… schreiten wir zum Äussersten: Sprechen wir miteinander!

… schreiten wir zum Äussersten: Sprechen wir miteinander!

Leitartikel
Ausgabe
2024/1920
DOI:
https://doi.org/10.4414/saez.2024.1398517296
Schweiz Ärzteztg. 2024;105(19–20):

Publiziert am 08.05.2024

FMH-GGK
Die FMH hat als neues Instrument zur Begutachtung von medizinischen Zwischenfällen das Gemeinschaftliche Gutachterkonsilium eingeführt. Dieses beruht anstatt schriftlicher Verfahren auf der mündlichen Klärung im direkten Kontakt mit allen Beteiligten.
Wenn ich in meiner kaderärztlichen Funktion im Spital an den Rapporten oder der Chefvisite bisweilen darunter litt, dass vor allem über Bildgebung oder Labordiagnostik diskutiert wurde, sagte ich jeweils: …schreiten wir zum Äussersten: untersuchen wir die Patientin respektive den Patienten! Damit richtete ich den Fokus wieder hin zu den Problemen und Herausforderungen, welche unsere Mitmenschen dazu bringen, unsere Hilfe und Unterstützung zu suchen und ordnete der bestimmt nicht zu vernachlässigenden apparativen Diagnostik ihre Rolle zu. Denn gerade im Kontext der Untersuchung ergibt sich zwangsläufig ein Gespräch über die für beide Seiten wesentlichen Elemente. Wir kommen dabei nicht umhin, einander zuzuhören und aufeinander einzugehen.
Wo gearbeitet wird, passieren Fehler. Wie gehen wir damit um? Leben wir den mittelalterlichen Ansatz, wo das Köpfen des Überbringers einer schlechten Nachricht zu einer gewissen Entlastung führte, jedoch bestimmt mehr negative Nebenwirkungen als positive Wirkungen hatte? Oder schaffen wir es, eine Kultur zu entwickeln, wo ein Aufeinander-Zugehen, Offenheit und Vertrauen ein ehrliches Aufarbeiten von Sachverhalten und Umständen erlauben, ohne als erstes den Fehler, die Schuldige oder den Schuldigen suchen zu wollen? Wenn wir auch hier ein Gespräch wagen und uns nicht hinter schwer verständlichen Formalismen verstecken, dann kommen wir diesem Ziel näher.

Schaffen wir es, eine Kultur zu entwickeln, wo ein Aufeinander-Zugehen die Mauer schwer verständlicher Formalismen überwindet?

Mit dem neu eingeführten Instrument des FMH-Gemeinschaftlichen Gutachterkonsiliums wollen wir diesen Weg gehen. Wir müssen dabei auch den Mut haben, Dinge auszuprobieren: Welche Fall-Konstellationen, welche Fragestellungen, welche Rahmenbedingungen erweisen sich als geeignet für dieses neue Instrument? Die individuellen Faktoren in Form der Persönlichkeiten aller Beteiligter sind dabei nicht zu unterschätzen! Auch reichen schriftliche Darlegungen, wie wir sie vom herkömmlichen Erstellen von Gutachten her kennen, alleine nicht mehr aus. Es bedarf der mündlichen Erklärung im direkten Kontakt mit allen Beteiligten. Die dabei unweigerlich im Raume stehenden, oder besser gesagt mit am Tisch sitzenden Emotionalitäten benötigen ihren Stellenwert, ihre Einordnung und ihren Raum. Rückfragen müssen beantwortet werden können, bis schliesslich die gutachterlichen Fragen für alle verständlich und nachvollziehbar beantwortet sind.

Ein Gespräch kann vieles klären

Ich erinnere mich noch gut an eine Situation in meiner versicherungsmedizinischen Tätigkeit, in der es darum ging, den unfallkausalen Gesundheitszustand einer versicherten Person zu beurteilen. Eine alltägliche Sache, wenn nicht herausfordernde Begleitumstände zur wirklichen Herausforderung geführt hätten. Aufgrund ihrer Herkunft und ihres soziokulturellen Hintergrunds war es für die betroffene Person nicht zuletzt auch sprachlich schwierig, unser Sozialversicherungssystem zu verstehen und ihre konkrete Situation darin zu verorten. Wüste Auseinandersetzungen, vorwiegend auf formal schriftlicher Ebene, waren die Folge. Und schliesslich soll die Medizin für Klärung sorgen. Ich habe für diese Konsultation sehr viel Zeit budgetiert und auch eine professionelle Übersetzung organisiert. Beides hat zur Beruhigung der Situation beigetragen. In aller Sorgfalt und schrittweise habe ich sowohl Medizin wie auch Sozialversicherungssystematik erklärt, übersetzen lassen und das Verstehen mittels Kontrollfragen überprüft. Auch wenn schliesslich das Resultat bezüglich Aussicht auf zukünftige Versicherungsleistungen nicht viel versprechen konnte, ist das Gespräch klärend und ruhig verlaufen. Zum Schluss habe ich die Person, zu welcher ich in diesem längeren Gespräch eine gute Basis aufbauen konnte, noch auf die aktenkundigen weniger erfreulichen Interaktionen angesprochen. Die Person bedauerte diese Umstände sehr, es war ihr peinlich. Sie begründete dies jedoch damit, dass sie nun endlich verstanden habe, wie das System in unserem Land funktioniere und sie könne dies so auch akzeptieren. Schliesslich war dieses Gespräch, wenn auch sehr aufwändig, eine durchwegs lohnende Investition, denn damit konnte ich eine sich administrativ und auch emotional noch viel aufwändiger gestaltende aus dem Ruder laufende Situation beruhigen.

Das FMH-Gemeinschaftliche Gutachterkonsilium baut auf die mündliche Erklärung im direkten Kontakt mit allen Beteiligten auf.

Aber eigentlich müssen wir gar nicht über die Landesgrenzen hinaus Ausschau halten, um den Bedarf und das Potential klärender Gespräche zu sehen. Bereits die Erklärung des Unterschieds zwischen einer Komplikation und einem Schaden resultierend aus einer Sorgfaltspflichtsverletzung ist schwierig genug zu verstehen auch ohne sprachliche oder soziokulturelle Hürden.
Hier lesen Sie den interessanten Bericht der Leiterinnen der FMH-Gutachterstelle über dieses wertvolle Projekt. Im Artikel legen Caroline Hartmann und Valérie Rothhardt dar, worum es im FMH-Gemeinschaftlichen Gutachterkosilium geht, wo die Vorteile liegen, welche Ziele verfolgt werden und welche Fälle sich besonders eignen.

Das Potential klärender direkter Gespräche liegt auf der Hand und damit so nahe.

Ich danke unseren Mitarbeitenden unserer Gutachterstelle sowie all unseren Mitgliedern, welche sich hier Zeit nehmen und sich engagieren für unsere Patientinnen und Patienten – gerade wenn es einmal nicht so rund läuft.
Christoph Bosshard Dr. med., Vizepräsident der FMH, Departementsverantwortlicher Daten, Demographie und Qualität