Das Wasser ist nicht wärmer auf der anderen Seite des Atlantiks

Forum
Ausgabe
2024/2728
DOI:
https://doi.org/10.4414/saez.2024.1545134671
Schweiz Ärzteztg. 2024;105(27–28):22

Publiziert am 17.07.2024

Als Auslandsschweizer lese ich gerne die Schweizerische Ärztezeitung. Sie hält mich auf dem Laufenden, erzeugt ein wenig Heimweh, oft Erstaunen, manchmal Stolz, aber hin und wieder Kopfschütteln. Ich wollte schon länger einige Bemerkungen zum Thema Medizinstudium/Assistenzarzt von der anderen Seite des Atlantiks machen, denn die Thematik ist auf beiden Seiten des Atlantiks aktuell und in manchen Aspekten ähnlich. Damit meine ich das Gefühl von Anspruch und Anrecht, was wir hier «Entitlement» nennen. Ein junger Mensch wird schon in der Primarschule früh «zielgerichtet gefördert». Examen kommen, Noten werden registriert, wenn nötig werden Nachhilfestunden verabreicht, alles mit der Absicht, die Gymnasialprüfung zu bestehen. Im Gymi geht’s weiter: Fächer werden optimal für die Eignungsprüfung zum Medizinstudium gewählt. Im Medizinstudium sind Examen, Laborveranstaltungen, Pflichtvorlesungen etc. genau festgelegt, es braucht kein Nachdenken. Erfolg wird gemessen an bestandenen Examen. Am Ende des Studiums sehen sich alle diese phänomenalen Auswendig-Lerner, Examen-Spezialisten, Konformisten plötzlich konfrontiert, zu entscheiden, was mit dem Rest des Lebens anzufangen. Was für ein Arzt will ich sein? Bin ich bereit, das ohne Limiten 24/7 zu akzeptieren? Wie viel Stress kann und will ich erdulden und zu was für einem Preis? Alles Fragen, die bislang sorgfältig vermieden wurden. Das Phänomen des «Entitlement» taucht auf: Warum muss ich denn solche Fragen beantworten, ich habe ja alle Prüfungen glanzreich bestanden, habe genau befolgt, was mir gesagt wurde, ich bin ein Erfolg und wann wird dieser endlich anerkannt? Und dann sind wir erstaunt, dass ein Drittel aller Medizinstudenten beschliesst, nie zu praktizieren? Die Scheidungsrate unter Ärzten ist mit über 50% höher als in anderen Berufen. Wir, die Gesellschaft, insbesondere Eltern und Fakultätsmitglieder, tragen daran auch Schuld, indem wir die Studenten so erziehen und auslesen und von allen Unannehmlichkeiten behüten. In der Schweiz, wo der Staat die Ausbildung bezahlt, fragt man sich, ob sich diese Investition lohne. In den USA, wo die Ausbildung privat finanziert wird, ist die Frage eine andere: Wer erlaubt sich, mir zu sagen, ich dürfe nicht machen, was ich wolle, ich bezahle ja.
Thomas V. Bilfinger M.D., Sc. D., FACC, FCCP, FACS, FMH, Stony Brook, New York (Vereinigte Staaten)

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