Mit Forza und Verve für die ärztliche Bildung

Mit Forza und Verve für die ärztliche Bildung

SIWF
Ausgabe
2024/06
DOI:
https://doi.org/10.4414/saez.2024.1334408172
Schweiz Ärzteztg. 2024;105(06):28-30

Publiziert am 07.02.2024

SIWF-Geschäftsleitung
Am 23. November 2023 hat die Plenarversammlung des Schweizerischen Instituts für ärztliche Weiter- und Fortbildung zwei neue Vizepräsidentinnen gewählt. Nathalie Koch aus der Romandie und Barbara Schild aus dem Tessin freuen sich darauf, die ärztliche Bildung in allen Schweizer Sprachregionen mitzugestalten.
Herzliche Gratulation zur Ihrer Wahl als neue Vizepräsidentinnen des SIWF – war das eine Überraschung für Sie?
Barbara Schild: Ja – umso grösser ist die Freude! Nun bieten wir im Tessin nicht nur ein Masterstudium in Medizin an, dank meiner neuen Aufgabe wird jetzt auch bei uns die ärztliche Weiter- und Fortbildung noch mehr Aufmerksamkeit erhalten.
Nathalie Koch: Mich hat meine Wahl ebenfalls sehr gefreut. Sie gibt mir die Möglichkeit, mich künftig noch intensiver mit Weiter- und Fortbildungsfragen zu beschäftigen. Gleichzeitig ist es für mich eine willkommene Fortsetzung meiner Tätigkeit auf nationaler Ebene, wo ich bereits in verschiedenen Gremien mitarbeite.
Was hat Sie dazu motiviert, für dieses Amt zu kandidieren?
Nathalie Koch: Ich war am Universitätsspital Lausanne während sieben Jahren für die Weiterbildung zuständig. Diese Aufgabe habe ich sehr gerne wahrgenommen, in organisatorischer und didaktischer Hinsicht ebenso sehr wie als Laufbahn-Beraterin für die jungen Ärztinnen und Ärzte. Dadurch kam ich mit dem SIWF in Kontakt, wie auch über die SIWF-Visitationen in diesem Spital als Weiterbildungsstätte und seit 2018 vermehrt in Verbindung mit meinem Präsidium in der Medizinalberufekommission. Ausserdem liegt mir die Arbeit auf nationaler Ebene und die Funktion als «interkulturelle Mediatorin» zwischen Romandie und Deutschschweiz.
Barbara Schild: Da geht es mir ähnlich mit dem Tessin. Neben dem nationalen Aspekt, den ich unter anderem als Co-Präsidentin der Schweizerischen Gesellschaft für Notfall- und Rettungsmedizin bereits schätzen gelernt habe, ist es mir wichtig, meinen fachlich so stark spezialisierten Fokus zu öffnen. So bekomme ich wieder die ganze Breite der Medizin in den Blick, für die ich mich insgesamt einsetzen möchte. Der wachsende Ärztemangel zeigt, wie dringend nötig wir den ärztlichen Nachwuchs fördern müssen. Wer Medizin studiert, will lernen, ein Leben lang. Diese Lernfreude müssen wir durch eine attraktive und zeitgemässe Weiter- und Fortbildung nähren, um insbesondere bei jungen Kolleginnen und Kollegen die Faszination für die Medizin zu erhalten. Als langjährige Weiterbildnerin kann ich viel dazu beitragen.

Dr. med. Barbara Schild

Vizepräsidentin SIWF

«Wir Lehrenden müssen auf die Bedürfnisse der Jungen eingehen, obwohl es uns herausfordern kann.»

Worauf kommt es für Sie als erfahrene Medical Educators bei der Vermittlung medizinischer Kompetenzen an?
Nathalie Koch: Die Lehrenden müssen gute Klinikerinnen und Kliniker sein und insofern gute Vorbilder. Sie müssen ihre Fähigkeiten weitergeben wollen und Freude am Teaching haben. Weiterbildende sollten merken, wo ihr Trainee gerade steht und was er oder sie braucht, um Fortschritte zu machen. Und natürlich sollten sie über ein gutes Repertoire an didaktischen Fähigkeiten verfügen, die man sich ja inzwischen an vielen Institutionen aneignen kann, etwa in den «Teach the teachers»-Kursen des SIWF, an den Fakultäten oder über einen Master in Medical Education.
Barbara Schild: Die jungen Kolleginnen und Kollegen haben berechtigte Ansprüche an uns Weiterbildende. Konkret heisst das beispielsweise, dass heute viel mehr und spezifischeres Feedback gefragt ist als zu unserer Weiterbildungszeit. Ausserdem sollten wir als Lehrende innerlich etwas jung bleiben und auf die Bedürfnisse des Nachwuchses eingehen, obwohl es uns herausfordern kann. Ein Beispiel: Podcast statt Präsenzvorlesung [1] – warum soll der Assistenzarzt die Vorlesung nicht entspannt im Grünen hören statt müde nach einem langen Arbeitstag in einem Konferenzraum? Die dadurch gewonnene Zeit könnte durch Fallbeispiele und – unersetzlichen – Erfahrungsaustausch genutzt werden.
Beide sind Sie nördlich des Gotthards aufgewachsen, leben und arbeiten aber seit vielen Jahren in der lateinischen Schweiz: Nathalie Koch in Lausanne und Neuchâtel, Barbara Schild in Bellinzona. Wie können die drei Sprachregionen in der ärztlichen Bildung voneinander profitieren?
Nathalie Koch: In den geografisch kleineren Regionen wie der Romandie oder auch dem Tessin kristallisieren sich gemeinsame regionale Bedürfnisse manchmal schneller heraus als in der Deutschschweiz. Diese können dann Pilotcharakter haben und landesweit Schule machen, wie beispielsweise die Weiterbildungs-Netzwerke. Andererseits bilden sich oft sprachgetrennte Initiativen parallel zu nationalen Projekten, weil sich Personen mit französischer oder italienischer Muttersprache darin zu wenig vertreten fühlen. Ich kann dies nachvollziehen, dominiert doch in meiner Erfahrung in nationalen Gremien die deutsche Sprache. Insofern finde ich wichtig, dort bewusst auch Französisch oder Italienisch zu sprechen, sofern es die Sprachkompetenzen der Teilnehmenden erlauben.

Dr. med. Nathalie Koch

Vizepräsidentin SIWF

«Wir müssen eine Gleichwertigkeit der Weiterbildung gegenüber der Forschungstätigkeit anstreben.»

Barbara Schild: Ich betrachte es als Glücksfall, dass ich eine Brücke zwischen dem Tessin und der restlichen Schweiz schlagen kann. Ein Grossteil der italienischsprachigen Ärzteschaft stammt heute aus Italien. Deshalb ist es umso wichtiger, dass ich nationale Bildungsthemen in die Südschweizer Gremien tragen kann und umgekehrt Tessiner Ideen nach Bern. Die verschiedenen Sprachen und ihre Kulturen unseres Landes sind eine grosse Chance, und unsere gemeinsame Wahl ins SIWF-Vizepräsidium zeigt, dass sie erkannt ist.
Wie haben Sie das SIWF und seine Aktivitäten im Verlauf Ihres beruflichen Weges bisher wahrgenommen?
Nathalie Koch: Bis nach der Weiterbildung war das SIWF wie eine Behörde für mich, welche die Facharzttitel erteilte. Durch meine vertiefte Auseinandersetzung mit der ärztlichen Bildung hat sich diese Sichtweise verändert, ich lernte die Rolle des SIWF bei der Verbesserung der Weiterbildungsqualität kennen und schätzte es, als das Institut begann, die Bildungsverantwortlichen der medizinischen Institutionen zu vernetzen und vermehrt Konferenzen mit Bildungsthemen anzubieten.
Barbara Schild: Durch die Gründung des SIWF im Jahr 2008 bekam die ärztliche Weiterbildung eine Stimme, die sich mit der Entwicklung der «Teach the teachers»-Kurse und des MedEd-Symposiums akzentuiert hat. Eine solche Plattform zum Austausch unter Bildungsinteressierten gab es vorher nicht, und sie war für mich sehr wertvoll. Denn damals hatte die koordinierte und strukturierte Weiter- und Fortbildung sehr oft noch keinen grossen Stellenwert in vielen Spitälern.
Wie soll sich das SIWF in den nächsten Jahren entwickeln – und wo möchten Sie im neuen Amt dafür ansetzen?
Nathalie Koch: Das SIWF leistet bereits heute sehr gute Arbeit als Qualitätsinstanz der Weiterbildungsstätten und mit seinem Weiterbildungsangebot zu Bildungsthemen. Diese Funktion als zentrale Anlaufstelle soll und wird es weiter pflegen. Es kann zudem ein Ansprechpartner für die Spitalleitungen sein und diese noch stärker dabei unterstützen, die Weiterbildung innerhalb der Institutionen zu entwickeln und ihren Wert hochzuhalten. Denn die Weiterbildung wird noch zu oft «nebenbei» von den Klinikerinnen und Klinikern geleistet, sie muss noch deutlich mehr Anerkennung und Raum erhalten, von den Spitalleitungen und an den Fakultäten. Wir müssen hier eine Gleichwertigkeit der Weiterbildung gegenüber der Forschungstätigkeit anstreben, die noch immer wichtiger ist für eine akademische Karriere als ein kompetentes und zuverlässiges Bildungsengagement für die aufstrebende Generation.
Barbara Schild: Idealerweise verfügt jede Disziplin in einer Institution offiziell über jemanden, der oder die zu einer vernünftigen Anzahl Stellenprozente für die Weiterbildung zuständig ist. Ich denke hier an Kanada, wo viele Kolleginnen und Kollegen bereits seit langem 50% klinisch und 50% in anderen medizinischen Bereichen tätig sind. Sei es in der Ethik, Forschung oder eben der Weiter- und Fortbildung. Meines Erachtens eine äusserst attraktive Kombination, welche die Motivation im Team enorm stärkt. Ich bin auch überzeugt, dass die begonnene Einführung der kompetenzbasierten medizinische Bildung (Competency Based Medical Education / CBME) in der Lehre die Weiterbildenden in ihrer wichtigen Aufgabe bestätigt und anspornt. Hier ist es also am SIWF, weiterhin intensiv dranzubleiben und seine zentrale Rolle als beratende und vernetzende Instanz wahrzunehmen, damit die Fachgesellschaften bei der Umstellung auf die EPAs (Entrusted Professional Activities) bestmöglich voneinander profitieren können. Dasselbe gilt für die Stärkung der Allgemeinen Lernziele in allen Disziplinen. Gute Ärztinnen und Ärzte brauchen neben ihrer fachlichen Qualifikation gleichermassen die häufig etwas vernachlässigten Kompetenzen in Kommunikation, interprofessioneller Zusammenarbeit oder Ethik, um nur drei zu nennen. Sie alle können wesentlich dazu beitragen, dass man als Ärztin, als Arzt seinem wunderbaren Beruf treu bleibt.

Neu im SIWF-Vizepräsidium

Die beiden neu gewählten Vizepräsidentinnen des Schweizerischen Instituts für ärztliche Weiter- und Fortbildung folgen auf Dr. med. Jean Pierre Keller, der nach 26 Jahren sein Amt weiterreicht. Dr. med. Nathalie Koch ist ärztliche Direktorin des Centre Neuchâtelois de Psychiatrie (CNP). Dr. med. Barbara Schild CAS medlaw wirkt als Medical Educator e collaboratrice in der Area Formazione et Ricerca Innovazione (AFRI) der Tessiner Spitalbehörde, als Dozentin und ärztliche Leiterin zweier Rettungsdienste der italienischen Schweiz.
1 Ehrenzeller C, Siragusa L. Präsenzunterricht oder Podcasts? Schweiz Ärzteztg. 2023;104(46):24 doi.org/10.4414/saez.2023.1277280163