Altersfreitod oder vernachlässigte Fürsorge

Briefe / Mitteilungen
Édition
2018/42
DOI:
https://doi.org/10.4414/bms.2018.17249
Bull Med Suisses. 2018;99(42):1451-1452

Publié le 17.10.2018

Altersfreitod oder vernachlässigte Fürsorge

Gewaltsame Suizide nehmen ab

Ich danke Hans Kurt für seine Kritik an den neuen SAMW-Richtlinien zum assistierten Suizid. An einer Stelle gibt er allerdings unnötigerweise den Befürwortern einer liberalen Regelung Argumente in die Hand, die seine Bedenken relativieren. So schreibt er: «Der Vergleich der Suizidraten mit der Anzahl assistierter Suizide zeigt, dass die Suizidrate [er meint die gewaltsamen Suizide, Anm. Verf.] nach 2008 abnimmt, hingegen die Anzahl der assistierten Suizide […] zunimmt.» Das lege nahe, so schliesst er daraus, dass «eine wachsende Gruppe älterer Menschen, die sonst ­Suizid begehen würden, die Möglichkeit eines assistierten Suizids in Anspruch nehmen». Wenn dem so wäre, würde das heissen, assistierte Suizide wären zu begrüssen, da sie ­gewaltsame Suizide verhindern. Dieses Argument hört man denn auch regelmässig von EXIT-Vertretern und anderen Promotoren des assistierten Suizids.
Ein Blick in die Statistik zeigt aber etwas ganz anderes. Laut Erhebungen des Bundesamtes für Statistik nimmt die Anzahl der gewalt­samen Suizide schon seit Mitte der 1980er Jahre kontinuierlich ab – wohl eine Frucht der Suizidpräventionsmassnahmen. Seit 2003 gehen auch die assistierten Suizide in die Statistik ein, sind aber als solche gekennzeichnet. Sie nahmen seit 2003 kontinuierlich, seit 2010 fast exponentiell zu. Seit diesem Jahr nimmt die Gesamtzahl der Suizide erstmals seit 1985 wieder zu.
Mit andern Worten: Die assistierten Suizide ersetzen nicht gewaltsame Suizide, vielmehr addieren sie sich zu ihnen und übersteigen seit 2015 sogar deren Zahl. Damit bestätigt sich ein in der Suizidforschung längst bekanntes Phänomen: je einfacher verfügbar ein Suizidmittel, desto mehr Suizide. Die SAMW fördert mit ihren Richtlinien die Suizide. Hätten wir Ärzte nicht andere Aufgaben?

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