FMH-Gemeinschaftliches Gutachterkonsilium

FMH-Gemeinschaftliches Gutachterkonsilium

Aktuell
Ausgabe
2024/1920
DOI:
https://doi.org/10.4414/saez.2024.1407382813
Schweiz Ärzteztg. 2024;105(19–20):

Affiliations
a Rechtsanwältin, Co-Leiterin der Gutachterstelle
b Dr. iur., Rechtsanwältin, Co-Leiterin der Gutachterstelle

Publiziert am 08.05.2024

Mündliche Begutachtung
Bei einem medizinischen Zwischenfall ist eine Begutachtung zur Sachverhaltsklärung und Vermeidung eines Haftpflichtprozesses von zentraler Bedeutung. Das FMH-Gemeinschaftliche Gutachterkonsilium als mündliche Begutachtung gilt seit dem 1. Januar 2024 als fester Bestandteil des FMH-Begutachtungsverfahrens.
Die medizinische Begutachtung stellt in Arzthaftungsprozessen einen zentralen integralen Bestandteil dar. Nur die Medizinerin und der Mediziner als Fachexpertin und Fachexperte kann eine medizinische Sachverhaltsklärung tätigen. Die Juristin und der Jurist wird diese Schlussfolgerungen ihrer respektive seiner rechtlichen Beurteilung zu Grunde legen [1].
Seit 1982 organisiert die FMH-Gutachterstelle gemeinschaftliche aussergerichtliche Gutachten. Dabei beurteilt die medizinische Expertin oder der medizinische Experte, ob die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt sorgfältig behandelt hat und falls nein, ob dies zum Gesundheitsschaden der Patientin oder des Patienten geführt hat.
2019 hat die FMH-Gutachterstelle das FMH-Gemeinschaftliche Gutachterkonsilium (FMH-GGK) zusätzlich zum schriftlichen Begutachtungsverfahren als Pilotprojekt, und seit dem 1. Januar 2024 definitiv im Reglement der FMH-Gutachterstelle eingeführt [2].

Das FMH-GGK

Das FMH-GGK stellt ein flexibles Modell für eine aussergerichtliche, mündliche Sachverhaltsklärung und Beantwortung medizinischer Fragestellungen in Arzthaftpflichtfällen dar [3].
Vereinfacht gesagt handelt es sich um eine mündliche Begutachtung am runden Tisch. Wie beim schriftlichen Gutachten werden auch hier ausschliesslich die ärztliche Sorgfaltspflichtverletzung, der Gesundheitsschaden und die Kausalität beleuchtet. Der Unterschied zur schriftlichen Begutachtung besteht darin, dass alle Beteiligten direkt einbezogen werden und ihre Fragen in einem offenen und transparenten Verfahren der medizinischen Expertin oder dem medizinischen Experten stellen können. Damit können Missverständnisse vermieden und Unklarheiten geklärt werden.

Mit einem FMH-GGK wird das medizinische Schicksal der Patientin oder des Patienten gesehen.

Ein grosser Vorteil des FMH-GGK besteht wie beim schriftlichen FMH-Begutachtungsverfahren darin, dass die Parteien sich auf eine von einer medizinischen Fachgesellschaft nominierte Gutachterin oder einen Gutachter einigen, womit es sich um eine gemeinsame Expertin respektive einen gemeinsamen Experten handelt. Dies fördert die Akzeptanz der medizinischen Beurteilung.
Durch den Einbezug aller Parteien bei der mündlichen Besprechung stehen diese im Mittelpunkt. Das menschliche Schicksal der Patientin oder des Patienten sowie die Erlebnisse der Ärztin oder des Arztes stehen im Vordergrund. Nicht nur rechtliche und medizinische Elemente spielen eine Rolle, auch menschliche und emotionale Aspekte finden Berücksichtigung.

Welche Fälle eignen sich?

Es gibt keine genau festgelegten Kriterien, um zu bestimmen, in welchen Fällen ein Gemeinschaftliches Gutachterkonsilium angezeigt ist, aber aus der Erfahrung heraus lassen sich gewisse Elemente ableiten.
Sachverhalt und Dokumentation müssen klar und vollständig sein. In der Tat würden zu viele Ungewissheiten hinsichtlich des Ablaufs der Behandlung zu einer ungenauen und schwer zu strukturierenden Diskussion führen, die den Parteien kaum dienlich wäre.
Für einen konstruktiven Austausch am runden Tisch ist es entscheidend, dass die Parteien gewillt sind, die Streitigkeit gütlich beizulegen und sich respektvoll und offen zeigen. Somit wäre eine zu konfliktgeladene Situation, die Diskussionen ausschliesst, für eine mündliche Begutachtung nicht geeignet.

FMH-GGKs dienen dazu, langwierige Rechtsstreitigkeiten zu vermeiden und unterstützen eine aussergerichtliche Streitbeilegung.

Schliesslich spielen die Kompetenzen der Expertin oder des Experten eine grosse Rolle, zumal ihrer oder seiner medizinischen Einschätzung bezüglich des Behandlungsverlaufs eine zentrale Rolle bei der Diskussion zukommt. Die Expertin oder der Experte muss nicht nur über die entsprechenden wissenschaftlichen Kenntnisse, sondern auch über die notwendige Neutralität verfügen. Ausserdem muss die Fachperson bereit sein, in Anwesenheit der Ärztin oder des Arztes, von der oder dem die Behandlung veranlasst wurde, und der Patientin oder des Patienten, die oder der die Behandlung erhalten hat, klar Stellung zu beziehen. Weiterhin tragen Empathie der Expertin oder des Experten sowie die Bereitschaft zuzuhören zum Gelingen des runden Tisches bei. Die Gutachterstelle informiert die Expertin oder den Experten genau über den Auftrag und begleitet sie oder ihn bei der Vorbereitung des runden Tisches.

Ziele eines FMH-GGK

Wie bei einem schriftlichen Gutachten besteht auch bei einem FMH-Gemeinschaftlichen Gutachterkonsilium das Ziel darin, den Parteien bei einem Arzthaftpflichtfall eine medizinische Darlegung des Sachverhalts zu liefern. Das Gutachten zeigt im konkreten Fall auf, ob eine Behandlung fachgemäss durchgeführt wurde, und sollte dem nicht so sein, ob der Patientin oder dem Patienten daraus ein Gesundheitsschaden entstanden ist.
Zwei weitere Ziele, die den Mehrwert des Gemeinschaftlichen Gutachterkonsiliums ausmachen, sind die Berücksichtigung des emotionalen Aspekts der Situation sowie die verbesserte Verständigung zwischen Medizin und Recht.
Das mündliche Verfahren bietet den Patientinnen und Patienten die Möglichkeit, über den eigenen schmerzhaften Krankheitsverlauf zu sprechen, der häufig nicht vollständig verstanden wurde, und der Expertin oder dem Experten Fragen zu stellen. Auf der anderen Seite muss sich die Ärztin oder der Arzt angesichts der Anschuldigung, der Sorgfaltspflicht nicht genügt zu haben, einer schwierigen Situation stellen [4]. Der runde Tisch bietet hier die Gelegenheit, die eigene Sichtweise darzulegen und die therapeutischen Entscheidungen zu erläutern.

Bei einem medizinischen Zwischenfall ist die Ärztin oder der Arzt das zweite Opfer.

Zudem fördert das Gemeinschaftliche Gutachterkonsilium den interdisziplinären Austausch zwischen Medizinerinnen und Medizinern und Juristinnen und Juristen. Die Juristinnen und Juristen, die die betreffende Haftpflichtversicherung und die Patientin beziehungsweise den Patienten vertreten, sind Teil des runden Tisches und können sich somit rückversichern, die Erklärungen der Expertin oder des Experten korrekt verstanden zu haben. So lassen sich strittige Fragen diskutieren und präzise und unmittelbar klären.

Erfahrungen

Seit Einführung des Pilotprojektes konnten mehrere FMH-GGKs in der Deutschschweiz und Romandie durchgeführt werden.
Die damit betrauten Gutachter haben die Fälle medizinisch beurteilt und die Fragen der Parteien professionell beantwortet. Einige Fachpersonen, die erstmals bei einem FMH-GGK teilnahmen, konnten sich von der Fundiertheit dieses Modells überzeugen. Von den Parteien geschätzt wurde insbesondere auch die Protokollierung, welche zukünftig weiterhin in Form eines Beschlussprotokolls angeboten wird.
Die Möglichkeit der Patientin oder des Patienten, sich von einer Vertrauensperson an den runden Tisch begleiten zu lassen, wurde mehrmals wahrgenommen. Dies dient der Unterstützung der Patientin oder des Patienten, sei es zur Konkretisierung des Sachverhaltes, oder auch – und dies ist von grosser Bedeutung – als emotionale Stütze. Diese mögliche Begleitung durch eine Vertrauensperson wird beibehalten und von der FMH-Gutachterstelle unterstützt.
Die Parteien erhielten während der Pilotphase die Möglichkeit, sich zur Organisation und Durchführung der FMH-GGKs zu äussern. Die Rückmeldungen sind bei der definitiven Einführung des FMH-GGK im Reglement mit dem neuen Art. 14 bestmöglich berücksichtigt worden.

Ausblick

Die Durchführung eines FMH-GGK erfordert von allen Parteien Respekt, Empathie, Wohlwollen und die Bereitschaft, sich auf eine aussergerichtliche Einigung einzulassen. Der emotionale Aspekt, welcher in schriftlichen Verfahren verloren geht, soll im mündlichen Verfahren Platz finden.
Die FMH-Gutachterstelle legt grossen Wert darauf, dass sich Ärztinnen und Ärzte mit Patientinnen und Patienten mittels einem FMH-GGK aussergerichtlich einigen können, damit langwierige und emotionale Prozesse vermieden werden. Dabei ist nicht nur eine gute Vorbereitung, sondern auch eine neutrale und strukturierte Moderation von grosser Wichtigkeit.
Um das Ziel der aussergerichtlichen Einigung zu fördern, erhalten die Parteien nach Beendigung des runden Tisches zukünftig die Möglichkeit, vor Ort zu einer Fallabschlussdiskussion zusammenzukommen. Den Parteien können in Absprache mit der FMH-Gutachterstelle im Anschluss an das FMH-GGK weitere Austauschmöglichkeiten, wie zum Beispiel eine Mediation, angeboten werden. Die FMH-Gutachterstelle erwägt im Einzelfall, welcher Rahmen angezeigt und zielführend ist.

Mit einer Mediation wird eine Kommunikationsebene geschaffen, in welcher «Schuld» und «Haftung» im Hintergrund stehen.

Mit einer Mediation wird eine Kommunikationsebene zwischen Ärztin oder Arzt und Patientin oder Patient geschaffen, in welcher «Schuld» und «Haftung» im Hintergrund stehen. In einem geschützten Rahmen wird die Patientin und der Patient, sowie auch die Ärztin und der Arzt als Mensch wahrgenommen und gehört. Den Parteien wird es zudem ermöglicht, mit der «Fehlerkultur» offen umzugehen. Die Parteien haben dabei die Möglichkeit, emotionale Aspekte zu verarbeiten, neue Perspektiven des Gegenübers wahrzunehmen, zu verstehen und gemeinsam eine zukunftsorientierte Lösung zu erarbeiten, was auch darin bestehen kann, gemeinsam einen Abschluss auf emotionaler Ebene zu finden.
Wir sind überzeugt, dass mit einer guten Kommunikationsbasis zwischen Patientin oder Patient und Ärztin oder Arzt Streitigkeiten beigelegt werden können und freuen uns, die Parteien zukünftig mit FMH-GGKs in Richtung aussergerichtliche Streitbeilegung begleiten zu können.

Vorteile des FMH-GGK auf einen Blick

  • Parteien stehen im Mittelpunkt
  • Fragen können der medizinischen Expertin oder dem medizinischen Experten direkt gestellt werden
  • Interdisziplinärer mündlicher Austausch zwischen Juristen und Mediziner
  • Höhere Akzeptanz der medizinischen Beurteilung
  • Kürzere Verfahrensdauer
lex[at]fmh.ch
1 Yvonne Bollag, Iris Herzog-Zwitter. Das Gemeinschaftliche Gutachter-Konsilium – Innovative Ansätze in der Arzthaftung. HAVE/REAS 1/2013: S. 76.
2 Das Gemeinschaftliche Gutachter-Konsilium wurde 2012 von der Academy of Swiss Insurance Medicine (asim) als neue Form der Begutachtung aufgenommen. Vgl. Yvonne Bollag, Iris Herzog-Zwitter. Das Gemeinschaftliche Gutachter-Konsilium – Innovative Ansätze in der Arzthaftung. HAVE/REAS 1/2013: S. 76. Iris Herzog-Zwitter, Yvonne Bollag. Gemeinschaftliches Gutachterkonsilium im Haftpflichtrecht, insbesondere im Arzthaftungsrecht – ein innovativer Ansatz. HAVE 2017, Personen-Schaden-Forum 2017: S. 67 ff.
3 Caroline Hartmann. HAVE. Arzthaftpflicht 2019. Beiträge zur Tagung vom 22. Oktober 2019 in Luzern: S. 197 f.
4 David Schwappach, Marc-Anton Hochreutener, Nicoletta von Laue, Olga Frank. Täter als Opfer. Schriftenreihe Patientensicherheit Schweiz, 2011, Nr. 3
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