Leitmotiv Liebe

Leitmotiv Liebe

Reportage
Ausgabe
2024/2728
DOI:
https://doi.org/10.4414/saez.2024.1408848778
Schweiz Ärzteztg. 2024;105(27–28):16-20

Publiziert am 17.07.2024

Hospiz
Viele Menschen mit einer terminalen Krankheit möchten ihre letzten Tage zu Hause verbringen. Deshalb bietet das Maison de Tara im Kanton Genf eine Alternative zum Spitalaufenthalt und begleitet Menschen bis zu ihrem letzten Atemzug. Ein Einblick.
Die Berge über dem Genfersee sind mit einem weissen Schleier überzogen. Mitte April fallen diese Farbkontraste besonders ins Auge. In der im Grünen gelegenen Gemeinde Chêne-Bougeries bei Genf scheint das Maison de Tara im Einklang mit der Natur zu erwachen. Zu dieser Ruhe trägt ein Garten im angelsächsischen Stil direkt neben der ehemaligen Arztpraxis bei.
Beim Eintreten empfängt einen eine ganz andere Atmosphäre. Es herrscht rege Betriebsamkeit. Mehrere Frauen gehen mit einem Lächeln ihrer Arbeit nach, in einem Ambiente, das sich wohltuend von herkömmlichen Palliativpflegeeinrichtungen abhebt. Sie alle sind ehrenamtlich tätig. «Hallo, ich darf einen Tag lang Gast sein im Maison de Tara», sage ich. Nach der Begrüssung durch die Leiterin Sabine Murbach tauschen wir uns kurz bei einem Kaffee im Speisesaal aus: «Wir sind ein nicht medikalisiertes Haus und betreuen zu 99% Menschen mit onkologischen Erkrankungen. Diese erhalten eine Pflege, die mit häuslicher Pflege vergleichbar ist. Wir haben mehr als hundert Freiwillige. Alle absolvieren oder haben bereits eine einjährige Ausbildung in der Begleitung von Menschen am Lebensende absolviert», erklärt sie, bevor sie zu einem Gespräch mit einer potenziellen neuen freiwilligen Mitarbeiterin aufbricht.
Die gemütliche Umgebung und der englische Garten sorgen dafür, dass sich die Bewohner wie zu Hause fühlen.
Das überschaubar angelegte Hospiz besteht aus vier Einzelzimmern, die ausgestattet sind mit Pflegebetten, Alarmmatten, Zustellbetten für Angehörige sowie anderen Annehmlichkeiten. «Einige bringen sogar ihre Möbel, Wandbilder und andere persönliche Gegenstände mit. So fühlen sie sich wie zu Hause», erklärt Astrid, Massagetherapeutin und ehrenamtliche Helferin seit 2011, als das Maison de Tara eröffnet wurde.

Alle Zimmer sind ausgebucht

Zwei Zimmer befinden sich im Erdgeschoss, zwei weitere im Obergeschoss. Diese sind dank Treppenlift zugänglich. Alle Betten sind belegt: «Im ersten Stock befindet sich seit Ende vergangenen Jahres Ginette*. Sie hat sich von ihren Angehörigen verabschiedet und isst und trinkt seit fast einer Woche nicht mehr. Im zweiten Zimmer des Obergeschosses wohnt seit vier Tagen Alexandre*, ein Mann in den Vierzigern, der an einem Hirntumor leidet. Sein Zustand verschlechtert sich. Im Erdgeschoss befinden sich Suzette*, eine Seniorin, die an Lungen- und Darmkrebs mit Lebermetastasen leidet, und Jean-Paul*, der an einem Pleurakrebs erkrankt ist», erklärt Elisabeth, eine der drei von der Stiftung angestellten Pflegekoordinatorinnen.
Das Maison de Tara hat über 100 freiwillige Helfer. Jede und jeder von ihnen erhält eine Ausbildung zum pflegenden Angehörigen.
Jean-Paul erhält Besuch von einem Freund. Die beiden machen es sich im kleinen Aufenthaltsraum beim Eingang gemütlich und unterhalten sich. Direkt nebenan befindet sich das Zimmer von Suzette. Ein Mann betritt das Haus: «Guten Tag, ich bin der Sohn von Suzette.» Er besucht seine Mutter, wann immer er will – zu jeder Tageszeit. Nachdem er wieder gegangen ist, kommen zwei Ehrenamtliche zu Suzette und teilen ihr mit, dass bald Essenszeit ist. Die Frau klagt über Schmerzen unter der Brust und an der Hüfte. «Odile, kannst du mir helfen, Suzette umzulagern?», fragt Astrid. Alle Ehrenamtlichen kennen und beherrschen die im Umgang mit den Bewohnenden geltenden Vorsichtsmassnahmen. Die Kommunikation mit Suzette ist nicht einfach, sie wiederholt oft das Gleiche, was teilweise zu heiteren Unterhaltungen führt. Astrid versteht, dass die Unterwäsche zu eng sei. «Wir sollten ihren BH öffnen und vielleicht die Bügel aus der Unterwäsche entfernen. Es ist nicht das erste Mal, dass sie darüber klagt, dass es lästig sei», lässt Astrid ihre Kollegin wissen. Die rund fünfzig Ehrenamtlichen, die regelmässig im Einsatz sind, bilden eine zentrale Säule der Organisation. Eine ebenso wichtige Rolle spielen aber auch Mitarbeitende wie Nicolas, der Koch.

«Hier isst man à la carte»

Im Aufenthaltsraum verbreitet sich ein köstlicher Duft. Seit dem Morgen werkelt Nicolas in der Küche: «Ich habe heute Morgen ein paar Einkäufe erledigt, um sicherzustellen, dass in den nächsten Tagen nichts fehlt», erklärt er, während er liebevoll eine Gemüsesuppe zubereitet und die weiteren Menüs im Auge behält. Er verwöhnt die Bewohnerinnen und Bewohner kulinarisch und begleitet sie so auf seine Weise. «Ich könnte zum Beispiel keine Leichen waschen. Für so etwas bin ich zu sensibel.» Über seiner Arbeitsplatte hängen vier Zettel. Darauf stehen die Ernährungsvorlieben der Bewohnerinnen und Bewohner für alle Mahlzeiten. Beispielsweise möchte Jean-Paul zum Frühstück einen Obstsalat sowie einen Zwieback mit Marmelade. Weiter steht dort, dass er «alles isst» und cremige Speisen liebt, jedoch nur in kleinen Portionen. «Hier isst man à la carte, und das gefällt mir. Ich kann wie zu Hause meine Rezepte auf jede Person genau abstimmen», sagt der Koch.
Nach einem Spitalaufenthalt wegen Brustfellkrebs verschrieb das Universitätsspital Genf dem Bewohner Physiotherapie.
Derweil sind mehrere Ehrenamtliche zwischen Küche und Esszimmer unterwegs, um den Tisch zu decken. «Wir müssen den Tisch ausziehen, weil zwei Verwandte von Alexandre mitessen werden», sagt eine Ehrenamtliche. Flexibilität ist angesagt. Und Astrid ergänzt: «Wenn einer unserer Bewohnenden während des Aufenthalts im Tara plötzlich unbändige Lust auf Burger bekommt, gehen wir Freiwilligen los, um einen zu kaufen. Einmal wollte ein junger Bewohner einfach mal raus, er hielt es im Haus nicht mehr aus. Ein Ehrenamtlicher holte extra sein Cabrio, um ihn vor der Kulisse des Sonnenuntergangs einen Burger essen zu lassen», erzählt sie heiter, bevor sie zur Dienstübergabe muss.

Eine Gemeinschaftsaufgabe

Jeden Tag um 12.30 Uhr trifft sich eine der drei Pflegekoordinatorinnen mit den Freiwilligen, um alle von der Nachtwache, der Verwalterin und den Freiwilligen vom Morgendienst gesammelten Informationen auszutauschen. An der von Elisabeth geleiteten Dienstübergabe nehmen Astrid und das dreiköpfige Nachmittagsteam teil. Es ist ein tägliches Ritual, eingeleitet vom Gong einer kleinen tibetischen Klangschale und einem Moment der Besinnung.
Da das ablösende Team den vor vier Tagen in Tara eingetroffenen Alexandre noch nicht kennt, geht Elisabeth detailliert auf dessen Anamnese ein, unterlässt aber auch die Besprechung von Gesundheitszustand und Stimmung der anderen Bewohnenden nicht. Thematisiert werden die Vorerkrankungen und medizinischen Bedürfnisse des Mittvierzigers sowie sein gesamter sozialer und familiärer Hintergrund. «Alexandre kam direkt vom Universitätsspital Genf und wird zu seiner palliativen Chemotherapie regelmässig dorthin gehen. Er hat fortschreitende Gedächtnisstörungen, Gleichgewichts- und Tonusverluste. Zudem hat er ein Problem mit dem Sehen; bedingt durch seinen Tumor sieht er auf dem rechten Auge doppelt, was die Sturzgefahr erhöht. Man muss bei seiner Mobilisation also sehr vorsichtig vorgehen, insbesondere beim Hoch- und Hinunterfahren der Treppe mit dem Lift», warnt Elisabeth.
Die Dienstübergabe ist ein tägliches Ritual, eingeleitet vom Gong einer kleinen tibetischen Klangschale und einem Moment der Besinnung.
Es folgt eine soziobiografische Beschreibung, «die es unseren Ehrenamtlichen ermöglicht, den Bewohner besser zu verstehen, und ihnen die entscheidenden Soft Skills liefert.» Denn um die Bewohnerinnen und Bewohner in ihrer letzten Lebensphase zu begleiten, habe im Maison de Tara die soziale Kompetenz denselben Stellenwert wie die palliativpflegerische Zuwendung und Fachkompetenz, erklärt Elisabeth. «Wir sind Teil ihres Alltags und übernehmen in ihrer Begleitung die Rolle pflegender Angehöriger. Wir vereinen fachliche mit sozialer Kompetenz, also Empathie, Zugewandtheit und Respekt vor der Person.»
Ginettes Pflegerin unterbricht die Sitzung, um kurz über einen Eingriff zu berichten. «Fühlt sie sich jetzt wohl?», fragt Elisabeth. «Nein, sie hat nicht mit mir gesprochen, sie will nicht antworten, aber ich konnte die ärztlich verordneten Therapien und die notwendigen pflegerischen Massnahmen durchführen.» Die Pflegerin ist Mitarbeiterin bei der Sitex, einem Dienstleister für die häusliche Betreuung Schwerkranker, der in direktem Kontakt mit jedem der behandelnden Ärztinnen und Ärzte der Bewohnenden steht. «Die Ärzte sind in der Regel auf Palliativpflege spezialisiert», sagt Elisabeth, bevor sie die Dienstübergabe abschliesst.

Wie zu Hause

«Im Grunde läuft es bei uns wie in der Pflege zu Hause», sagt Elisabeth. Die Pflegefachpersonen der Grundversorgungseinrichtungen kämen durchschnittlich dreimal pro Woche, die ärztlichen Betreuenden einmal pro Woche, alle zwei Wochen oder in noch grösseren Abständen. Alles hängt von der Entwicklung des Gesundheitszustands der betroffenen Person ab. «Die Ärzte werden in der Regel auf Veranlassung der Pflegefachpersonen beigezogen, im Fall einer deutlichen Verschlechterung aber auch durch uns.» Für den Fall einer Verschlechterung des Gesundheitszustands verfügt das Haus über zwei Apotheken mit dem Notwendigen, um vor der Intervention des ärztlichen oder des Pflegefachpersonals für Linderung zu sorgen.
Die ganzheitliche Begleitung ermöglicht, Lücken in der ambulanten häuslichen Pflege zu schliessen.
Schlussendlich ist es eine Gemeinschaftsaufgabe: «Wir sind die Augen und Ohren der Ärzteschaft», betont denn auch die Leiterin Sabine Murbach, und stellt klar: «Tara existiert auch dank des Versorgungsnetzes, der Hausbesuche und der guten Verfügbarkeit von Fachärztinnen und Fachärzten; ich denke insbesondere an die ‘Groupe genevois de médecins pratiquant les soins palliatifs’. Nur dank dieser Zusammenarbeit können wir diese Einrichtung und somit eine entsprechende Lebensumgebung anbieten. Wir haben viel Glück.»

Eine ganzheitliche Begleitung

Auch Alexandres Ehefrau Annita* gibt an, Glück im Unglück zu haben: «Es bräuchte mehr Häuser wie Tara», sagt sie mit tränenerstickter Stimme. «Das ist ein Gottesgeschenk, denn in Genf gibt es nicht viele solcher Lösungen.» Eine Pflegehelferin habe der Familie vorgeschlagen, für ihren Mann einen Platz im Maison de Tara zu suchen. «Mit unserem kleinen Kind und ohne fremde Hilfe kam ich körperlich und psychisch nie zur Ruhe.» Das Hospiz sei eine Alternative für Menschen, die weder im Spital noch zu Hause bleiben könnten, biete aber auch eine Erleichterung für die Angehörigen, ergänzt Leiterin Sabine Murbach. Dass rund um die Uhr jemand da ist und sich kümmert, beruhigt Annita: «Mein Mann geht auf sein Ende zu. Was soll ich tun? Da geht es nicht ums Geld, sondern um die Liebe und Unterstützung, die man hier findet.»
Nicolas verwöhnt die Bewohnerinnen und Bewohner kulinarisch und begleitet sie so auf seine Weise.
Insgesamt kristallisiert sich aus diesen Gesprächen die ganzheitliche Begleitung als Leitmotiv heraus. Eine Form der Versorgung, die laut Elisabeth heute immer wichtiger wird, da «sie es ermöglicht, insbesondere den neuen sozialen und familiären Gegebenheiten Rechnung zu tragen, die beispielsweise durch Isolation, Scheidungen und die Alterung der Bevölkerung entstehen». Und sie ermöglicht, Lücken in der ambulanten häuslichen Pflege zu schliessen [1].
Auch Jean-Paul erklärt sich nach dem Mittagsschlaf bereit, über seine Erfahrungen zu sprechen. Es sei nun eine Woche her, dass er für seine letzte Lebensphase ins Tara gekommen sei. «Am Universitätsspital Genf habe ich erfahren, dass die Leute hier sehr sensibel auf die Anliegen und Bedürfnisse der Bewohner eingehen. Deshalb bin ich zu einer Besichtigung gekommen, und die Umgebung hat mir sehr gut gefallen. Es erinnert an ein Bed and Breakfast. Übrigens veranstalte ich demnächst mit einem grossen Kreis von Freunden einen zünftigen Grillabend im Garten.» Obwohl ihn bisweilen die täglich wechselnden neuen Freiwilligen verunsichern würden, spart Jean-Paul nicht mit Lob für die Organisation des Hauses: «Unter menschlichen und wirtschaftlichen Gesichtspunkten ist das ein sehr intelligentes Konzept. Wir sind wenige Bewohner, haben grosszügige Privatbereiche, und die Kosten sind dank der privaten Mittel sehr günstig. Einen solchen Rahmen findet man im Service Public nicht, dort geht alles hektisch zu», meint er abschliessend, bevor er zu einer ärztlich verordneten Physiotherapie-Sitzung auf sein Zimmer zurückkehrt.
* Name geändert

Das Haus zieht um

Das Maison de Tara hat seine Türen Ende Mai geschlossen und wird im September – immer noch in Chêne-Bougeries – wieder öffnen. Die Gemeinde habe stets versichert, diese anerkannte gemeinnützige weltliche Stiftung im Ort behalten zu wollen, erklärt die Leiterin Sabine Murbach. Seit Jahren stellt die Gemeinde die heutigen Räumlichkeiten unentgeltlich zur Verfügung. Sie finanziert einen Baukredit in Höhe von 2,5 Millionen Franken. Zur Information: Die medizinische Versorgung wird von der Krankenkasse erstattet; die Pensionskosten belaufen sich auf 80 Franken pro Tag.
1 Koechlin S. Mehr als bloss Händchen halten und Morphin verabreichen. Schweiz Ärzteztg. 2024;105(17-18):18-21. www.swisshealthweb.ch/de/article/doi/saez.2024.1401664363/

Mit der Kommentarfunktion bieten wir Raum für einen offenen und kritischen Fachaustausch. Dieser steht allen SHW Beta Abonnentinnen und Abonnenten offen. Wir publizieren Kommentare solange sie unseren Richtlinien entsprechen.