Auf den Punkt

Streik der «Junior Doctors» in Grossbritannien

News
Ausgabe
2024/03
DOI:
https://doi.org/10.4414/saez.2024.1317708728
Schweiz Ärzteztg. 2024;105(03):6-7

Publiziert am 17.01.2024

Ausland
Anfang Januar haben die britischen Assistenzärztinnen und -ärzte ihre Arbeit für die Dauer von sechs aufeinanderfolgenden Tagen niedergelegt – ein Rekordstreik in der Geschichte des National Health Service (NHS). Sie prangern die niedrigen Gehälter und die unzumutbaren Arbeitsbedingungen an.
Junge Ärztinnen und Ärzte in Grossbritannien protestierten mit einem Streik gegen ihre Arbeitsbedingungen.
© Tolgaildun / Dreamstime
Der Ausstand der «Junior Doctors» (medizinisches Personal in der Facharztausbildung, Anm. d. Red.) dauerte vom 3. bis zum 8. Januar 2024. Sie demonstrierten vor den Notaufnahmen der wichtigsten Spitäler des Landes. Auf ihren Plakaten stand «Diagnose: mangelnde Wertschätzung» und «Die Wunde sitzt tief – da hilft auch keine Chirurgie».

Der Grund sind die Löhne

In Grossbritannien sind etwa die Hälfte aller Ärzte «Junior Doctors». Das heisst, sie verfügen über einen Abschluss in Medizin und über null bis neun Jahre Berufserfahrung. Die Streikenden fordern eine Gehaltserhöhung von 35%, um 15 Jahre unzureichender Lohnentwicklung auszugleichen, die seit 2008 faktisch zu einem Gehaltsverlust von 26% geführt habe. Die britische Regierung hatte ursprünglich eine Erhöhung von 8,8% angeboten und sich zuletzt bereit gezeigt, noch 3% hinzuzufügen. Doch im Dezember gerieten die Verhandlungen ins Stocken, sodass es im Januar erneut zum Streik kam – dem neunten seit März 2022.
«Ärztinnen und Ärzte haben nach ihrem Studium einen Stundenlohn von 14.09 Pfund (circa 15.20 Franken). Das ist weniger, als ein Barista bei der Restaurantkette Prêt-à-Manger verdient», erläutert Nora Colton, Gesundheitsökonomin des University College in London. Hinzu komme die galoppierende Inflation, die im letzten Jahr sogar auf 11% kletterte, was den Wert der Gehälter weiter schmälere, so Colton.

Untragbare Arbeitsbedingungen

Zudem klagen die jungen Medizinerinnen und Mediziner über unzumutbare Arbeitsbedingungen, vor allem aufgrund des gravierenden Personalmangels. Laut einer Studie vom Jahresende 2022 [1] sind im britischen Gesundheitswesen 8728 Stellen unbesetzt, das sind fast 6%. Auf 1000 Einwohnerinnen und Einwohner kommen in Grossbritannien 3,03 Ärzte [2]. In der Schweiz sind es 4,6 [3].
«Einmal – ich hatte gerade meine erste Stelle angetreten – war ich allein für eine ganze, voll belegte Station verantwortlich», berichtet Vanya Gurr, die damals in einem Spital im Zentrum von London arbeitete. «An diesem Abend fragte ich mich immer wieder, ob ich die richtigen Entscheidungen getroffen hatte.»
Für die Patientinnen und Patienten kann dies schwerwiegende Folgen haben. «Bei einer Frau deutete alles auf einen Herzinfarkt hin», erzählt Josh*, ein junger Arzt aus Nordengland. «Ich sah mir das EKG an, war mir aber nicht sicher. Also verabreichte ich ihr 300 mg Aspirin und betete, dass ich das Richtige tat.»
Auch die Infrastrukturen, die dem jungen Fachpersonal zur Verfügung stehen, sind miserabel. Roshan Rupra, ein angehender Chirurg in Norfolk, sagt, er müsse sich auf der Toilette umziehen, weil es keine Umkleideräume gebe. «Nachts schlafe ich manchmal auf dem Boden, weil es in dem Raum für den Bereitschaftsdienst weder ein Bett noch eine Decke gibt», so Rupra.

Flucht ins Ausland

Die Bevölkerung stimmt den Forderungen des Medizinpersonals zwar grösstenteils zu, allmählich macht sich jedoch auch ein gewisser Unmut über dessen Protestbewegung breit. Während des Streiks im Januar stuften die Spitäler von Portsmouth und Nottinghamshire die Lage als «kritisch» ein und meldeten, dass ihre überlasteten Notaufnahmen keine weiteren Patientinnen und Patienten versorgen können. In Bolton mussten Kranke bis zu elf Stunden auf eine Behandlung warten.
Zehntausende Termine und geplante Operationen wurden verschoben oder abgesagt. Für Menschen mit einer schnell fortschreitenden oder im fortgeschrittenen Stadium schwer zu behandelnden Krebserkrankung, wie etwa der Lunge, Leber oder Bauchspeicheldrüse, oder mit einem Gehirntumor könnten solche Verzögerungen «die Behandlungsmöglichkeiten drastisch einschränken und sogar die Überlebenschancen beeinträchtigen», warnt Anna Jewell, Vorsitzende einer Organisation, die verschiedene NGOs zur Krebsbekämpfung vertritt.
Nach Einschätzung von Stephen Powis, des medizinischen Direktors des NHS, werden die Nachwirkungen des Streiks noch in den «kommenden Wochen und Monaten» zu spüren sein. Über 1,2 Millionen Arzttermine waren im Jahr 2023 von den Streiks im Gesundheitswesen betroffen. Umso länger ist nun die Liste mit den Personen, die auf eine Operation warten. Inzwischen ist sie auf 7,7 Millionen Namen angewachsen, verglichen mit 4,6 Millionen vor der Pandemie.
Für die jungen Streikenden könnte die Lösung im Ausland liegen. Immer mehr verlassen Grossbritannien und gehen nach Irland, Australien oder in die Vereinigten Arabischen Emirate, wo sie nicht nur ihr Gehalt verdoppeln, sondern auch in einem ruhigeren Umfeld arbeiten können. «Wir haben den Arztberuf nicht aus Profitgier gewählt, sondern um Menschen zu helfen», so Vanya Gurr. «Aber weshalb sollten wir weitermachen, wenn das nicht mehr möglich ist?» Im vergangenen September hat sie einen Posten in Neuseeland angenommen.
* Name geändert
1 The NHS Doctors Staffing Crisis in Numbers, https://www.bdiresourcing.com/img-media-hub/blog/the-nhs-doctors-staffing-crisis-in-numbers/, Stand 10. Januar 2024
2 BMA: NHS medical staffing data analysis, https://www.bma.org.uk/advice-and-support/nhs-delivery-and-workforce/workforce/nhs-medical-staffing-data-analysis. Stand 10. Januar 2024.
3 Hostettler S, Kraft E. Geringe Hausarztdichte und grosse Auslandabhängigkeit. Schweiz Ärzteztg. 2023;104(12):24–29. https://saez.swisshealthweb.ch/de/article/doi/saez.2023.21657/, Stand 10. Januar 2024