Weniger Vorschriften – mehr Eigenverantwortung

Forum
Ausgabe
2024/2728
DOI:
https://doi.org/10.4414/saez.2024.1528801917
Schweiz Ärzteztg. 2024;105(27–28):21

Publiziert am 17.07.2024

Deregulierung
Das schweizerische Gesundheitswesen ist überreguliert. Warum das so ist und welche Probleme hierdurch entstehen, haben die Autoren Willy Oggier und Vincenza Trivigno in ihrem Buch beschrieben. Jana Siroka berichtet von Lösungsvorschlägen für Herausforderungen, mit denen sich Leistungserbringer konfrontiert sehen.
Nicht alle Regulierungen im schweizerischen Gesundheitswesen sind sinnvoll.
© Yeti88 / Dreamstime
Willy Oggier und Vincenza Trivigno zeigen am Beispiel der Rehabilitationsmedizin auf, welche Grundüberlegungen hinter der Deregulierung stehen, wo die Probleme der Überregulierung liegen und wie sinnvolle Deregulierung im schweizerischen Gesundheitswesen gelingen kann.
Im Vorwort legen sie den Fokus auf die Dringlichkeit der Deregulierung im Gesundheitswesen, insbesondere vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels, der technologischen Entwicklungen und der steigenden Kosten: «Das Gesundheitswesen gehört in der Schweiz zu den Wirtschaftszweigen mit der höchsten Dichte an Vorschriften. Einige davon sind sinnvoll, einige waren vielleicht einmal sinnvoll, andere waren es wohl nie, sind aber trotzdem noch in Kraft.»

Doppelprüfungen sind zu vermeiden

Die Rehabilitationsmedizin erbringt in der Schweiz einen hohen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Nutzen. Ihr Stellenwert wird sich angesichts der demografischen Entwicklung in der Schweiz weiter erhöhen. Angesichts des steigenden Rehabilitationsbedarfs der Bevölkerung sollte als eine der berechtigten Forderungen der Autoren auf kantonale Zulassungssteuerungs-Massnahmen in der ambulanten Rehabilitation verzichtet werden. Dies lässt sich unter anderem damit begründen, dass andernfalls der stationäre Bedarf an Rehabilitation weiter zunehmen dürfte.
Zu Bedenken sei, dass in der Rehabilitationsmedizin die Indikation bereits vorgängig und anderweitig geprüft worden ist. Doppelprüfungen seien deshalb zu vermeiden. Es wird dabei differenziert eingegangen auf die Unterschiede der ambulanten, teilstationären und stationären Rehabilitation.
Die Autoren betonen die Notwendigkeit von Flexibilität und Handlungsfreiheit, ohne die soziale Verantwortung zu vernachlässigen. Durch eine breite Palette von Vorschlägen zu Massnahmen und konkreten Fallbeispielen aus dem Bereich der Rehabilitation zeigen sie auf, dass Deregulierung nicht nur wünschenswert, sondern eine Notwendigkeit ist.

Eigenverantwortung ist wichtig

Das Buch gliedert sich in verschiedene Abschnitte, beginnend mit einer Erläuterung von Regulierung im Allgemeinen bis hin zur Regulierung in der Schweizer Rehabilitationsmedizin und geht auch auf ihre verschiedenen Funktionen ein. Anschliessend werden die Gründe für Regulierung von ökonomischer Perspektive detailliert dargelegt, wobei auf Marktversagen, meritorische Güter und sozialpolitische sowie konjunkturpolitische Aspekte eingegangen wird.
Die Autoren schlagen eine Vielzahl von Massnahmen zur Deregulierung vor, sowohl auf systemischer als auch auf betriebswirtschaftlicher Ebene. Diese reichen von der Einführung von outcome-orientierten Ansätzen bis hin zu konkreten Vorschlägen zur Reduktion des administrativen Aufwands. Eine andere Empfehlung zielt auf die Abschaffung des Kostengutspracheverfahrens für stationäre Behandlungen in der Rehabilitation.
Wichtig ist den Autoren die Eigenverantwortung der Institutionen. Sie merken an, dass Regulierung auch dadurch vermieden werden kann, wenn Akteure wo nötig eigenverantwortlich sinnvolle Selbstregulierung tätigen. Aus diesem Grund legen sie in den Anhängen Beispiele solcher Initiativen von SW!SS REHA dar.
Insgesamt bietet das Buch einen Einblick in die Problematik der Überregulierung im Schweizer Gesundheitswesen und präsentiert Lösungsansätze, die darauf abzielen, bürokratische Hürden zu reduzieren. Es ist eine spannende und stringente Schrift für alle, die sich aus ökonomischer Perspektive für eine effizientere und patientenorientierte Gesundheitspolitik einsetzen.
Jana Siroka, Mitglied des Zentralvorstands der FMH, Departementsvorsteherin stationäre Versorgung und Tarife
Weniger Vorschriften ‒ mehr Eigenverantwortung. Deregulierung in der Rehabilitation
Willy Oggier, Vincenza Trivigno
Bern, SGGP, 2024

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