Ärztliche Expertise abseits des Spitalbetts

Ärztliche Expertise abseits des Spitalbetts

Hintergrund
Ausgabe
2024/1920
DOI:
https://doi.org/10.4414/saez.2024.1387559744
Schweiz Ärzteztg. 2024;105(19–20):

Publiziert am 08.05.2024

Beruf weit denken
Viele Medizinerinnen und Mediziner liebäugeln mit der Aufgabe ihrer ärztlichen Tätigkeit. Dabei findet, wer den Beruf weiter denkt, eine Vielzahl an Möglichkeiten, die ärztliche Expertise auch ausserhalb der Patientenbetreuung sinnstiftend einzusetzen. Drei Ärztinnen berichten, welche Wendung ihre Karriere nach dem Medizinstudium genommen hat.
Die Zahlen der FMH lassen aufhorchen: Rund zehn Prozent der jährlich ausgebildeten Ärztinnen und Ärzte geben ihre kurative Tätigkeit auf [1]. Und laut dem Verband der Medizinstudierenden swimsa denkt heute bereits ein Drittel aller Medizinstudierenden über einen solchen Berufsausstieg nach [2]. Die Gründe sind vielfältig und reichen von Unzufriedenheit wegen der hohen Arbeitsbelastung, über mangelnde Vereinbarkeit mit der Kinderbetreuung zu Ärger über Arbeitsinhalte. Manchmal merken Medizinerinnen und Mediziner aber auch einfach, dass die Tätigkeit in einem anderen Berufsfeld besser zu ihrem persönlichen Lebensweg passt.
Das sorgt bei manchen für erhitzte Gemüter, wie ein viel diskutierter Gastkommentar in der NZZ Anfang Jahr zeigte: Zwei emeritierte Professoren fordern darin, dass alle, die nicht Vollzeit in der Klinik arbeiten, einen Teil der Ausbildungskosten zurückzahlen sollen [3]. Denn das Studium koste die Allgemeinheit enorm viel Geld, deshalb solle sogar Teilzeitarbeit aufgrund von Mutter- oder Vaterschaft für Ärztinnen und Ärzte finanzielle Konsequenzen haben.
Die Forderung lässt ausser Acht, dass nicht klinisch tätige Ärztinnen und Ärzte nicht einfach «verloren» gehen. Viele von ihnen setzen ihr Studium abseits des Krankenbettes zum Wohl der Gesellschaft ein. Sei es in der Pharmaindustrie, der Versicherungsbranche oder an einem ganz anderen Ort. Im Folgenden erzählen drei Ärztinnen, die ihren Platz im Untersuchungszimmer aus unterschiedlichsten Gründen eingetauscht haben, was sie ausserhalb der Klinik bewirken.
Dr. med. Katharina Gasser ist General Managerin von Roche Pharma Schweiz.

«Die Pharmaindustrie braucht zwingend Ärztinnen und Ärzte»

Die Personalstruktur der Spitäler hat sich in den letzten 30 Jahren verändert: Wurden Kliniken früher meist von Chefärztinnen und Chefärzten im Nebenamt geführt, sind viele Spitaldirektorinnen und -direktoren heute Ökonominnen und Ökonomen. Die Entwicklung hat zur Folge, dass Spitäler heute wirtschaftlicher geführt werden als früher, mehr nach ökonomischen Prinzipien. In der Führungsetage fehlt dadurch Know-how aus dem medizinischen Alltag.
In einem bestimmten Teil des Schweizer Gesundheitssystems gilt dieser Trend allerdings weniger – bei den grossen Pharmaunternehmen haben auch heute noch diverse Ärztinnen und Ärzte Führungsfunktionen inne. Zum Beispiel Katharina Gasser, die als General Managerin das Schweiz-Geschäft von Roche Pharma leitet. Die Zugerin ist die erste Frau an der Spitze von Roche Pharma Schweiz und ursprünglich eine klinisch arbeitende Ärztin. Nach dem Medizinstudium an den Universitäten Freiburg und Bern sowie einem Nachdiplomstudium in Humanernährung an der ETH Zürich arbeitete sie als Assistenzärztin auf der Geriatrie und Inneren Medizin..
Es geht auch ohne MBA
«Ich habe mich zu der Zeit schon sehr für Forschung interessiert und auch selbst als Investigator Studien geleitet», berichtet Katharina Gasser. Dieses Interesse habe dazu geführt, dass sie sich immer mehr auf die Möglichkeiten der pharmazeutischen Forschung fokussiert habe. Deshalb wechselte sie als Medical and Regulatory Advisor zum britischen Arzneimittelhersteller GSK. Von da folgte bald ein Job bei Novartis und ein beispielhafter Aufstieg auf der Karriereleiter des Schweizer Pharmaunternehmens. Nach einem kurzen Umweg über Management-Positionen bei einem kleineren Biotechunternehmen und Biogen folgte dann 2022 der Wechsel an die Spitze von Roche Pharma Schweiz.
All das gelang Katharina Gasser ohne einen Master of Business Administration (MBA), welcher für viele Medizinerinnen und Mediziner als der einfachste Weg gilt, wenn sie im Management von Gesundheitsinstitutionen Karriere machen wollen. «Ich habe während meiner Arbeit ständig ‘on the job‘ gelernt», erklärt Katharina Gasser ihren Werdegang. «Es gab intern immer wieder hervorragende Weiterbildungsmöglichkeiten, zum Teil in Zusammenarbeit mit Top-Universitäten wie Harvard.» Davon habe sie profitiert, und schliesslich auch einen CAS-Lehrgang in General Management der Rochester-Bern Business School absolviert, um den formalen theoretischen Hintergrund fürs Wirtschaftliche zu vertiefen.
«Junge Ärztinnen und Ärzte müssen nicht zwingend einen MBA absolvieren, wenn sie in Administration oder Management Karriere machen wollen», sagt Gasser. Es brauche jedoch die Bereitschaft, sich Businessthemen anzueignen. Sie ist überzeugt, dass diverse Teams bessere Resultate liefern – zu dieser Diversität gehören auch Unterschiede bei der Ausbildung. Besonders für Unternehmen aus der Pharmabranche heisst das, dass Ärztinnen und Ärzte auch im Management vertreten sind, wo in anderen Branchen eher Ökonominnen und Ökonomen gut vertreten sind. «Die Pharmaindustrie braucht zwingend diese Ärztinnen und Ärzte, weil sie den klinischen Alltag und die Sorgen der Patienten kennen», erklärt Katharina Gasser.
Würde es wieder so machen
Sie selbst bemerkt bei der Arbeit täglich, wie sehr ihr das Studium noch heute hilft. «Ich kann zum Beispiel Studienprotokolle und -resultate schnell und einfach selbst interpretieren und kenne die Sorgen der Ärzteschaft, wenn es um die Zulassung von neuen Medikamenten geht», resümiert die Managerin und Ärztin. Sie würde deshalb nochmals den genau gleichen Karriereweg einschlagen – inklusive klinischer Jahre nach dem Studium. «Es ist mir ein Anliegen, dass junge Ärztinnen und Ärzte direkt ab Staatsexamen von diesen Arbeitsmöglichkeiten wissen», sagt Gasser.
Dr . med. Martina Frei ist Medizinjournalistin.

«Es klappt nur mit Überzeugung und Idealismus»

Manche Ärztinnen und Ärzte finden nach dem Studium ein Fachgebiet, das sie so sehr packt, dass sie es in all seinen Facetten erforschen wollen. Für andere, wie Martina Frei, war das zu eintönig. Die Wissenschaftsredaktorin und ehemalige Kolumnistin des Tages-Anzeigers wusste zwar schon früh, dass sie Medizin studieren wollte – was sie auch tat. Sie erkannte nach dem Studium allerdings schnell, dass die Spezialisierung in einem Fachgebiet und die damit verbundene Aufgabe von anderen wissenschaftlichen Interessen nicht in ihren Lebensplan passte.
«Ich hatte immer ein sehr breites Interesse», erklärt Frei rückblickend. «Dazu kam, dass ich im klinischen Alltag nicht alles gut für die Patienten fand», sagt die heute 59-jährige Journalistin. Besonders in Erinnerung geblieben sei ihr, dass man damals sehr viel grosszügiger als heute Antibiotika verschrieb. «Ich hatte aber in der Klinik selbst gesehen, dass das nicht immer nötig war», sagt Frei. Die Richtlinien seien damals jedoch interventionistischer gewesen. Sie habe deshalb ihren Fokus von kurzen Anamnesen, wie sie im klassischen Arztberuf üblich sind, abgewandt und mehr das Interessenfeld verfolgt, von dem die meisten Ärzte seinerzeit nichts wissen wollten: die Homöopathie, welche viel ausführlichere Erstgespräche macht.
Wechsel von Klinik zu Forschung
Frei arbeitete in der Folge mehrere Jahre am Berner Institut für Komplementäre und Integrative Medizin. Was die Homöopathie betraf, kam sie zu zwei Schlüssen: Erstens erlebe man in der homöopathischen Praxis immer wieder erstaunliche Dinge. Zweitens spiele der Placeboeffekt eine grosse Rolle, umso mehr, weil auch der Arzt, die Ärztin selbst davon überzeugt sei. Leider habe der Bund beim «Programm Evaluation Komplementärmedizin» den Vorschlag der homöopathischen Ärztinnen und Ärzte nach einer grossen, randomisierten Vergleichsstudie mit der allopathischen Medizin nicht aufgegriffen. «Dort hätte man die Methode auf den Prüfstand stellen können», sagt sie.
Obwohl Martina Frei mit ihrer Arbeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin zufrieden war, gab es da noch einen Wunsch, den sie seit Mitte der 1980er Jahre hegte. Also wagte sie 2001 abermals einen Schritt in eine ganz andere Richtung und liess sich an der Ringier-Journalistenschule zur Journalistin ausbilden. Nach einem Praktikum beim Tages-Anzeiger erhielt sie dort eine Stelle als Redaktorin.
Kein X für ein U vormachen
Rund 20 Jahre schrieb Frei in der Folge für den «Tagi» und die Sonntagszeitung. «Während dieser Zeit habe ich miterlebt, wie im Journalismus immer mehr Stellen abgebaut wurden», erzählt Frei, die heute hauptsächlich für die Online-Zeitung Infosperber schreibt. Dabei sei ein Problem, dass heute mehr und mehr die Expertise für Wissenschaftsthemen auf Seiten der Journalistinnen und Journalisten fehle: «Wenn Sie Medizin studiert haben, kann man Ihnen weniger leicht ein X für ein U vormachen, wenn es um die Berichterstattung über ein komplexes medizinisches Thema geht.» Als ausgebildete Ärztin könne man neue Studien auch besser einschätzen als jemand, der nicht vom Fach sei, so Frei.
«Aus meiner Sicht ist es aber auch ein Problem, dass sich die meisten Wissenschaftsjournalisten heute eher als Science Writers anstatt als Journalisten sehen», sagt Frei. Denn das wiederum führe dazu, dass sie zu wohlwollenden Partnern von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern würden, die sich einbinden liessen und deren Einschätzung unkritisch übernähmen. Dabei sollte guter Wissenschaftsjournalismus investigativ sein und gesellschaftliche Debatten anregen, statt einfach nur neue Forschungserkenntnisse zu erklären.
Es helfe deshalb beides, um Medizinjournalismus zu machen – sowohl eine medizinische als auch eine journalistische Ausbildung, sagt Frei, die mit ihrer Berufswahl bis heute sehr zufrieden ist. «Man muss sich dabei aber im Klaren sein, dass das Ansehen von Journalisten in der Gesellschaft weit unter jenem von Ärzten steht – genauso wie der Lohn.» Es brauche als Journalistin deshalb eine Portion Überzeugung und Idealismus.
Dr. med. Sabine Ackermann Rau, MPH ist Analystin Medizinisches Underwriting bei Sanitas.

«Ich wollte mehr eigene Ideen verfolgen»

Wer die Berufsbezeichnung von Sabine Ackermann Rau liest, denkt im ersten Moment nicht an eine Ärztin. Dabei könnte sie ihren Beruf ohne das Wissen und die Fähigkeiten aus ihrer Facharztausbildung nicht ausüben. Ackermann Rau stellt für die Krankenversicherung Sanitas unter anderem sicher, dass beim Abschluss einer Zusatzversicherung in der Folge keine erhöhten Kosten entstehen, welche vom gesamten Versicherungskollektiv getragen werden müssen. In diesem Rahmen schätzt sie die Risiken des Versicherns verschiedenster Krankheiten ein.
«Diese vielseitige Aufgabe lässt sich nur im Team bewältigen», erklärt Sabine Ackermann Rau. Um die für die Risikoeinschätzung notwendigen Daten zu definieren und die Rahmenbedingungen für neue Versicherungsangebote mitzugestalten, arbeitet die Ärztin viel mit Datenanalysten, Aktuaren und Produktentwicklern, aber auch mit anderen Bereichen zusammen. Nur so liessen sich Rahmenbedingungen für Versicherungslösungen definieren, die für die Versicherten attraktiv seien, gleichzeitig aber auch garantieren würden, dass die Versicherung ihr Leistungsversprechen gegenüber den Versicherten einhalten könne. «Dieser Aspekt meiner Arbeit als Analystin Medizinisches Underwriting gefiel mir von Anfang an», sagt Ackermann Rau. Während ihrer Zeit in der Klinik habe ihr dieser intensive Austausch in einem Team gefehlt. Denn schlussendlich verbringe man in den Spitälern die meiste Zeit eben doch mit einer Patientin oder einem Patienten allein.
Das grosse Ganze sehen
In den 2000er Jahren wechselte Ackermann vom Spitalalltag zum Telemedizin-Anbieter Medi24. Sie gehörte zu den ersten Ärztinnen, welche die telefonische Erstabklärung mit Triage in die Schweiz brachten. «Zu der Zeit herrschte bei Medi24 eine Startup-Stimmung, und die Arbeit war sehr spannend», sagt Sabine Ackermann Rau. Ihr sei dabei aber auch klar geworden, dass die Arbeit im klassischen Arztberuf viel mit dem Einhalten von Regeln zu tun habe. «Es geht in der Klinik immer darum, eine Behandlung nach den aktuell gültigen Guidelines anzustreben – tut man das nicht, können im schlimmsten Fall sogar rechtliche Konsequenzen drohen.» Das passte nicht zur Lebenseinstellung von Sabine Ackermann Rau. Sie wollte eigene Ideen verfolgen und vom ärztlichen Alltag einen Schritt zurücktreten, um den Horizont auf weitere für die Gesundheit der Bevölkerung und das Funktionieren des Gesundheitswesens zentrale Gebiete auszudehnen.
Also liess sich die heutige Versicherungsspezialistin nach dem Abschluss des Master of Public Health am Institut für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Bern zur Fachärztin für Prävention und Public Health ausbilden. «Mich interessieren Gesundheit und Medizin mehr aus der Vogelperspektive, wenn man plötzlich die allen Vorgängen zugrundeliegenden epidemiologischen Gesetzmässigkeiten sieht», erklärt Ackermann Rau.
Sinnhaftigkeit ist wichtig
Vielen sei nicht klar, dass ein Medizinstudium nicht nur den Ausgangspunkt einer klinischen Arbeit am Patientenbett darstellen könne. «Dabei beeinflussen die Erkenntnisse aus dem Bereich Epidemiologie und Public Health die Gesundheit der Bürgerinnen und Bürger auch abseits des Krankenbetts erheblich. Beispielsweise wenn sie sich an den Empfehlungen für einen gesunden Lebensstil orientieren, Impfempfehlungen folgen, Screening-Angebote nutzen oder Informationen zu Nutzen und Risiken von Abklärungen und Behandlungen erhalten», sagt die Fachärztin für Prävention und Public Health.
Ihren heutigen Job im strategischen Underwriting möchte Sabine Ackermann Rau nicht mehr missen. «Das Kreative und Innovative an dieser Arbeit bei einer Versicherung ist für mich sehr erfüllend», sagt sie. Mit ihrer Arbeit könne sie zudem dafür sorgen, dass die Gleichbehandlung der Versicherten und die Einhaltung des Leistungsversprechens für das Versicherungskollektiv auch über einen langen Zeithorizont gewährleistet seien.
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