Auf den Punkt

Numerus clausus könnte fallen

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Ausgabe
2024/1314
DOI:
https://doi.org/10.4414/saez.2024.1374301474
Schweiz Ärzteztg. 2024;105(13-14):8-9

Publiziert am 27.03.2024

Studium
Der Nationalrat hat eine Motion angenommen, die den Eignungstest ersetzen und die Zahl der Studienplätze erhöhen will. Mit dem Status quo ist kaum mehr jemand zufrieden. Nun liegt es am Ständerat, über die Motion zu entscheiden.
Mehr Studienplätze und weniger Starthürden – damit will Nationalrat Benjamin Roduit dem Ärztemangel entgegenwirken.
© Péter Gudella / Dreamstime
Das Verdikt des Nationalrats zur Abschaffung des Numerus clausus war diesen Monat überdeutlich: 144 Parlamentarierinnen und Parlamentarier stimmten für die Motion von Mitte-Nationalrat Benjamin Roduit, der eine Änderung der Selektionskriterien für die Auswahl von Medizinstudierenden erreichen will [1]. Nur 43 Abgeordnete von der SVP-Fraktion waren gegen den Vorschlag [2]. Der Bundesrat hatte zuvor die Ablehnung des Geschäfts empfohlen. Vergangene Versuche, den Test abzuschaffen, scheiterten stets am Widerstand der Politik [3–5].
Diesmal liess sich die grosse Kammer aber von den Argumenten von Nationalrat Roduit überzeugen. Der ehemalige Rektor eines Walliser Gymnasiums führte die Zahlen der FMH an, wonach heute rund 40% der in der Schweiz arbeitenden Ärztinnen und Ärzte ihr Studium nicht in der Schweiz absolviert haben [6], was ein zu hoher Wert sei. Der Nationalrat kritisierte in der Debatte auch, dass wegen des Studienplatzmangels immer mehr Schweizer Studierende für das Medizinstudium nach Osteuropa ausweichen müssten, weil sie in der Schweiz nicht zugelassen würden. Er sei empört über die unglaublich hohe Durchfallquote beim Medizinertest, so Roduit in der Debatte mit Bundesrat Parmelin.

Veränderte Vorzeichen

Tatsächlich erhalten heute rund 65% aller Schweizer Jugendlichen, die Medizin studieren wollen, keinen Studienplatz [7]. Dabei wären laut Roduit viele von ihnen fähig, das Studium zu absolvieren und gute Ärztinnen und Ärzte zu werden, die das Land dringend brauche. Roduit forderte deshalb gleichzeitig auch eine Erhöhung der Anzahl Studienplätze. Das letzte Wort zum Geschäft hat nun der Ständerat, der demnächst über die Motion abstimmen wird.
Die Parlamentarierinnen und Parlamentarier der kleinen Kammer sind gegenüber dem Vorschlag zur Abschaffung des Numerus clausus traditionell kritischer eingestellt als die Abgeordneten des Nationalrats. Bei der letzten Abstimmung 2011 scheiterte der Vorschlag der damaligen Nationalrätin Brigitte Häberli-Koller am Ständerat [8]. Doch diesmal sind die Vorzeichen anders.

Vergangene Versuche, den Numerus clausus abzuschaffen, scheiterten stets am Widerstand der Politik.

Der Ärztemangel hat sich nochmals zugespitzt und die COVID-Pandemie hat der Bevölkerung klargemacht, wie akut die Lage im Gesundheitswesen zurzeit ist. Zudem gibt es mit Brigitte Häberli-Koller neuerdings eine Ständerätin, die sich für das Anliegen stark einsetzen wird – und mit Marco Chiesa sogar einen Ständerat der SVP, der sich in der Vergangenheit mit einer Interpellation für die Abschaffung des Numerus clausus starkgemacht hatte [9]. Gut möglich, dass der scheidende Parteichef der SVP zumindest im Ständerat seine Partei umstimmen wird.

Ärzteschaft für neues Verfahren

Wirklich zufrieden mit dem Numerus clausus ist heute kaum mehr jemand. Swissuniversities, die Organisation, welche die Durchführung des Tests verantwortet, will den Test inhaltlich nicht verteidigen und verweist auf einen sieben Jahre alten Beschluss der Schweizerischen Hochschulkonferenz, wonach manche Universitäten auch künftig auf den Numerus clausus setzen wollen. Seit dieser Entscheidung haben sich die Selektionsmethoden für Medizinstudierende aber international verändert.
Die FMH positionierte sich bereits vor sieben Jahren gegen den Numerus clausus. «Der heutige Eignungstest greift eher zu kurz: Er prüft die kognitiven Fähigkeiten und trifft keine Aussagen über die später im Beruf wichtigen Fähigkeiten wie Sozialkompetenz und emotionale Intelligenz», stellt FMH-Präsidentin Yvonne Gilli fest. Sie setzt sich deshalb für ein neues zweistufiges Verfahren ein, bei dem zusätzlich Situational Judgement Tests und Multiple Mini-Interviews eingeführt werden sollen [10].
Die Hauptursache für den Hausärztemangel und die Probleme bei der Gesundheitsversorgung ist laut Gilli aber nicht der Numerus clausus. Sondern die zu geringe Zahl an Studienplätzen für zukünftige Medizinerinnen und Mediziner. Gilli fordert deshalb, dass Ärztinnen und Ärzte zukünftig wieder vermehrt in der Schweiz ausgebildet werden. Die Chancen, dass die Politik diesmal für das Anliegen Gehör findet, stehen besser denn je.