Zwölf Jahre im Zentralvorstand – ein Rückblick

Zwölf Jahre im Zentralvorstand – ein Rückblick

Aktuell
Ausgabe
2024/23
DOI:
https://doi.org/10.4414/saez.2024.1470468698
Schweiz Ärzteztg. 2024;105(23):28-32

Affiliations
Expertin Kommunikation FMH

Publiziert am 05.06.2024

Rücktritt und Ausblick
Seit zwölf Jahren ist Urs Stoffel Mitglied des Zentralvorstands der FMH. Bei den FMH-Gesamterneuerungswahlen am 6. Juni wird er sich nicht mehr zur Wahl stellen. Ein standespolitisches Urgestein blickt zurück auf bewegte Jahre und wagt einen Ausblick.
Urs Stoffel, von Beruf Chirurg und bis vor Kurzem noch als Belegarzt tätig, war von 2002 bis 2014 Präsident der Ärztegesellschaft des Kantons Zürich (AGZ). 2006 war er Mitgründer der Konferenz der Kantonalen Ärztegesellschaften und von 2006 bis 2011 deren Co-Präsident. Im Zentralvorstand (ZV) der FMH, wo er seit 2012 Mitglied ist, verantwortete er zuerst das Departement «Digitalisierung/eHealth». Seit 2015 ist Urs Stoffel Departementsvorsteher des politisch hochbrisanten Departements «Ambulante Versorgung und Tarife». Aus der medizinischen Standespolitik ist er nicht wegzudenken. Doch er wird kürzer treten und den ZV verlassen. Im Gespräch mit Charlotte Schweizer spricht er über Höhen und Tiefen und hat auch bereits wieder neue Ideen, was er in der frei werdenden Zeit schaffen könnte.
Zwölf Jahre warst du Mitglied im Zentralvorstand der FMH. Wenn du nun zurückblickst, wie würdest du diese Zeit beschreiben?
Mit einem Wort gesagt, Achterbahn. Es waren sehr intensive zwölf Jahre. Sie waren geprägt von Hochs und Tiefs, von Druck und Hektik. Wir sind in diesem Job sehr stark fremdgesteuert. Das heisst, dass wir enorm häufig reagieren müssen, anstatt zu agieren. Wir müssen flexibel und agil sein. Man muss sich auf die verschiedensten Situationen sehr schnell einstellen. Aber als Chirurg war ich mir das über Jahre gewohnt. Über alles gesehen war es hochspannend und auch befriedigend. Aber es gab grosse Herausforderungen. Im Nachhinein möchte ich nichts missen. Jeder Tag hat neue Herausforderungen gebracht, was die Arbeit sehr abwechslungsreich und spannend machte.
Du gehst also mit einem lachenden und einem weinenden Auge?
Es gibt Dinge, die ich sehr vermissen werde, keine Frage. Es ist ein Abschiednehmen, insbesondere von meinem Team. Das war natürlich prägend. Auf der anderen Seite hat es immer wieder auch Aufgaben gegeben, wo man sich gesagt hat, muss das jetzt auch noch sein. Im Privatleben muss man definitiv viel opfern. Weil Dinge anstehen, die man nun halt einfach machen muss, weil wir rasch und flexibel reagieren müssen, um die Stimme der Ärztinnen und Ärzte effektiv einzubringen. Da gibt es schon Momente, wo man sich sagt, es wäre schön, jetzt ein bisschen mehr Zeit zu haben.
Urs Stoffel blickt auf die vergangenen 12 Jahre zurück. Fazit: «Im Nachhinein möchte ich nichts missen.»
Was wird dir am meisten fehlen?
Das ist sicher die Zusammenarbeit mit meinem Team in Olten. Und natürlich auch im ZV. Auch im ganzen Generalsekretariat mit allen Mitarbeitenden, mit den Kolleginnen und Kollegen. Aber insbesondere mein Kernteam hier in Olten, das ist, denke ich, das beste Team, das man sich wünschen kann. In meinen zwölf Jahren hatte ich praktisch keine Fluktuation. Da wird man mit einem Team schon sehr vertraut. Und ohne Team geht nichts. Die Herausforderung, gemeinsam etwas auf den Boden zu bringen, ist spannend. Das wird mir sicher fehlen. Auch im ZV hatten wir in den zwölf Jahren eine gute Kontinuität. Wir hatten es immer sehr gut zusammen.
Gibt es etwas, das du gar nicht vermissen wirst?
Naja, wenn man auf dem Abgang ist, kann man sich provokative Ehrlichkeit vielleicht leisten. Nicht vermissen werde ich Sitzungen mit Bundesrat Alain Berset. Sie waren selten konstruktiv und vertrauensbildend. Immer wieder standen neue Forderungen an. Es kam sehr viel Kritik von Alain Berset an unserem standespolitischen Verhalten. Wenig von einer gemeinsamen Gestaltung. Fast jedes Mal ging man mit Kopfschütteln wieder raus. Das könnte ich vom Kontakt mit dem BAG nicht sagen, dort gab es doch auch immer wieder gute Erfahrungen, man hatte das Gefühl, dass ein Interesse da ist.

Ohne die Mitwirkung der Fachgesellschaften kann man keinen Tarif bauen, das ist eine Haupterkenntnis von mir.

Man hat den Eindruck, dass die Arbeitsbedingungen für den Arztberuf kontinuierlich schwieriger werden.
Schwierig ist es in diesem Beruf eigentlich immer. Damals, in meiner Assistenzzeit, standen die Arbeitszeiten im Vordergrund, es waren enorm hohe Stundenzahlen. Heute sind es die administrativen Aufgaben, sie haben massiv zugenommen. Die Arbeitszeiten sind immer noch hoch, keine Frage, diesen Beruf kann man nicht wählen, wenn man nine to five arbeiten möchte. Was sicher zunehmend schwieriger wird, sind die Rahmenbedingungen für die freie Berufsausübung. In der Wirtschaft versucht man, die Rahmenbedingungen attraktiv zu gestalten. Wenn man im Gesundheitswesen mit den administrativen Hürden so weiterfährt, dann werden jene, die schon 30, 40 Jahre im Beruf sind, sich sagen, das ist mir jetzt zu viel, dass muss ich mir jetzt nicht auch noch antun. Da werden wir ein grosses Problem haben, wenn es so weitergeht. Denn im Gesundheitswesen werden viele Leistungserbringer, eben die Babyboomer, in Pension gehen und somit als Fachkräfte ausfallen. Zugleich werden sie als ältere Menschen zu den Hauptbezügern von medizinischen Leistungen. Bei einem Fachkräftemangel verdoppelt sich so das Problem wie sonst in keiner anderen Branche. Wenn wir es nicht fertigbringen, dass die Grundversorger, aber auch Spezialisten, über 65 hinaus arbeiten, dann werden wir die Versorgung nicht mehr aufrechterhalten können. Das wird sehr, sehr schwierig werden.
Macht das auch die Arbeit im ZV schwieriger? Die Mitglieder sehen, die Rahmenbedingungen werden schwieriger, aber sie sehen nicht, wie es ausgesehen hätte, wenn die FMH sich nicht eingesetzt hätte?
Das ist so, ich habe auch ein gewisses Verständnis dafür. Wenn man von Morgen bis Abend in einer Praxis arbeitet und dann in den Medien mitbekommt, dass es wieder eine neue Auflage gibt, dass man sich da denkt, was machen die in der FMH eigentlich für uns? Wir zahlen ja Beiträge. Es ist wenig sichtbar, was wir machen und vor allem noch viel wichtiger, was wir vermeiden und vorbeugen. Aber das war ich mir schon gewohnt als Präsident der AGZ während zwölf Jahren. Man kann es auch mit der Präsenz einer Armee vergleichen, die Verhinderung eines Krieges ist auch ein Erfolg. Also dass man etwas bewahren kann und verhindert, dass es schlechter wird. Das ist eine sehr schwierige und langwierige Arbeit, die nach aussen kaum sichtbar ist, das ist keine glorreiche Positionierung. Aber mit dem muss man leben können.
Was würdest du sagen, war dein grösster Erfolg in deiner Zeit im ZV?
Wenn ich so zurückschaue sehe ich zwei Zacken. Nach dem Absturz des Tarifvorschlags im Jahre 2016 hat eigentlich niemand daran geglaubt, dass es möglich sein wird, dass die Ärzteschaft mit den Kostenträgern tatsächlich fertigbringt, einen neuen ambulanten Arzttarif zu erarbeiten. Dass es uns im 2019 doch gelungen ist, zumindest mit einem Teil der Tarifpartner einen neuen ambulanten Tarif einzureichen, das ist sicher der eine grosse Erfolg. Im 2016 ist man davon ausgegangen, wenn der Staat jetzt nicht eingreift, dann wird es nie und nimmer einen Tarif geben, der so wie es im KVG verankert ist, von den Leistungserbringern und Kostenträgern gemeinsam geschaffen ist. Als wir dann im Jahr 2020 mit Swica auch die Hürde der Mehrheit der Versicherer geschafft haben, da sagten viele, das ist unglaublich, das hätten wir nie, nie, nie gedacht. Das war ein toller Erfolg meines ganzen Teams, mit dem ZV, mit allen Beteiligten. Die Beharrlichkeit, nach dem Absturz wieder aufzustehen, dass ist der Erfolg.

In der Standespolitik sind wir stark fremdgesteuert und müssen häufig rasch reagieren, um unsere Stimme effektiv einzubringen.

Und der zweite Zacken?
Das war jetzt gerade, die Publikation des Bundesgerichtsentscheids über die berüchtigten Wirtschaftlichkeitsverfahren. Es war sehr schwierig, mit den Versicherern zusammen einen Konsens zu finden. Lange haben wir daran gearbeitet und für faire Beurteilungen gekämpft. Nun konnten wir vor Kurzem einen epochalen Erfolg verzeichnen. Nämlich, dass es Einzelfallanalysen braucht. Das hatten wir seit Jahren gefordert. Nun ist das mit dem Bundesgerichtsentscheid auf oberster Ebene bestätigt worden. Bei einer statistischen Auffälligkeit musste der Arzt bisher beweisen, dass er nicht unwirtschaftlich ist. Eine Screening-Methode kann aber nur statistische Auffälligkeiten hervorbringen, jedoch nie den Nachweis einer Unwirtschaftlichkeit. Neu muss mittels einer Einzelfallanalyse gezielt geprüft und vom Versicherer nachgewiesen werden, ob eine Überarztung vorliegt. Nach so vielen Jahren haben wir es geschafft, dass man Schuldigkeit beweisen muss und nicht einfach statistisch verurteilen kann. Ich bin sehr froh, dass wir mit der Anpassung des Vertrags drangeblieben sind gegen alle Widerstände, die sagten, dass wir den Vertrag künden sollten.
Auch hier Beharrlichkeit als Erfolg. Was war dein schwierigster Moment oder Rückschlag im ZV der FMH?
Das war definitiv die verlorene Urabstimmung im 2016, der Absturz des ambulanten Tarifs, der Tarvision, der gleichzeitig auch von den Versicherern, also von den Kostenträgern abgelehnt wurde. Das war eine ganz grosse Niederlage, wo wir einen Moment nicht wussten, wie es weitergehen soll. Ich muss dazu sagen, dass ich das Departement der ambulanten Tarife ja quasi über Nacht übernehmen musste und zwei Jahre ein Doppeldepartement geführt habe, also eHealth und ambulante Tarife. Dies weil der verantwortliche Ernst Gähler plötzlich verstorben war. Das war sehr tragisch, ein absoluter Tiefpunkt. Wir hatten eine Krisensitzung darüber, wer die ambulanten Tarife übernehmen könnte. Ich hatte einen gewissen Vorteil, da ich nicht auf dem geraden Wege Arzt geworden bin und es ein bisschen mit Zahlen konnte. Und ich hatte jahrelang Tarifverhandlungen für die AGZ geführt und hatte auch ein Mandat von der FMH, noch nicht im ZV, für die Umsetzung und Einführung des Tarmed 2004

Im Nachhinein möchte ich nichts missen. Jeder Tag hat neue Herausforderungen gebracht, was die Arbeit sehr spannend machte.

Warum dauert es so lange mit der Tarifrevision, warum ist es so kompliziert?
Es gibt sehr viele unterschiedliche, teilweise gegensätzliche Interessen, die man unter einen Hut bringen muss. Und seitens des Staates werden für die Lösung mehr Steine in den Weg gelegt, als geholfen, dass es zu einem Erfolg kommt.
Gibt es etwas, was die Ärzteschaft aus deiner Sicht besser machen könnte?
Ich habe damals beim ersten Tarifentwurf Tarvision die Einbindung der Basis unterschätzt. Die Fachgesellschaften und auch die kantonalen Ärztegesellschaften waren zu wenig eingebunden. Das war meine Haupterkenntnis. Ich hätte vielleicht härter durchgreifen müssen und sagen, wir gehen mit der Version noch nicht raus. Ich habe das Departement im 2015 übernommen, im 2016 war die verlorene Urabstimmung. Aber aus diesem Fehler haben wir gelernt und versucht, es besser zu machen und ich glaube, das ist uns auch gelungen. Ein grosses Kompliment an das Team, das nicht locker gelassen hat und wieder aufgestanden ist, um nochmals einen Anlauf zu nehmen. Hartnäckig und ohne sich beirren zu lassen nach der grossen Niederlage.
Nach seinem Rücktritt möchte Urs Stoffel gerne wieder mehr fotografieren.
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Niederlage als Chance zum Erfolg?
Die Erkenntnis, dass die Basis zu wenig eingebunden war, hat dazu geführt, dass wir uns bei der Neuaufgleisung gesagt haben, wir müssen die Fachgesellschaften wirklich to the ground einbinden. Wir haben es sogar vertraglich geregelt mit jeder Fachgesellschaft, dass sie am Schluss unterschreiben müssen, dass sie sich eingebracht haben und dass die Lösung für sie so okay ist. Wir haben ein oberstes Entscheidungsgremium geschaffen, ein «Cockpit», wo Ärzte für Ärzte umstrittene Entscheidungen fällen und wo alle vertreten sind, sogar zweimal, einmal über die Fachrichtung und einmal über die kantonale Gesellschaft. Im Nachhinein gesehen war das ein genialer Ansatz. Nur deshalb haben wir es geschafft, dass der TARDOC-Tarif mehrmals und in verschiedenen überarbeiteten Versionen praktisch einstimmig von der Delegiertenversammlung und der Ärztekammer genehmigt wurde. Ein grosses Kompliment an jene, die in diesem Cockpit sassen. Es gab viele, viele Sitzungen, schwierige Entscheidungen, teilweise gegen die eigene Basis, alle mussten Kompromisse eingehen, das war ganz, ganz schwierig, also Chapeau. Aber es ist eine Erfolgsstory, dass nicht ex cathedra entschieden wurde, sondern aus den eigenen Reihen. Meiner Meinung nach ist es genau das, was jetzt den Pauschalen um die Ohren fliegt. Sie haben datenbasiert Pauschalen erstellt und die Basis nicht eingebunden, ja nicht einmal angehört. Aber man muss diesen langwierigen und schwierigen Prozess der Konsensfindung gehen. Man muss die verschiedenen Interessen abholen, die fachspezifische Expertise einholen, das dauert. Genau deswegen wurde es bei den Pauschalen nicht gemacht.
«Fotografieren ist wie schreiben mit Licht, wie musizieren mit Farbtönen, wie malen mit Zeit und sehen mit Liebe.» Amut Adler, 1951.
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Wenn du auf die vergangenen zwölf Jahre zurückblickst, kommt dir etwas in den Sinn, was du heute gerne anders machen würdest, wenn du könntest?
Bei der Frage kommt mir ein Ereignis aus meiner frühesten Jugend in den Sinn. Das ist ja eine Frage, die man sich nicht nur über zwölf Jahre ZV, sondern generell im Leben immer wieder stellt: Würde ich es anders machen, wenn ich noch einmal könnte. Das ist eine uralte Frage. Ich hatte die Gelegenheit, als 16-Jähriger an der Premiere von Max Frischs Spiel «Biografie» dabei zu sein, da geht es genau darum: Ein Mann steht vor der Möglichkeit, alles noch einmal zu erleben und zu entscheiden, ob er es anders machen würde. Und am Schluss hat er nichts geändert. Er ändert tatsächlich nichts. Und das hat mich damals schon total fasziniert und ich habe mich immer wieder damit auseinander gesetzt. Würde man denn wirklich im Wissen, wie alles heute ist, plötzlich einen anderen Weg nehmen? Ich finde das Theaterstück von Max Frisch bis heute genial. Und ich bin effektiv nicht sicher, ob ich etwas anders machen würde. Wenn man weiss, wie es herausgekommen ist, und da hat es schlechte Sachen, die man hätte vermeiden können, aber es hat auch Sachen, die dann nicht eingetroffen wären, die aber auch fürs Leben wichtig waren. Also, ob man heute wirklich anders entscheiden würde, das ist eine grosse Frage.

An der Forderung, dass der TARDOC nun endlich eingeführt und der heillos veraltete Tarmed abgelöst wird, daran halten wir fest.

Als ich das Staatsexamen machte, hatten wir das Privileg, dass Max Frisch an der Staatsfeier die Laudatio hielt. Wir haben alle da gesessen, stolz waren wir, dass wir es geschafft hatten, jetzt haben wir es, dachten wir. Uns gehört die Welt. Max Frisch begann seine Rede mit den Worten: «Ich gratuliere Ihnen zu diesem grossen Erfolg. Aber solange Sie von einer Fakultät geprüft werden, sind Sie noch jung. Die echten Prüfungen werden vom Leben an Sie gestellt.» Die grossen Herausforderungen, ob du dich bewährst oder nicht, kommen später. Er hat uns brutal auf den Boden der Realität heruntergeholt und uns Demut gelehrt. Es war beeindruckend. Etwas, was ich im Leben nie vergessen habe. Einzigartig, die ganze Rede, sie wurde dann auch in der NZZ veröffentlicht.
Wagst du eine Prognose, über welchen Tarif werden die ärztlichen Leistungen im 2030 abgerechnet?
So wie ich es jetzt beurteile, wird abgerechnet werden mit medizinisch homogenen Pauschalen in Kombination mit dem Einzelleistungstarif TARDOC. Der Einzelleistungstarif wird nicht völlig verschwunden sein, wie viele hoffen. Um die ambulanten Arztleistungen sachgerecht, medizinisch homogen, adäquat und betriebswirtschaftlich abzubilden, braucht es beides, eine differenzierte und möglichst schlanke Einzelleistungstarifstruktur als Basis. Es braucht diese Auslegeordnung des gesamten Leistungsspektrums, wo die Relationen der Leistungen gegeneinander austariert und abgestimmt sind. Und dann braucht es gute, homogene, medizinisch korrekte ambulante Pauschalen. Das ist heute (noch) nicht der Fall, weil man eben die Fachgesellschaften zu wenig eingebunden hat. Ohne die Mitwirkung der Fachgesellschaften kann man keinen Arzttarif bauen, das ist eine Haupterkenntnis von mir. Es muss nicht ein Wunschkonzert sein, aber man muss die Fachexpertise einholen. Und wichtig: Mit der Basis des Einzelleistungstarifs haben wir die Möglichkeit, vermehrt Leistungen, die nicht mehr von Ärzten erbracht werden, also Interprofessionalität, zum Beispiel Advanced Nurse Practitioners (ANP) und andere nichtärztliche Leistungserbringer im Tarif abzubilden. Leistungen, die früher Ärzte erbracht haben, kann heute zum Beispiel eine ANP übernehmen. Das wird die Zukunft sein, um überhaupt die Versorgung sicherzustellen, dass andere Berufsgruppen gewisse Behandlungsschritte übernehmen. Aber dazu braucht es tarifierte Leistungen, das ist klar. Das fehlt heute (noch).
Seiner «zweiten Heimat Afrika», wie er sagt, bleibt er treu und freut sich bereits auf die nächste Reise nach Lamau.
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Ende 2023 war die Einreichung des TARDOC. Die Gesamterneuerungswahlen sind am 6. Juni. Man erhofft sich einen Entscheid des Bundesrates. Es sieht aus wie ein perfekter Zeitpunkt für deinen Rücktritt. War das so geplant?
Nein, keineswegs. Als ich mich vor vier Jahren entschieden habe, nochmals eine Amtszeit anzuhängen, hatten wir den TARDOC gerade frisch eingereicht und ich war der Meinung, das braucht jetzt halt noch ein Jahr oder anderthalb, bis es umgesetzt ist und da habe ich gesagt, okay, da wollte ich noch unterstützen, es ist ja mein Baby. Dass wir heute noch immer einen Entscheid abwarten, davon bin ich wirklich nicht ausgegangen. Ich war damals, als ich im 2020 nochmals angetreten bin, der Meinung, im 2022 ist der neue Tarif eingeführt. Dann wäre ich wahrscheinlich auch vorzeitig zurückgetreten. Jetzt ist es ganz anders gekommen. Es kommt immer anders. Aber an der Forderung, dass der TARDOC nun endlich eingeführt wird und dieser Tarif aus dem letzten Jahrhundert, nein Jahrtausend, endlich abgelöst wird, daran halten wir fest.
Was wünschst du deiner Nachfolgerin oder deinem Nachfolger?
Viel Frustrationstoleranz, Freude an der standespolitischen Arbeit und an der Herausforderung, dass die Lösung nicht gleich auf dem Tisch liegt. Und hartnäckigen Durchhaltewillen. Ich hoffe natürlich, dass sie den TARDOC letztendlich doch noch ins Ziel bringen und umsetzen können, das wünsche ich ihnen, meinem Nachfolger, meiner Nachfolgerin und dem ganzen Team.
Du hast auch das Departement Digitalisierung/eHealth geführt und du bist auch Verwaltungsratspräsident der HIN. Das Thema Digitalisierung begleitet dich kontinuierlich.
Wichtig ist immer der Einbezug der Basis, der Leistungserbringer und der Anwenderinnen und Anwender. Das wurde fürs EPD nicht gut gelöst, das hat sich nun mit dem Projekt Digisanté aber hoffentlich geändert. Und wir haben damals eine Voraussetzung geschaffen, die bis heute ein Meilenstein geblieben ist, das ist die IPAG. Eine interprofessionelle Arbeitsgruppe, in der über 100 000 Leistungserbringer repräsentiert sind, die sich auf gemeinsame Standards einigen sollen. Druck bringt nichts. Die Digitalisierung wird sich bei den Ärztinnen und Ärzten sowieso fortsetzen. Ich verstehe jedoch nicht ganz, wieso der Staat, wenn er die Digitalisierung im Gesundheitswesen fördern will, nicht positive Anreize schafft. Man wollte E-Mobilität, man hat Elektroautos steuerlich unterstützt. Man wollte Solarenergie, man hat Solarpanels mitfinanziert und subventioniert. Nur im Gesundheitswesen werden die Praxisinformationssysteme und die Ärzteschaft, welche die Integration für die Digitalisierung bereitstellen muss, nicht mit positiven Anreizen unterstützt. Das wäre eine sinnvolle Investition.

Die Zeit für die Dinge, die einem wirklich wichtig sind, die muss man sich schon vor einer Pensionierung nehmen.

Mit deinem Rücktritt aus dem ZV wirst du viel freie Zeit gewinnen, hast du Pläne oder neue Projekte?
Ich habe noch einige Mandate und bin noch in Stiftungen. Es ist auch gut, nicht sofort auf Null runterzufahren. Aber ja, ich habe auch noch ein kleines Projekt. Ich habe über Jahre nebenher medizinische Beratungen für Filmproduktionen gemacht. Einerseits inhaltlich bei medizinischen Fragen des Drehbuchs, andererseits bei der Umsetzung am Filmset. Und während der Pandemie habe ich mehrere Filmproduktionen durch diese schwierige Zeit begleitet, medizinisch beraten und diverse Sicherheitskonzepte verfasst. Die Filmindustrie fasziniert mich. Und ich würde auch gerne wieder mehr fotografieren. Also langweilig wird es mir sicher nicht, denke ich. Aber vielleicht kommt dann auch alles anders. Man denkt, wenn ich mehr Zeit habe, dann mache ich dies und das, dann male ich, schreibe oder reise. Das sagen alle vor einer Pensionierung oder einem Rücktritt. Aber leider kommt es oft anders. Man kann nicht etwas 30 Jahre verschieben und dann sagen, ab heute fotografiere ich. Es funktioniert leider höchst selten. Deswegen muss man sich vorher schon Zeit für die Dinge nehmen, die einem wirklich wichtig sind.
Und deine Enkel freuen sich sicher auch sehr, dass der Opa nun mehr Zeit hat.
Ja, das ist klar, das ist schön. Aber ich habe mir trotz all der Belastungen natürlich auch vorher immer Zeit für meine Enkel genommen, das musste drinliegen. Aber das wird jetzt natürlich einfacher.
Wie alt sind sie jetzt?
Der Grössere wird 11 Jahre und seine Schwester ist 6-jährig. Im Herbst waren wir mit der ganzen Familie in Afrika, sie freuen sich schon aufs nächste Mal.
Und Reisen? Du hast Afrika erwähnt. Viele wissen vielleicht nicht, dass du eine Verbindung zu Afrika hast.
Ja, ich hatte ein Afrika-Projekt. Das ist inzwischen abgeschlossen, aber ich bin natürlich immer noch regelmässig in Afrika. Wir gehen noch immer mindestens einmal im Jahr auf die Insel Lamu, die zum Weltkulturerbe der UNESCO gehört. Das ist unsere zweite Heimat. Dort hatte ich ein kleines Spitalprojekt.
Du engagierst dich auch als Stiftungsrat der Fondation Gaydoul, die sich körperlichen und geistigen Krankheiten bei Kindern widmet. Wie bist du dazu gekommen?
Karl Schweri, der Gründer des Denner Imperiums und Grossvater von Philippe Gaydoul ist mit meinem Vater zur Schule gegangen. Daher hat mich die Familie Gaydoul, welche diese Stiftung gegründet hat, angefragt, ob ich bereit wäre, in der Stiftung Einsitz zu nehmen, um dort das medizinische Know-How einzubringen. Und ich bin sehr gerne dabei.
urs.stoffel[at]fmh.ch

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