Passende Wirtschaftstheorie für das Gesundheitswesen gesucht

Forum
Ausgabe
2024/23
DOI:
https://doi.org/10.4414/saez.2024.1439710073
Schweiz Ärzteztg. 2024;105(23):21

Publiziert am 05.06.2024

Buchbesprechung
Welche Rolle soll der Ökonomie in der Medizin zukommen? In der zweiten Ausgabe der Schriftenreihe «Von der Aufgabe, auf der Seite des Lebens zu stehen» der Hippokratischen Gesellschaft Schweiz wird dieser Frage nachgegangen. Johannes Irsiegler hat die Broschüre rezensiert.
Ein Spital ist keine Autofabrik, deshalb müssen andere wirtschaftliche Prinzipien gelten.
© Tudor Vintiloiu / Dreamstime
Trotz der offensichtlichen negativen Folgen wird die Ökonomisierung im Gesundheitswesen weiter vorangetrieben. Deren Vorgaben bestimmen immer mehr unsere ärztliche Tätigkeit. Damit beschäftigt sich das Heft «Von der Aufgabe, auf der Seite des Lebens zu stehen – Beiträge zur Ökonomisierung der Medizin, Teil 1» der Hippokratischen Gesellschaft Schweiz.

Wie viel Finanzierung braucht es?

Im Mittelpunkt des Hefts steht ein Interview mit der Basler Gesundheitsökonomin Mascha Madörin. Sie begründet, warum die wichtigste Ausgangsfrage der Gesundheitspolitik nicht lauten dürfe, ob wir im Gesundheitswesen sparen können, sondern wie viel Finanzierung es bedarf, «damit im Gesundheitswesen gut gearbeitet werden kann, eine menschenfreundliche Grundversorgung garantiert und ein gleicher Zugang für alle zu den medizinischen Errungenschaften des Gesundheitswesens gewährleistet ist». Frau Madörin zeigt, warum die steigenden Gesundheitskosten nichts mit mangelnder Effizienz des Personals zu tun haben, wie dies die Politik behauptet. Denn der Gesundheitssektor sei ein arbeitszeitintensiver Wirtschaftsbereich, in dem die Lohnkosten den Grossteil der anfallenden Gesundheitskosten ausmachten. Diese liessen sich aber nicht einfach senken, wenn wir eine gute Qualität behalten wollen. Ein Spital sei keine Autofabrik, in welcher der technische Fortschritt mehr Produktion in weniger Zeit ermögliche. Zum Beispiel könne man trotz des zunehmenden medizintechnischen Fortschritts nicht «schneller» pflegen. Somit sei die Zunahme der Gesundheitskosten ein politisches Problem. Dieser Gedanke sollte Ausgangspunkt aller weiteren Diskussionen über das Gesundheitswesen sein.
In den letzten Jahren dominieren entweder neoliberale Ideen von Privatisierung, Deregulierung und Gewinnoptimierung oder staatliche Top-down-Eingriffe den gesundheitspolitischen Diskurs, was zum Beispiel zur Einführung von Fallpauschalen geführt hat. Jedoch könne man «für die in jedem Fall individuell aufgewendete Zeit keine Pauschale berechnen», denn Behandlung und Pflege seien neben medizintechnischen Anwendungen immer auch eine Begegnung von Menschen. Damit würden Tendenzen gefördert, «demokratische Entscheidungen über das Gesundheitswesen möglichst abzuschaffen, komplizierte politische Debatten zu vermeiden und … so ein technokratisch-bürokratisches Top-down-Management im Gesundheitswesen zu etablieren». Solche politischen Eingriffe hebeln die demokratische Kontrolle über das Gesundheitswesen aus.
Frau Madörin fordert daher, dass es eine für das hiesige Gesundheitswesen passende Wirtschaftstheorie brauche. In ihrer Theorie einer «Caremedizin» schlägt sie Wege vor, die unbedingt breiter diskutiert werden müssten.

Ökonomie dient Medizin – nicht andersrum

Der zweite Text des Hefts, der 2017 von der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin veröffentlichte «Ärzte Kodex – Medizin vor Ökonomie», kommt zu ähnlichen Folgerungen wie Frau Madörin. Er fordert, die Ökonomie müsse der Medizin dienen und dürfe nicht die medizinischen Entscheidungen dominieren. Die Stellungnahme der Schweizerischen Gesellschaft für Allgemeine Innere Medizin SGAIM vom 8. Juli 2021 hat sich dieser Grundhaltung angeschlossen.
Es gilt, unser sehr gutes Gesundheitswesen zu erhalten und zu schützen und nicht durch falsche ökonomische und politische Theorien zu gefährden.
Dr. med. Johannes Irsiegler, Zürich
Von der Aufgabe, auf der Seite des Lebens zu stehen – Beiträge zur Ökonomisierung der Medizin, Teil 1
Hippokratische Gesellschaft Schweiz
Sirnach: IPHG; 2023
Die Broschüre kann unter hgs.ch[at]gmx.ch oder Hippokratische Gesellschaft Schweiz, Wingertweg 3, 7215 Fanas bezogen werden.

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