In memoriam: Walter Irniger (1933–2024)

Forum
Ausgabe
2024/21
DOI:
https://doi.org/10.4414/saez.2024.1466982421
Schweiz Ärzteztg. 2024;105(21):24-25

Publiziert am 22.05.2024

Nachruf
Im Januar 2024 hat uns ein weiteres Urgestein der Schweizer Allgemeinmedizin verlassen. Der Hausarzt Dr. med. Walter Irniger verstarb im Alter von 90 Jahren. Mit unermüdlichem Engagement hat er die Entwicklung und das Gesicht der Allgemeinmedizin in der Schweiz geprägt. Seine Weggefährten nehmen Abschied.
1967 übernimmt Walter Irniger die Nachfolge seines Vaters als Dorfarzt im ländlichen Urnäsch, wo er aufgewachsen ist. Seine breite Ausbildung inklusive internistischer Oberarzttätigkeit in den USA befähigen ihn, das grosse Spektrum der ärztlichen Gesundheitsversorgung einer Landbevölkerung zu bewältigen. 20 bis 40 Konsultationen pro Tag plus Hausbesuche sind die Regel, wie auch die ständige Erreichbarkeit, Tag und Nacht und das ganze Jahr hindurch. Zusätzlich hält er in Basel und Zürich Vorträge über Aspekte der Hausarztmedizin – für die Studierenden meist der einzige Einblick in die Realität ausserhalb der fakultären Spezialistenmedizin. Seine Praxis wird so zu einer idealen, wenn auch fordernden Umgebung für viele Medizinstudierende, welche im letzten Studienjahr eine Assistenzzeit oder gar Praxisvertretung in Urnäsch absolvieren können. Diese profitieren von den didaktischen Fähigkeiten von Walter, der das Praktikum klar strukturiert organisiert und viel Verantwortung überträgt. Als einfühlsamer Arzt, genauer Untersucher und belesener Mediziner ist er für viele ein lebenslanges Vorbild.

1977 gründet er die SGAM

1977 gründet Walter Irniger mit Gleichgesinnten die Schweizerische Gesellschaft für Allgemeinmedizin (SGAM), übernimmt im Vorstand das Ressort Aus- und Weiterbildung und motiviert Kollegen zur Gründung von Dozentengruppen an den Fakultäten. Dies führt in Bern ab 1978 zu Gruppenunterricht in der Hausarztpraxis, zur Schaffung des Kollegiums Hausarztmedizin an der medizinischen Fakultät und letztlich zur Etablierung eines Blockkurses in hausärztlichen Praxen. Diese Initiativen finden an den übrigen Fakultäten Nachahmung und sind als Vorläufer der heutigen universitären Institute für Hausarztmedizin anzusehen. Regelmässig publiziert er Artikel über die speziellen Aspekte medizinischer Problemlösung sowie über organisatorische Fragen in der Allgemeinpraxis. Er ist gern gesehener Referent an in- und ausländischen Fortbildungsveranstaltungen.

Als aktives Mitglied der Schweizer Delegation an der WHO Weltkonferenz 1978 wirkt er an der Deklaration von Gesundheit als Menschenrecht mit.

Walter Irnigers grösster standespolitischer Erfolg ist es, gegen vielseitigen Widerstand die Berücksichtigung der spezifischen Belange der Allgemeinmedizin in das eidgenössische Medizinal-Prüfungsreglement zu erreichen. Letzteres hat zum Ziel, «dass die Ausbildung der Medizinstudenten vermehrt auf die Bedürfnisse der praktischen ärztlichen Tätigkeit ausgerichtet wird». In der erarbeitenden 36-köpfigen Expertenkommission ist kein einziger Hausarzt vorgesehen, der Einsitz muss erst mühsam erkämpft werden. Die in den Vernehmlassungsentwurf aufgenommenen Postulate der SGAM werden aber aus der Schlussfassung gestrichen und die Verordnung ohne diese der zuständigen Parlamentskommission vorgelegt. Eine intensive politische Interventionskampagne mit Information aller Mitglieder der zuständigen ständerätlichen Kommission führt 1981, zur Konsternation des anwesenden Bundesrates, zur Rückweisung des Verordnungsentwurfs – ein seit Jahrzehnten einmaliger Vorgang. Die nachfolgende politische Arbeit bringt die Aufnahme der SGAM-Postulate in der Verordnung und die Festschreibung koordinierter Lehrveranstaltungen über Allgemeinmedizin ins Curriculum – die gesetzliche Grundlage zur Gründung der universitären Institute für Hausarztmedizin. All diese Erfolge sind nur dank grosser Unterstützung von vielen engagierten Hausärzten aus der ganzen Schweiz möglich.

Gesundheit als Menschenrecht

Walter Irniger ist auch aktiv an der Organisation der gesamtschweizerischen hausärztlichen Fortbildung beteiligt, insbesondere im Rahmen der Aroser Ärztekongresse für Hausarztmedizin, wie auch an Veranstaltungen im deutschsprachigen Ausland. Als aktives Mitglied der Schweizer Delegation an der WHO Weltkonferenz 1978 in Alma Ata wirkt er an der Deklaration von Gesundheit als Menschenrecht und von primärer Gesundheitsversorgung als Schlüsselkonzept mit. Die Internationale Gesellschaft für Allgemeinmedizin (SIMG) verleiht ihm später für seine Verdienste als höchste mögliche Auszeichnung für Allgemeinmediziner die Hippokrates Medaille, die SGAM ernennt ihn 1987 zum Ehrenmitglied.
Walter Irnigers gesellschaftliches Engagement reicht weit über die Medizin hinaus. Er ist Kommandant einer Sanitätsabteilung und Stabsoffizier, wo von Untergebenen seine pragmatische Lösungsorientierung abseits reglementhöriger Denkweise geschätzt wird, und wirkt in kulturellen Institutionen seines Kantons mit. Eine Herzensangelegenheit ist das Projekt, der Öffentlichkeit den Zugang zu einem der Gemeinde geschenkten grossen Nachlass an appenzellischen Kulturgütern zu ermöglichen. Die Suche nach Finanzierung, der Kauf und Umbau eines alten Hauses im Dorfzentrum, das Ordnen und Katalogisieren der Exponate absorbieren über Jahre Zeit und Kraft. 1976 wird das Appenzeller Brauchtumsmuseum in Urnäsch eröffnet, wo es heute noch mit anhaltend grossem Erfolg Besucher in die Volkskultur des Kantons einführt

Die Pensionierung und Praxisübergabe 1997 verbindet Walter Irniger mit einem Rückzug aus allen medizinischen Tätigkeiten und Verantwortungen.

Alle diese Verpflichtungen sind nur möglich dank der immensen Unterstützung seiner Ehefrau und Kinder sowie durch die Entlastung seines nach langen Jahren der Suche 1979 gefundenen Praxispartners Erhard Taverna.

Im Ruhestand widmet er sich der Kunst

Die Pensionierung und Praxisübergabe 1997 verbindet Walter Irniger mit einem Rückzug aus allen medizinischen Tätigkeiten und Verantwortungen. Endlich kann er seine schon in der Mittelschulzeit geweckte künstlerische Ader entfalten und ausleben. Seine Produktivität findet in zahlreichen Ausstellungen seiner Bilder Niederschlag, letztmals 2022 im Brauchtumsmuseum. Dies ist zusammen mit dem im gleichen Jahr geschenkt erhaltenen Bürgerrecht der Gemeinde Urnäsch ein Ausdruck seiner tiefen Verwurzelung im Heimatdorf.
Seine Bilder bringen auch Farbe ins Alters- und Pflegezentrum Urnäsch, wo er, eingeschränkt durch seine fortschreitende Parkinsonerkrankung, die letzten 6 Jahre verbringt. Seine Wohnpartner sind häufig ehemalige Mitschülerinnen oder Patienten, das Personal Kinder oder Enkel derselben, der betreuende Arzt sein Praxisnachfolger. So findet das übervolle Leben eines ausserordentlich engagierten Menschen, eines vorbildlichen Hausarztes, eines prägenden Lehrers, Mitstreiters und Freundes in heimischer Umgebung ein friedvolles Ende.
Dr. med. Dr. hc. M. Röthlisberger, Arosa
Prof. em. Dr. med. B. Horn, Interlaken
Dr. med. J. Gubler, Winterthur
Irniger, Walter:
Vor genau 20 Jahren: Parlamentarische Notintervention der SGAM zugunsten der allgemeinmedizinischen Postulate für das neue Prüfungsreglement. Fast ein Krimi. Schweizerische Ärztezeitung 2001;82(7): 354-358