dringenden Kurskorrekturen anzunehmen, verharren die Versicherer auf ihren Positionen und verhindern damit gemeinsame Projekte zum Wohl der Patientinnen und Patienten und zu einer nachhaltigen Stabilisierung der Gesundheitskosten durch eine qualitativ adäquate Gesundheitsversorgung und Prävention.

Datenkompetenz für die Kurskorrektur

Es bleibt die Hoffnung, dass die Politik auf kantonaler und nationaler Ebene Kurskorrekturen in unserem Gesundheitssystem einleitet, die einen Kulturwandel von einer kurzfristigen Gesundheitskostenpolitik zu einer nachhaltigen, finanziell tragbaren Gesundheitspolitik für alle ermöglicht. Die Grundlage dazu bildet eine neue, gemeinsame Datenkompetenzkultur. Nur so können wir die Gesundheitskosten sinnvoll und partnerschaftlich nachhaltig in den Griff bekommen, ohne den Leistungserbringern eine adäquate Entlöhnung vorzuenthalten. Bereits über 13 500 Personen im und ausserhalb des Wallis haben die Wichtigkeit eines solchen Kulturwandels verstanden und die entsprechende Petition [3] unterschrieben. Diese fordert eine qualitativ hochstehende Gesundheitsversorgung für alle, im gegenseitigen Respekt und in partnerschaftlicher, interprofessioneller Zusammenarbeit, basierend auf einer dringlich verbesserungswürdigen gemeinsamen Datenkompetenz.
Herzlichen Dank, wenn auch Sie mit Ihrer Unterschrift zu diesem Kulturwandel beitragen, damit wir ein «Grounding» unseres Gesundheitssystems gemeinsam verhindern können!