Öfter mal die Perspektive wechseln

Zu guter Letzt
Ausgabe
2023/0102
DOI:
https://doi.org/10.4414/saez.2023.21321
Schweiz Ärzteztg. 2023;103(0102):82

Publiziert am 11.01.2023

Perspektivenwechsel: Das ist eine Fähigkeit, die Ärztinnen und Ärzte in Zeiten des shared-decision-making und der patientenzentrierten Kommunikation regelmässig anwenden. Es ist wichtig, sich auf das Gegenüber einzustellen, damit die Behandlung gelingt und die Patientin oder der Patient bereit ist, mitzumachen. Vorbei sind die Zeiten, in denen dem Herrn Doktor blind vertraut wurde und dem Gott in Weiss Folge geleistet wurde. Aber gab es diese Zeiten überhaupt jemals? In den 1950er Jahren schrieb die bekannte Kinderbuchautorin Astrid Lindgren ihre Geschichten rund um das Kleinkind Lotta aus der Krachmacherstrasse. Meine Töchter hören die Geschichten als Hörbücher rauf und runter, weshalb ich die Dialoge beinahe auswendig kann.
Eva Mell
Stellvertretende Chefredaktorin der Schweizerischen Ärztezeitung
Einmal musste Lotta zum Zahnarzt, weil ihre Mutter ein kleines Loch entdeckt hatte. Das Mädchen weigerte sich allerdings, den Mund aufzumachen. Ihre Begründung: «Ich hab ihn doch gar nicht gekannt. Ich kann nicht bei Leuten den Mund aufsperren, die ich nicht kenne.» Ein andermal versuchte ihr Bruder Jonas, sie davon zu überzeugen, ein Medikament zu nehmen. Lottas Entgegnung: «Wenn ich Medizin nehmen muss, dann beschliesse ich selber, dass ich sie nicht nehmen will, und dann nehme ich sie nicht.» Schon damals gab es also Widerspruch und eigene Meinungen. Die kleine Lotta hätte sich wohl einen patientenzentrierten Ansatz gewünscht. Der komplette Verzicht aufs shared-decision-making von ärztlicher Seite aus scheint sie in eine Verweigerungshaltung getrieben zu haben.
Ja, die Zeiten haben sich geändert. Die Zahnärztin meiner Tochter geht so gut auf das Kind ein, dass auf dem Zahnarztstuhl keine Ängste herrschen. Aber wenn es darum geht, medizinische Notwendigkeiten auch zuhause umzusetzen, gibt es noch Luft nach oben. Wer Kinder hat, kennt es: Jeden Tag dieselben Diskussionen rund ums Zähneputzen. Die Brille, die die Augenärztin angeordnet hat, lässt meine Tochter allzu gern in irgendwelchen Schubladen verschwinden, anstatt sie täglich zu tragen. Das Augenpflaster wird boykottiert oder sie versucht zu verhandeln: «Nur wenn ich Kuchen haben darf.» Aber danach muss sie wieder Zähne putzen. Die Diskussion geht von Neuem los und das Augenpflaster wird darüber letztlich sogar vergessen. Dasselbe bei der Creme, die das Kind aufgrund einer Hauterkrankung auftragen soll. Am Ende sitzt die Sechsjährige gut gelaunt in der Arztpraxis und lässt sich untersuchen, weil die Ärztin so nett ist. Die Mutter sitzt zerknirscht daneben, weil sie die ganze Wahrheit darüber kennt, wie die ärztlichen Empfehlungen umgesetzt werden – und nur die Hälfte davon zugibt.
Zeit also für einen Perspektivenwechsel, den meine Tochter einmal vollziehen könnte. Zu Weihnachten habe ich ihr einen Arztkoffer geschenkt. Mit Stethoskop, Spritze, Mullbinden, allem, was dazu gehört. Ich bin gespannt, sie in der Rolle der Ärztin zu erleben, beim Behandeln des Plüsch-Einhorns, der kleinen Schwester oder der Mutter. Ob es etwas verändern wird? Vielleicht. Aber womöglich anders, als ich es beabsichtige. Ich könnte mir vorstellen, dass mich künftig der Teddy mit geputzten Zähnen, Brille auf der Nase und eingecremtem Fell anstrahlen wird. Ich lasse mich gern überraschen.

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